Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 16 504 — , .. _.. D.IE3&ELT Wendung von Entsagung und Mut, die jene neue Welt geschaffen. Wir haben in jeder Kolonie ein Stück unseres Herzens gelassen. Wir werden dort leben, dort schaffen müssen, um unser Herz wiederzufinden. Max Edgar Pataky Damaskus (Von unserem Berichterstatter.) Um es gleich vorweg zu .nehmen: Es ist kein erhebendes und trostreiches Bild, das die jüdische Gemeinschaft ih Damaskus bietet. Lassen wir uns von der lesenswerten hebräischen Schrift „Die Juden in Damaskus", von A. Almaliach — dem einzigen jungen Sephardi, der sich Bürgerrechte in der modernen hebräischen Literatur erworben hat —, über ihre Vergangenheit und Gegenwart, ihre wirtschaftliche und kulturelle . Lage informieren, so stoßen wir zumeist auf bekannte Züge jüdischen Leidens und jüdischen Mißgeschicks. Doppelt traurig aber, daß sich diesen Uebelständen allgemein jüdischen Charakters besondere Unzuträglichkeiten lokaler Natur anschließen, die zu einer energischen Abhilfe drängen. . Schon die Bibel weiß uns von starken, lebendigen Beziehungen zwischen dem jüdischen Reiche und Damaskus zu erzählen. Die Ueberlieferung kennt auch mehrere Orte neben Damaskus, die mit den Begebenheiten der israelitischen Propheten verknüpft sein sollen. Sicher ist, daß die jetzige jüdische Gemeinde in Damaskus alten Ursprungs ist. So berichtet der berühmte Reisende Benjamin aus Tudela im Jahre 1176: „Es gibt in Damaskus etwa 3000 jüdische Seelen,, darunter Gelehrte und Reiche. Dort befindet sich auch der Leiter der Jeschibah von Erez 1 s. r a el namens Rabbi Esra und die Gelehrten . . . (folgt eine Aufzählung der namhaftesten Männer)- Es gibt dort auch 200 Karäer und etwa' 400 Kuthäer (Samaritaner). Es herrscht Friede unter ihnen, obwohl sie nicht untereinander heiraten - . Einen starken Zuzug erhielt die Gemeinde von Damaskus nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Nicht weniger als 1500 Familien dieser Flüchtlinge sollen sich damals in Damaskus niedergelassen haben, die auch eine eigene Gemeinde gründeten. Sie sollen auch damals die schönste Synagoge erbaut haben, die Damaskus noch heute aufzuweisen hat- Viele Sagen und Legenden knüpfen sich an den Namen des Rabbi Chaim V LtaL (Calabrese), des bekanntesten Schürers des Kabbalisten R. Isak Lurja. Vital lebte in Damaskus 1594—1620. In den dortigen Synagogen werden an jedem Jom-Kippur-Abend die Namen der 26 Oberrabbiner, die seit Vital dort die Würde des Chachambaschi bekleideten, in feierlicher Weise verlesen. Als den fünfzehnten in der Reihe dieser Chachambaschis finden wir den Rabbiner Jakob A n t e b i, und wir können es begreifen, wenn Direktor Albert Antebi in Jerusalem neulich mit stolzem Selbstbewußtsein darauf hin wies, daß seine Vorfahren seit zehn Generationen für das Wohl des Staates wirken ... Bekannt ist die Aufregung, die sich der Gemüter der westeuropäischen Juden bemächtigte, als im Jahre 1840 die bekannte Blutbeschuldigung von Damaskus, veranlaßt durch das .Verschwinden eines christlichen Geistlichen, erhoben und viele angesehene Juden ins Gefängnis geworfen wurden. Man kann dieses Ereignis, das bald zum Signal für die Sammlung aller auf ihr Judentum stolzen Elemente wurde, in gewissem Sinne als einen Grenzstein in der Geschichte der europäischen Juden bezeichnen. Der junge Ferdinand Lassalle verzeichnete damals in seinem Tagebuche bittere Worte des Unmuts über die Feigheit der Juden, die sich solche Beschuldigungen bieten ließen. Sir Moses Montefiore setzte sich mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Befreiung der Opfer ein-. Bekanntlich gelang es Montefiore bald darauf, vom Sultan Abdul M a s c h i d in Konstantinopel einen Firma» zu erlangen, der die Verbreitung von Lügennachrichten über „Ritualmorde" der Juden als strafbar erklärte. Nach dem Wortlaut dieses Firmans, der noch jetzt in Jerusalem aufbewahrt wird, ist es jedem streng verboten, den Juden ihre von den Sultanen erhaltenen wohlerworbenen Rechte streitig zu machen . . . Vielleicht war es der Neid der christlichen Bevölkerung gegen die damals glänzende wirtschaftliche Stellung der Juden von Damaskus, der den Hintergrund zu dem Blutmärchen bildete. Denn um jene Zeit galten einige Familien als die „Rothschilds von. Damaskus^- '“Das Vermögen einer dieser Familien (Schmaja Angil). wurde auf 13. Millionen Frcs. geschätzt- Ueber den Reichtum einer anderen Familie (Stambuli) findet sich in dem bekannten Buche „Nach Jerusalem“, von Ludwig August Ft au kl, der diese Familie im Jahre 1856 in Begleitung des Barons Alphons Rothschild besuchte, eine anmutige Schilderung. Jedoch ist heute von dem Vermögen dieser „Rothschilds" nicht -viel übrig geblieben. Sie bestritten In. ihrer .Glanzzeit freigebig die Ausgaben der Gemeinde, aber sie verstanden es nicht,. .Institutionen von Dauer ins Leben zu rufen. So ist heute die jüdische Gemeinde Damaskus fast aller gemeinnützigen Institutionen bar. Die Nachkommen jener Millionäre sind heute zum Teil sehr verarmt, — eine Erscheinung, der wir oft genug in der Geschichte der Juden begegnen. Heute zählt Damaskus nach behördlichen Angaben zirka 400 000 Seelen, darunter ca. 30 000 Christen und 17 000 Juden. Etwa 3—4 Juden sollen noch ein Vermögen von 1—500 000 Franken, 150—200 Familien etwa Je 20—100 000 Frcs. besitzen. Die übrigen Juden verdienen -ihren Lebensunterhalt als Arbeiter und Handwerker. Interessant ist, daß in der größten Batikfabrik, die ausschließlich Christen gehört, bloß Juden arbeiten und zwar ca. 1000 Personen, Männer, Frauen, Knaben und Mädchen (im Alter von 4 Jahren aufwärts). In derselben Branche gibt es noch zwei kleinere Fabriken, deren Besitzer Juden sind und die ca. 200 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigen. Der .höchste Lohn des tüchtigsten Arbeiters beträgt 70 Frcs. monatlich. Etwa 400 Juden betreiben Weberei jeder Art. Der höchste Lohn ist hier 40 Frcs. monatlich. Fernergibt es ca. 15 jüdische Färbereien, die etwa 150 Personen beschäftigen. In der Regel verdienen diese 40—80 Frcs. monatlich. In letzter Zeit vereinigten sich die jüdischen mit den mohammedanischen Färbereien und Unterzeichneten beim Chachambaschi einen Lohntarif, der den Arbeitern bessere Bedingungen gewährleistet. Viele Juden sind noch in der Seidenweberei tätig, die aber ihren Mann schlecht ernährt. Sonst sind die Juden in Damaskus Schuhmacher, Klempner, Tischler, Schmiede, Hausierer, Kaufleute usw. Ihre Bedeutung im Handel kommt jedoch nicht zur Geltung. Abgesehen also von den. oben genannten Branchen gleicht die ökonomische Struktur etwa derjenigen der Juden in Jemen, mit dem Unterschiede freilich, daß die Lebenshaltung der Juden von Damaskus doch eine höhere ist, als die der jemenitischen Juden. Eine jüdische Volksbank oder Leihgenossenschaft gibt es in Damaskus nicht, wie überhaupt die dortigen Juden bisher nichts unternommen haben, ihre wirtschaftliche Position zu stärken. — Die Stadt gestaltet sich in bezug auf Handel und Wirtschaftsleben immer mehr zu einer christlichen Domäne. Noch ungünstiger ist die kulturelle Lage. Sprachlich sind die Juden von Damaskus völlig arabisiert. Selbst das spaniolische Idiom konnte sich hier nicht behaupten. Die aus Spanien eingewanderten Juden, die ursprünglich kulturell viel höher standen als die einheimischen Juden, wurden von diesen dermaßen beeinflußt, daß heute nichts mehr an die spanische Herkunft erinnert. Die kulturelle Einwirkung der arabischmohammedanischen Umgebung ist so stark, daß es schon rein äußerlich schwer fällt, zwischen einem Moslim und einem Juden zu unterscheiden. Auch die Namen der Männer und Frauen sind arabisch. Von der modernen jüdischen Renaissancebewegung hat man hier keine Ahnung. 80 o/o. der hiesigen