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Die Welt · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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O li □ □ □ □ □ D WELTCHRONIK □□□□□□ Die Amtseinführung des neuen Chief-Rabbi (Von unserem Berichterstatter.) London. Letzten Montag wurde der Chief Rabbi feierlich in sein Amt eingeführt. In der Großen Synagoge, wo ein besonderer Gottesdienst stattfand, war der Lordmayor von London mit seinem Gefolge, sowie auch zahlreiche Geistliche erschienen, um der Amtseinführung des Chief Rabbi beizuwohnen. Lord Rothschild, der die Wahl des Dr. Hertz endgültig durchgesetzt hat, begleitete mit den anderen Würdenträgern der United Synagogue den neuen Chief Rabbi beim Einzug und Verlassen der Synagoge. Die Predigt des neuen Chief Rabbi, in der er seinen konservativen Standpunkt betonte und großes Gewicht auf die Beibehaltung der hebräischen Sprache legte, machte auf die Gemeinde einen tiefen Eindruck. Am selben Abend sollte eine Versammlung der zahlreichen in London anwesenden- Mitglieder der Konferenz Jüdischer Ministers (Kultusbeamten) stattfinden. Während die Chief Rabbi-Frage nun ihre Erledigung gefunden hat, haben sich die Kultusbeamten mit um so größerem Eifer auf die Erörterung ihrer eigenen Standesprivilegien geworfen. Die alte Frage/ob die Kantoren den Predigern oder gar den Rabbinern als gleichgestellt zu betrachten seien, ist wieder angeschnitten worden. In der Konferenz der „Ministers" wurde vorgeschlagen, daß höchstens zehn Kantoren aus London und zehn aus der Provinz Mitglieder der Konferenz werden können. Es ist unwahrscheinlich, daß diese Bestrebungen zu praktischen Erfolgen führen werden, vielmehr ist zu erwarten, daß die Konferenz sich schließlich auflösen, und in die zwei schon jetzt bestehenden Organisationen der Kantoren und Prediger aufgehen Wird. Wahrscheinlich wird auch der neue Chief Rabbi einen wohltätigen Einfluß auf die opponierenden Ministers beider Schattierungen ausüben. Die Affäre eines jüdischen Parlamentariers in England Die jüdischen Politiker Englands haben letztens viele Unannehmlichkeiten gehabt. Die viel erörterte Marconi-Affäre ist an dieser Stelle auseinandergesetzt worden (vgl. Welt Nr. 14). Nun schwebte seit einiger Zeit eine Untersuchung darüber, ob ein jüdisches Mitglied des Parlaments, Sir Stuart Samuel, ein Bruder des Post-Ministers, sein Mandat weiter ausüben dürfe oder nicht. Die indische Regierung hat nämlich durch Sir Stuart Samuels Firma, Samuel Montagu 8- Co., Silber gekauft, und nach einem alten Gesetz soll kein Parlamentsmitglied, bei Strafe von 500 £ für jede Sitzung in der er seine Stimme abgibt, ein Geschäft mit der Regierung eingehend- Die Sache hat viel Staub aufgewirbelt und ist in gewissen Kreisen gegen die Juden gehörig ausgebeutet worden. Es ist nun entschieden worden, daß Sir Stuart Samuel, obwohl gegen seine Handlungsweise nichts einzuwenden sei, sein Parlamentsmandat niederlegen müsse. Es ist bedauerlich, daß es zu dieser Entscheidung gekommen ist, und es wäre vielleicht richtiger gewesen, wenn Sir Stuart Samuel freiwillig auf sein Mandat verzichtet hätte. Es heißt allerdings, die Führer der Liberalen Partei, der er angehört, seien dagegen gewesen, da seine Demission zu dem Verlust eines liberalen Sitzes führen könnte. Sir Stuart Samuels Wahlkreis ist Whitechapel, was das jüdische Interesse an der Sache noch erhöht. Sir Stuart Samuel beteiligt sich in hervorragendem Maße am jüdischen Gemeindeleben, für das nationale Judentum hat er freilich nichts übrig. Aus dem Wiener jüdischen Gemeindeleben (Eine erfolgreiche zionistische Aktion. — Zionistische Anträge und Interpellationen.) (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Der Wiener jüdische Volksrat und die zionistischen Kultusvorstände, Hof- und Gerichtsadvokat Dt. Jakob Ehrlich und Ob.-lng. Robert Stricker, dürfen mit Genugtuung auf den ersten greifbaren Erfolg seit dem Einzuge der Zionisten in die Kultusstube zurückblicken. Sie haben in einem wichtigen Zweige der Gemeindeverwaltung, in der Frage der Vergebung öffentlicher Arbeiten und Lieferungen der Kultusgemeinde, Remedur geschaffen. Wie wir berichteten, hat die Wiener Kultusgemeinde in der nächsten Zeit das Kinderspital in der Leopoldstadt, den neuen Friedhof, einen Gemeindetempel und ein würdiges Repräsentationshaus zu errichten, und man mußte bei diesen großen Investitionen befürchten, daß weiterhin das bisherige häßliche und schädliche System der „Vergebung unter der Hand" praktiziert würde. Unsere beiden Kultusräte und mit ihnen der jüdische Volksrat entfalteten eine energische Aktion, damit zunächst die unmittelbar bevorstehende Vergebung des Kinderspitalbaues im Konkurrenzwege und nicht — im Protektionswege erfolge. Der jüdische Volksrat veranstaltete öffentliche Versammlungen der Interessenten und sorgte für aufklärende Referate in den Bezirkskommissionen, unsere beiden Mandatare mühten sich um die Aufklärungsarbeit im Vorstande selbst. An zwei Kultusvorständen, den Herren Brod und Architekt Gärtner, hatten sie von vornherein dankenswerte Mitarbeiter gefunden. Die entscheidende Sitzung fand Donnerstag, den 10. dieses Monats, statt. Unter dem Einflüsse des Präsidenten, Herrn Dr. Stern, der sich weder durch die Deputation fachlicher Verbände, noch durch Versammlungskundgebungen umstimmen ließ, hatte das Vertreterkollegium dem Plenum einen Beschluß unterbreitet, wonach lediglich einige von ihm auszu wählende Architekten zur Ueberreichung von Bauplänen aufzufordern wären. Nach einem ausführlichen Referate Dt. E h r 1 i c h s und einer zutreffenden Kritik Ing. Strickers wurde der Antrag des Vertreterkollegiums niedergestimmt und mit 19 gegen 13 Stimmen beschlossen, den Spitalsbau im Wege des freien Wettbewerbes unter allen jüdischen Interessenten zu vergeben. Bei diesem Anlasse hat sich gezeigt, daß sich im Vorstande für unsere guten und gerechten Forderungen trotz der Parteigegensätze eine Mehrheit finden läßt, was uns mit den besten Hoffnungen für die so nötige Reform der Gemeindeverwaltung an Haupt und Gliedern erfüllt. Von der sonstigen Tätigkeit der zionistischen Kultusvorstände sei hervorgehoben, daß der von ihnen seinerzeit eingebrachte Antrag auf Einsetzung einer Palästinakommission bereits das Vertreterkollegium passiert hat und in der nächsten Sitzung des Plenums zur Beratung gelangt. Dr. Ehrlich brachte einen Antrag, betreffend die dringende Gehaltsregulierung der Beamtenschaft der Kultusgemeinde ein. Erwähnenswert ist ferner eine Interpellation unserer Vertreter, welche sich mit der öffentlichen Anpreisung einer Firma seitens des Rabbinates beschäftigte. Sie fragten den Präsidenten an, „ob er derartige Kundmachungen des Rabbinats nicht für unzulässig hält und ob er gesonnen ist, Vorkehrungen zu treffen, damit

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