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Die Welt · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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498 Nr. 16 DIESqKELT in Zukunft derartige, das Ansehen des Rabbinats und somit auch das Ansehen der Gemeinde schädigende Reklamenotizen des Rabbinats unterbleiben." Die Interpellation, die einen seit lange bestehenden Schaden aufdeckt, begegnete allgemeinem Verständnis. Demission des Kultuspräsidenten Dr. Stern (Spezialtelegramm unseres Korrespondenten.) Wien, 16. April. In Ergänzung meines Berichts über die Vorgänge im Gemeindevorstand, teile ich Ihnen mit, daß Kultuspräsident Dr. Stern sowie das Mitglied des Vertreter-Kollegiums Kuffner soeben ihr Amt niedergelegt haben. Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden Die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden fand Sonntag, den 13. April, in Berlin statt. Die starkbesuchte Versammlung nahm mit Befriedigung den Rechenschaftsbericht des Vorstandes zur Kenntnis. Herr Dr. James Simon, der Vorsitzende des Vereins, erstattete den allgemeinen Bericht über d»>. Hilfstätigkeit und das Schulwerk, während Herr Dr. Paul Nathan ausführlich über das durch den Balkankrieg nötig gewordene Hilfswerk auf dem Balkan berichtete. Aus dem Jahresbericht geht hervor, daß die Entwicklung des Hilfsvereins der deutschen Juden auch im abgelaufenen Jahre eine günstige war. Der Hilfsverein hat über 26 000 Mitglieder und mehr als 170000 M. Jahresbeiträge. Zu diesen regelmäßigen Beiträgen brachte das Jahr 1912 wieder eine Reihe von Schenkungen und Zuwendungen. Die einmaligen Beiträge inklusive Stiftungen und die Mitgliederbeiträge betrugen eine Million Mark. Unter den einmaligen Spenden ist besonders eine Zuwendung von Herrn Dr. James Simon im Betrage von 100 000 M. zu erwähnen. Ferner wandten zwei bekannte Förderer der jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina dem Hilfsverein größere Summen für palästinensische Zwecke zu; Herr Gotz aus Moskau stiftete 50 000 M. für das Rabbinerseminar in Jerusalem, Herr Feinberg aus Irkutsk 50 000 Frcs. für ein jüdisches Mädchenheim in Palästina. In rund 50 Bildungsanstalten aller Art, die der Hilfsverein unterstützt oder unter seiner eigenen Verwaltung hat, werden heute etwa 7000 Zöglinge herangebildet. Das Schulwerk, an dem der Hilfsverein beteiligt ist, besteht u. a. aus 14 Kindergärten, 10 Knabenschulen, 3 Mädchenschulen, 7 gemischten Schulen (2 Kolonieschulen), 1 Mittelschule, 1 Handelsrealschule, 1 Handwerkerschule, 2 Fortbildungsschulen, 1 Lehrerseminar, 1 Kindergärtnerinnenkursus, 1 Rabbinerkursus, 2 Mädchenheime. Nahezu 30 dieser Anstalten, wovon der größte Teil unter eigener Regie des Hilfsvereins steht, befinden sich in Palästina und Syrien. Das Technikum in Haifa, in dessen Kuratorium der Hilfsverein entsprechend vertreten ist, soll bereits im April 1914 eröffnet werden. Die Ausgaben für das Schulwerk betrugen im Jahre 1912 rund 280 000 M. Das Hilfswerk für die notleidenden Juden im Osten hat im Jahre 1912 besonders große Dimensionen annehmen müssen. Erdbeben in der Türkei, der Balkankrieg und die starke Auswanderung der Juden aus Rußland infolge des immer wachsenden Druckes und der fortgesetzten Ausweisungen machten große Aufwendungen nötig. Das Hilfswerk für Rußland und die Auswanderung erforderten im Jahre 1912 rund 215 000 M- Die gesamten Ausgaben des Hilfsvereins waren entsprechend der großen Not unter den Juden im Orient und in Osteuropa erheblich höher als im Vorjahre, nämlich 664000 Mark und erhöhten sich bis zum April dieses Jahres infolge des Balkanhilfswerks auf über 900 000 M. Wüste antisemitische Ausschreitungen in Böhmen (Von unserem Berichterstatter.) Prag, 13. April. In Kolin bei Prag ist es am Sonntag zu unglaublich wüsten Szenen gekommen. Die tschechisch-nationalen Juden hatten ohne Rücksicht auf die durchaus noch nicht beruhigte Stimmung der Bevölkerung eine Versammlung einberufen, in der ein Prager Redner über den Ritualmordwahn sprechen sollte. Die Versammlung wurde behördlich verboten. Daraufhin beriefen die Christlichsozialen eine Versammlung ein, in der der durch die letzten Vorgänge berüchtigte Katechet Dr. Hrachovsky und der antisemitische Redakteur und frühere Abgeordnete Myslivec „das christliche Volk harangierten". Diese Versammlung wurde vom Polizeikommissär aufgelöst. Die Versammlungsteilnehmer zogen hierauf zur Bezirkshauptmannschaft, wohin sich auch Pater Hrachovsky begeben hatte. Auf dem Wege kam es zu. wüsten Szenen gegen jüdische Frauen und Männer, die sich nur durch eilige Flucht vor schweren Mißhandlungen retten konnten. Die fanatisierten Weiber beschimpften auch die Gendarmerie, die Menge schrie, die Juden hätten die P a v 1 i k erschlagen, und ihre Wunden mit Kitt verklebt. Ein altes Weib schrie: „Auch mich wollten sie töten, steckten mir einen Spund in den Hals, knebelten mich undschleppten mich zur Fabrik in Zolabi, aber ich lief ihnen davo n." Die Menge brüllte, die Juden hätten die Behörden bestochen. Die Bezirkshauptmannschaft bewilligte die Fortsetzung der aufgelösten klerikalen Versammlung. Ein Priester hetzte die Menge immer mehr gegen die Juden auf, die sich ganz schutzlos sahen. Die klerikalen Zeitungen, besonders der Prager „C e c h‘‘ erklären unverhohlen, daß die Koliner Juden die P a v 1 i k zu rituellen Zwecken geschlachtet hätten. Ein Arbeiter habe an ihrer Leiche deutliche Wunden an der linken Seite und an beiden Händen bemerkt. Und der Obduktionsbefund sei gefälscht! Es ist sehr bezeichnend, daß es nach dem klaren behördlichen Obduktionsbefunde zu derartigen Szenen kommen konnte. Eine andere Frage ist es, ob die tschechischen Juden mit der genügenden Vorsicht vorgegangen sind und ob sie nicht die Intensität der antisemitischen Stimmung unterschätzt haben. Die Ausweisung von 1700 Jüdischen Studenten aus Kiew 1 i ';! Kiew. Die hiesige Handelshochschule, die vor einigen Jahren aus einem Privatinstitut in eine staatliche Anstalt umgewandelt wurde, wird von 1700 jüdischen Studenten und Studentinnen besucht. Bei der Uebemahme der Handelshochschule in staatliche Verwaltung hatte die Regierung in die Satzungen der Anstalt eine Bestimmung eingefügt, wonach für die Aufnahme jüdischer Studierender eine Prozentnorm mit rückwirkender Kraft festgesetzt wird. Die 1700 jüdischen Handelshochschüler waren infolgedessen mit einem Schlage aus der Anstalt ausgeschlossen. Nach jahrelangen Kämpfen gelang es ihnen, durchzusetzen, daß sie wenigstens als „freie Hörer" zugelassen wurden. Jetzt erklärten aber die Kiewer Behörden, daß sie als freie Hörer nicht das Wohnrecht in Kiew besäßen und die Stadt verlassen müßten.

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