Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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502 DIE3§KELT Nr. 16 PALASTINA-RUNDSCHAU Die Palästina-Wanderfahrt (Veranstaltet vom Bund Jüdischer (Korporationen, dem Kartell Zionistischer Verbindungen und der Jüdischen Turnerschaft.) Wir berichteten in Nr. 10 unseres Blattes über die Veranstaltung einer Palästinawanderfahrt junger deutscher Zionisten unter Führung unseres Freundes Dr. Z loci st i. Ein Teilnehmer an der Fahrt, Herr stud. M. E. Pataky, Mitglied der Verbindung Hasmonaea in Berlin, übersendet uns folgenden Reisebericht, dem noch weitere folgen sollen. Die Teilnehmer an unserer Fahrt trafen sich am Mittwoch, den 11. März 1913. Wir organisierten uns gemäß den Vorschlägen Dr. Zlocistis in Gruppen von je fünf und wählten Herrn cand. med. Siegfried Rosenbaum (Verein Jüdischer Studenten) zum Führer und Vorsitzenden der Gruppenführerversammlung. Des abends feierten wir einen feucht-fröhlichen Kommers in den Räumen des V. J. St., München, dessen Gäste wir Der nächste Morgen führte uns von München südwärts durch die sonnenbestrahlten, schneeweißen Tauern gen Triest, wo wir von der Triester Ortsgruppe in überaus liebenswürdiger Weise in Empfang genommen wurden. Die Gesinnungsgenossen hatten für Quartiere und ein ausgezeichnetes Abends essen gesorgt, luden uns zu einem Glase Wein, bei dem uns der Vizepräsident, Professor Dr. Freud, aufs herzlichste bewillkommn ete, Dr. Schemarjahu L e v i n , der zu allgemeiner Freude unser Reisegenosse ist, einige Worte über unsere, der Jugend, Aufgaben sprach und Dr. Zlocisti unseren Dank beredt zum Ausdruck brachte. Am folgenden Tage wurden wir durch die Schönheiten der Adriastadt hinauf nach dem Aussichtspunkt Opcina geführt, von dem wir hinausschauten auf das gastliche, frühlings-Ieuchtende Triest und die blaue Adria, die uns bald unserm Ziele, unserm Lande entgegentragen sollte. Wir schieden voll Dankbarkeit und ein kräftiges Hedad erscholl aus 42 Kehlen, als die „Wien" hinausfuhr gen Alexandrien. Wir dachten zunächst, wir würden die einzigen Zionisten an Bord sein, trafen aber eine ganze Anzahl Gleichgesinnter an, darunter Herrn Levontin und Mr. S. B. Rubinstein aus London. An Bord führten wir ein frohes Leben. Unter Rosenbaums Leitung wechselten gemütliche Zusammenkünfte mit straffem Turnen ab, der Kapitän ließ uns das gesamte Schiff zeigen, und bevor wir das heilige Land, das jüdische Land beträten, sprach Dr. Levin noch einmal zu uns von all dem, was sich da unseren Augen zeigen sollte, was noch mangelte, was wir schaffen sollten, von dem, was geleistet wurde und von dem, was auf uns wartet, von der Pflicht, uns selbst zu befreien und der Pflicht der Erlösung unseres Volkes. So wechselte Ernst und Freude, doch zu jeder Stunde waren wir froh und siegesbewußt, daß wir als Kundschafter des Volkes, als Vorboten des neuen Frühlings hinausziehen durften gen Palästina. In Alexandrien kamen wir gut an, setzten unsere Reise fast unmittelbar fort und zogen spät abends in Kairo ein. Der Cerde National Juif sorgte für Abendessen und Quartiere, seine Mitglieder führten uns am nächsten Morgen durch die Schönheiten der Khedivestadt, von denen die Moschee El-Azar, die größte mohammedanische Universität, und die Alabaster-Moschee tiefen Eindrude auf uns machten. Am Nachmittag standen die Turnfahrer zu Füßen der Pyramiden von Gizeh. Zum Abend waren wir Gäste des Cercle zu einem solennen Festessen und verbrachten noch einige Stunden in den Räumen der Bne-Brith-Loge Kairos. Der Cercle National Juif hat während seines zweijährigen Bestehens unter Leitung seines Präsidenten M. Caleff in Kairo nach den uns gemachten Angaben recht Erfreuliches geleistet. Ihm soll es gelungen sein, das in den maßgebenden Kreisen Kairos früher „unmögliche“ Nationaljudentum lebensfähig zu machen, weite Schichten für eine positiv-jüdische Arbeit zu gewinnen, so daß Ben Jehuda, der uns bei dem Bankett durch seine Anwesenheit und einige Begrüßungsworte ehrte, in Kairo bedeutende Geldmittel für sein enzyclopädisches jüdisches Werk erlangen konnte. Alle, die gen Palästina ziehen, mögen durch Aegypten wandern. Wir schieden schweren Herzens. In Port Said bestiegen nun alle den „Baron Call", der uns nach Palästina hinüberführen sollte. Und nun waren wir fn unserem Land. Die Sonne ging gerade über den Höhen um Jaffa auf und leuchtete uns, strahlend wie unsere Hoffnung, kraftvoll wie unser Wollen. Die ersten Bilder waren von liebenswürdiger Abwechslung. Die ankommenden Landungsboote, der Sturm der Araber auf das Schiff, das Hinabfallen in den Kahn, die Klippenfahrt, die Straßen Jaffas — welche Straßen! — das Araberviertel, die Judengassen. Als erste Institution auf palästinensischem Boden besuchten wir die Anglo-Palestine Co. Ein herzlicher Empfang ward uns zuteil und als dauerndes Erinnerungszeichen überreichte man uns eine zu Ehren der Palästinafahrer veröffentlichte kurze Uebersicht über die Tätigkeit der Company. Schon hier aber, wie in Kairo, machte sich ein Mangel immer störender bemerkbar. Die Sprache der palästinensischen Judenheit ist hebräisch, bedingungslos hebräisch. Wir dagegen haben nur einen unter uns, der die Sprache, wenn auch mit askenasischer Vokalisation, sprechen kann und ganz wenige von uns verstehen, wenn hebräisch gesprochen wird. Während der wenigen Tage, die wir hier verbracht, haben wir alle eingesehen, daß es vollständig ausgeschlossen ist, ohne Kenntnis des Hebräischen das jüdische Land zu bereisen. Und daß es allen, denen es Ernst ist mit dem neuen Judentum, eine heilige Pflicht sein muß, bereits im Galuth hebräisch zu lernen, ja, hebräisch zu sprechen. Von der Anglo-Palestine Company zogen wir nach Tel- Awiw. Der Eindruck ist ein unvergeßlicher, überraschend schöner. Aus den Windungen der schmutzigen, übelriechenden Araberstadt mit ihren zerlumpten Typen tritt man in ein freies Land, in ein lachendes Städtchen, unter frohe, strahlende Menschen. Freundliche Straßen, saubere Häuschen, grünende Anlagen zeugen von moderner, durchdachter, segensreicher jüdischer Tätigkeit. Die Tumfahrer wurden im Palästinaamt von Herrn Dr. Ruppin bewillkommnet und genossen vom Baikone des Hauses den herzerfreuenden Anblick der ersten städtischen jüdischen Siedelung. Am Abend führten uns die Turner des „Maccabi" in Tel- Awiw einige trefflich durchgeführte Freiübungen vor, für die wir mit gleicher Münze quittierten. Sodann zogen wir in die Aula des Gymnasiums. Das Lehrerkollegium und die Schüler der beiden obersten Klassen begrüßten uns bei unserem Einzug mit viel Herzlichkeit, um nachher in den an uns gerichteten Ansprachen mit großer Schärfe unsere Unkenntnis des Hebräischen zu tadeln. Lehrer und Schüler des Gymnasiums sind sich völlig einig in der nachsichtslosen Verfolgung aller nichthebräischen Sprachen, sind sich bewußt, daß es heißt, dem Hebräischen die schwer errun-