Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 17 (25.4.1913)
- Date
- 1913-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. 'W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRG. BERLIN, 25. April 1913 urvkl? V'onn 'X *,D'J N' Nr. 17. ixi j_i ii t A. CORALNIK: Jabne — M. ROSEXFELD: Der polnisch-ruthenische Waffenstillstand und die Juden — liNnAL 1 : H. H. COHN: Judentum und Zionismus in Amerika (Schluss) - PALÄSTINA-RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG — SPRECHSAAL — Geschäftliche Nachrichten — Mitteilungen des Hauptbureaus des J. N. F. JABNE Als vor einigen Jahren einige jungjüdische Intellektuelle mit dem Projekte einer jüdischen Universität vor die Oeffentlichkeit traten, da schüttelten die Praktiker, die Siebenmalgescheiten die Köpfe und lächelten über diese jugendlichen, vorzeitigen, unrealisierbaren Träumereien. Eine jüdische Universität! Wozu? Und für wen? Für die Juden des Ostens? Aber es stehen ihnen doch die Hochschulen Westeuropas offen! Und auch im Osten muß es bald anders werden. Und dann — hat das jüdische Volk wirklich nichts anderes nötig als Universitäten? Haben wir denn etwa Mangel an Intellektuellen? Hundertdreißig Professoren saßen im Frankfurter Parlament und Heine rief prophetisch aus: „Vaterland, du bist verloren." Und seine Prophetie hat sich bewahrheitet. Was sind nun diese „hundertunddreißig" Professoren gegen die Zahl unserer „Professoren" oder die es werden möchten? Wozu soviel Bildung, wozu die Ueberbürdung des Volksintellekts? Vor dem Zuviel hüte dich, mein Sohn; „wer mehr als 24 Bücher bei sich hat, bringt Verwirrung ins Haus," sagt der alte Spruch im Midrasch Koheleth. Dieses Zuviel, das Ueberwuchern des Buchwesens, der Intellektualität, hat ja tatsächlich Verwirrung in unser Leben gebracht, indem es uns dem alten Milieu gänzlich entfremdete, in ein neues verpflanzte und uns vereinsamte. Wozu also eine neue Brutstätte jüdischer Ueberflüssiger und Vielzuvieler, die am Buche leiden? Das war die Antwort der Vernünftigen auf die Träumerei der jungen Hochschulschwärmer . . . Es vergingen nur wenige Jahre und aus dem Traum von ehedem ist ernste Wirklichkeit, ein dringendes Bedürfnis des jüdischen Volkes geworden. Heute schweigen die Intellektuellen und die Praktiker reden. Ohne Begründung und ideologische Verbrämung. Man braucht keine weitausgreifenden, aus der Tiefe geschöpften Motivierungen mehr, um die Notwendigkeit der Universität sonnenklar darzulegen. Was vorher, zur Zeit des ersten Keimens der Idee, noch Zukunftsmusik und dabei recht unverständliche war, ist heute Gemeinschatz und Selbstverständlichkeit geworden. Die 10 bis 15 Jahre der Zwischenzeit haben die Situation wesentlich verändert. Die Hoffnungen auf Osteuropa sind geschwunden, und Westeuropa hat uns verraten. Allerdings, ich will nicht schwarz in schwarz malen und die gegenwärtige judenfeindliche Stimmung, die in Europa herrscht, als etwas Unvergängliches, Naturnotwendiges darstellen. Im Gegenteil. Noch ist nicht aller Tage Abend und es wird sich noch manches ändern in diesem alten Europa. Aber — bis die Sonne auf geht, wird der Tau die Augen verderben — sagt das polnische Sprichwort. Das jüdische Volk kann nicht auf die Zukunft warten, tatlos Zusehen und seufzen, ohne Schaden an Leib und Seele zu erleiden. Es können inzwischen ganze Generationen zugrunde gehen. Vor allem geistig. Rußland schneidet den Juden jede Zufuhr von Bildung ab. Die Mittelschulen sind vor ihnen verschlossen. Die Hochschulen sind ihnen unzugänglich geworden. Alle Versuche der russischen Juden, eigene Schulen zu errichten, scheitern am Widerstand der Regierung und eines sehr großen, vielleicht des größten Teils der Gesellschaft. Rußland verfolgt damit eine konsequente und durchdachte Politik — es will den jüdischen Intellekt bändigen, den Juden ihre einzige Waffe entwinden. Das ist gar kein so undurchführbarer Plan. Noch einige Jahre, und diese Maßregeln werden ihre Früchte bringen. Das russische Judentum wird kulturell zurückgeworfen, geschwächt und kampfunfähig gemacht werden. Und dann? „Wenn du sie für einen Tag verläßt, verläßt sie dich für zwei Tage." Dieses altjüdische Wort ist auf die Wissenschaft gemünzt. Wer mit der Kultur nicht gleichen Schritt hält, wird verdrängt und kann nur mit Mühe und Anstrengung das Versäumte nachholen. Aber es handelt sich nicht nur um russische Juden, und nicht allein um die Reaktion. Auch aus dem Fortschritt und aus der Freiheit der Völker erwachsen den Juden Gefahren intellektueller und nationaler Natur. Gibt es einen größeren Fortschrittsgradmesser als die Autonomie und Befreiung der Nationen, als die Individualisierung der um ihre Eigenart kämpfenden Völker? Die Ruthenen in Ostgalizien, die Slovenen in Krain, die Südslaven im österreichischen Küstenland, die Vlamen in Gent und Antwerpen kämpfen für ihre nationale Kultur, kämpfen und siegen und gewinnen täglich mehr an Terrain. Und in nicht mehr ferner Zukunft wird es ruthenische, slovenische, vlämische Universitäten geben.