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Die Welt · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16 499 die^kelt Wieder begann ein langwieriger Rechtskampf und die Anrufung höherer Instanzen. Allein alle Vorstellungen und Bitten der bedauernswerten jüdischen Studenten blieben erfolglos: Vor einigen Tagen erhielten sämtliche „wohnrechtslosen“ freien Hörer und Hörerinnen die polizeiliche Aufforderung, innerhalb einer kurzen Frist die Stadt Kiew zu verlassen. In letzter Stunde wurde beim Generalgouvemeur ein zeitweiliger Aufschub der Ausweisungen erwirkt, doch ändert dies nichts an der Tatsache, daß 1700 jüdische Lembeflissene, die seit Jahren in Kiew ihren Studien obliegen, in den nächsten Monaten gezwungen sein werden, ihr Studium plötzlich zu unterbrechen und die „heilige" Stadt zu verlassen. Ausländerhetze unter den französischen Studenten Wie sehr böse Beispiele gute Sitten verderben, ist in der Konferenz der französischen Medizinstudierenden, die kürzlich hier stattfand, wieder einmal zutage getreten. Ganz nach deutschen Mustern wurde eine Resolution gefaßt, die sich dem Wortlaute nach zwar gegen alle ausländischen Studenten richtet, in Wirklichkeit aber lediglich die jüdischen Studierenden aus Rußland treffen soll. Die französischen Medizinstudierenden fordern 1. daß die Ausländer von dem Studium an den medizinischen Fakultäten Frankreichs vollständig ausgeschlossen werden sollen; 2. daß es den ausländischen Studenten im allgemeinen verwehrt sein soll, sich in Paris zu konzentrieren; es sind vielmehr Maßnahmen zu treffen, um ihre Verteilung über die Universitäten der Provinz herbeizuführen; 3. daß künftig Ausländer zur Ausübung der ärztlichen Praxis in Frankreich nicht mehr zugelassen werden sollen, selbst wenn sie im Besitze eines französischen Diploms sind, und daß die bereits praktizierenden Ausländer zur Erwerbung des französischen Bürgerrechtes und zur Leistung von Militärdienst angehalten werden sollen. — Man sieht, aller Chauvinismus und Deutschenhaß kann es nicht verhindern, daß die reaktionär - antisemitische deutsche Studentenschaft auch in Frankreich Schule macht. Der König von Italien Aber die Juden als Diplomaten Zum Gesandten des Königreichs Italien in Kopenhagen wurde vor kurzem Conte d i C a r u b i o, ein Jude, ernannt. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekleidete bereits ein anderer Jude, Isak Artom, das gleiche hohe Amt. In einer Unterredung mit einer führenden Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde Roms sprach König Victor Emanuel seine Genugtuung darüber aus, daß er einen jüdischen Diplomaten auf einen so hohen Posten berufen konnte. Seit langem sei er überzeugt, daß die Juden gerade für den diplomatischen Dienst hervorragend befähigt sind, und er habe wiederholt beabsichtigt, Juden zu Gesandten und Botschaftern an fremden Höfen zu ernennen, doch zeigten sich die betreffenden Regierungen, darunter auch die eines als entschieden liberal geltenden Staates, abgeneigt, einen jüdischen Gesandten zu akzeptieren. Bloß der König von Dänemark habe der Ernennung eines Juden als Gesandten an seinem Hof bereitwillig zugestimmt. Die Europa-Sperre Als Napoleon England ruinieren wollte, da beschloß er eine sehr einfach« und in ihrer Tragweite unabsehbare Maßregel — die Kontinentalsperre. Das Prinzip war: England vom Kontinente auszuschließen, ihm alle Häfen zu sperren, jede Verbindung mit der Außenwelt unmöglich zu machen. Wäre nun Napoleon länger am Ruder geblieben, so hätte er wahrscheinlich sein Ziel erreicht. England wäre das geworden, was Holland heute ist, ein kleines und unmaßgebliches Land . . . Was Napoleon gegen England unternahm, das wiederholt jetzt Europa — den osteuropäischen Juden gegenüber. Ist es Furcht, ist es Haß, ist es der Ausfluß der allgemeinen Reaktion? Gründe sind billig wie Brombeeren. Und es kommt uns gar nicht auf die Aufspürung der Gründe und Zusammenhänge an. Wir müssen uns damit begnügen, die Tatsache zu konstatieren und auf Abhilfe bedacht zu sein. Europa sperrt die Universitäten vor der russischjüdischen Jugend. Das ist der neueste, meiner Ansicht nach der entscheidendste Schlag, der gegen die Juden geführt wird. Man hat allerdings in jüdischen — und noch mehr in nichtjüdischen — Kreisen über die Ueberhandnahme der Intellektuellen, über das Zuviel auf geistigem Gebiete geklagt. Aber die Klage war ungerechtfertigt. Die Kraft des Judentums — das war ja die Intellektualität. Nur ein geistig starkes Volk konnte sich aller Welt zum Trotz behaupten. Der Geist, die Bildung waren die Waffen des Judentums im Daseinskämpfe. Der polnische und lithauische Jude hat seine Individualität, sein Ich nur dadurch retten können, daß er einen starken Rückhalt an seiner Kultur hatte. Die Kultur war von der allgemein europäischen verschieden — aber sie war eine geschlossene und stand auf eigenen Füßen. Und der Weg von dieser Kulturform zur allgemeinen war nicht weit. Wie wäre denn sonst die wunderbare und — wunderliche Figur eines Salomon Maimon zu erklären, der in kürzester Zeit den Saltomortale von den Niederungen des polnisch-litauischen Vegetierens zu den Höhen des europäischen Denkens fertig gebracht hat? Nun hat sich seit Maimons Zeiten so manches geändert. Die altjüdische Kulturform hat sich gelockert, neue Forderungen, Ansprüche und Fragen sind an das Judentum herangetreten. Das Judentum kann die europäische Bildung nicht mehr entbehren. Gerade weil es um Eigenwerte ringt, für eine neue Existenz kämpft. Und eben in diesem entscheidenden Augenblick unseres historischen Lebens fällt uns Europa in den Arm. Deutschland voran. Jubeljahre bringen ja manche „Freiheiten“ mit sich. Und so hat auch das Jahr 1913, das Jubeljahr der „Freiheitskriege“, dem Deutschen Reiche die — „Freiheit“ der Reaktion und der Xenophobie gebracht. Früher genierte man sich ja ein klein wenig. Man pochte in Deutschland noch auf die alten freiheitlichen Traditionen der deutschen Universitäten. Die Universität von Heidelberg, die einst Spinoza einen Lehrstuhl anbot, die Universität Jena, von der aus Fichte seine machtvolle Stimme erschallen ließ, Leipzig, die einstige Universität der „Nationen“, die Berliner Universität, der Wilhelm v. Humboldt Pate stand, all' diese Lehranstalten waren bisher stolz darauf, freie Stätten der Wissenschaft und der Forschung zu sein, abseits von jeder Politik und jeder Reaktion. Aber es gibt Momente, wo man der Freiheit — müde wird. Und in Deutschland sind wir offenbar an dieser Zeitwende angelangt. Die Studenten haben den Anfang gemacht. Ihr germanischer Stolz vertrug die Nachbarschaft der jüdischen Studenten nicht und sie protestierten. Diese Proteste fanden williges Gehör bei den Behörden.

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