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Die Welt · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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.496 Nr. 16 von deren Kraft und Wesen er so innig überzeugt war. Er vertiefte sich in das Leben und die Kämpfe jener intellektuellen russischen Kreise der fünfziger und sechziger Jahre, und eine neue Welt ging ihm auf. Ist das nicht dieselbe Sehnsucht nach dem Outen und Schönen, nach der großen sittlichen Läuterung der gesamten Menschheit, wie sie die Mission des Judentums verheißungsvoll verkündet? In diesem Gedanken lag die neue Offenbarung, aus welcher Lewanda so viel Kraft und Glauben geschöpft hat. Die zwei Seelen, die in seiner Brust wohnten, machten in ihm den Gedanken reif, das russische Judentum habe im Slawenvolke den einzigen Freund und Beschützer seiner Zukunft, dem es sich allerdings mit Liebe und Aufopferung hingeben müßte. Keine Assimilation, sondern ein geistiges Vasallentum, ein Zusammenleben zweier großer Volkspsychen, eine J udäo-Slawische Ideenwelt — das war für Lewanda die Lösung des Ghettoproblems. Lewanda war die Verkörperung des Ringens nach Erlösung und Selbstbefreiung. Weder konnte ihn die Anerkennung seiner publizistischen Tätigkeit in der (damals liberalen) „Nowoje Wremja“ von seiner jüdischen Weltanschauung abbringen, noch vermochte ihn der erbitterte Kampf gegen die Entrechtung der Juden in seiner slawophilen Ueberzeugung zu erschüttern. Es ist bezeichnend für das Wesen und Kämpfen Lewandas, daß fast alle seine Romane, deren Erscheinen jedesmal ein Ereignis bildete, bereits zu damaliger Zeit ins Hebräische übertragen wurden. Instinktiv fühlten die Hebraisten in ihm einen verirrten Kampfgenossen. Er war für sie kein -Hj'ä O r S c h e n s k-i, dessen objektive und juristische Kampfesweise ihnen nicht zusagte, noch fühlten sie in ihm einen Ossip Rabi nowitsch, den Herausgeber des „Rasswjet“, dessen Endziel doch nur die Abzwingung einiger Bürgerrechte bildete. Die Kämpfe Lewandas kommen aus inner-jüdischen Empfindungen und Erlebnissen heraus und sein Streben nach Freiheit stieß auf Gefühle, die im Innern des Golusjudentums seit langem schlummerten. Schwere Zeiten brachen über Lewanda herein. Die Judäo-Slawische Ideenwelt, die er sich mit solchem Eifer und so reicher Phantasie konstruiert hatte, brach nach zwanzigjährigem aufopferungsvollem Mühen zusammen. Mit spontaner Gewalt rangen sich in der slawischen Welt neue Ideen empor. Die menschenfreundlichen Bestrebungen der Panslawisten verschwanden. Der russische Liberalismus, dem man so hoffnungsvoll und vertrauensvoll die Zukunft des eigenen Volkes überlassen wollte, zeigte sich mit einem Male in einem ganz neuen Licht. Es kam das Jahr 1881 mit seinen Pogrom-Epidemien, die die russisch-jüdische assimilationssüchtige Intelligenz zur Verzweiflung trieben. Lewanda sah den moralischen Verfall seiner so verherrlichten slawischen Ideenwelt. Und er sah andererseits, daß gerade auf den Trümmern der zerstörten -Zelte Israels, daß gerade an den Leichen der gepeinigten Brüder und Schwestern eine neue Sehnsucht entstand, die Sehnsucht nach jüdischer Selbstbefreiung und Menschenwürde. Er sah, wie der aufmünternde Geist Pinskers, dieses ausgemachten Utopisten, seinen Siegeszug in der jüdischen Gasse hielt. Mit tiefem Blick durchdrang Lewanda den inneren Werdegang und die jüdischnationale Wiedergeburt der in Leiden und Rechtlosigkeit schmachtenden jüdischen Volksmassen. Mit Schrecken bemerkte er die fast unüberbrückbar scheinende Kluft zwischen der jüdischen Volksmasse und der „aufklärerischen“ Intelligenz. Fremde, ungesunde Säfte wollte man den jüdischen Massen gewaltsam einimpfen, während die im Innern der Volksseele schlummernden nationalen Kräfte, die verborgenen Keime eines gesunden lebensstarken Volkstums, der Verwahrlosung, der verbrecherischen Vernachlässigung preisgegeben wurden. Und eine Ahnung ging ihm auf: Er fühlte, daß er ihn fand, jenen Weg ins Freie, den er sein Leben lang für sein Volk mit solch aufopferungsvollem Bemühen vergebens gesucht hatte. Und als Lewanda, der feurige Prophet der geistigen Oberhoheit des Slawentums über Judäa, eines schönen Morgens als feuriger Anhänger der jüdischnationalen Idee des großzügigen Chowewe-Zionismus und alljüdischen Palästinagedankens vor die jüdische Öffentlichkeit trat, da herrschte große Freude in weiten Schichten der jüdischnational fühlenden Massen, aber man war nicht überrascht. Hatte man doch in ihm seit Jahren den jüdischen Kämpfer vermutet, den Streiter nach jüdischer Erlösung, der nur durch die Drangsale des Golus auf einen falschen Platz geriet. Nun hatte er die richtige Position gefunden. Mit demselben Mut und demselben Glauben, den er den panslawistischen Allerweltsbestrebungen gewidmet, kam er, nicht ohne innere Seelenrisse, als „Reuiger und Bekehrter“ in die Reihen der jüdischen Jugend zurück. Eine alt-neue Wahrheit ging ihm auf: Daß die Erlösung eines geknechteten und verstoßenen Volkes nur dann gelingen kann, wenn sie aus den Tiefen des Volkes, aus dem Wesen der Volksseele, den absoluten Grund ihrer Entstehung schöpfe. Eine ganze Welt naiver Träumerei, opferfreudiger Hingabe an die sozialen und geistigen Expansionsgelüste des Slawentums mußte schonungslos über den Haufen geworfen werden. Lewanda tat dies mit ruhiger Seele und starkem Geist. Kommt doch einer seiner Helden, So rin, in Verlegenheit, da er gefragt wird: „Und was, wenn du mit all deiner Hingebung von der starken Welle des Slawentums doch zurückgewiesen wirst? Wie, wenn die Russen dich beim besten Willen nicht auf nehmen können?“ Der verlegene Sorin denkt nach und erwidert: „Ja, dann werde ich mich umsehen müssen.“ Lewanda sah sich um. Und so stellte er die ganze Kraft seiner Persönlichkeit in den Dienst der Palästinabewegung. Es war ihm nicht lange beschieden, mit der jungjüdischen Schar Schulter an Schulter den Kampf um Zion und Jeruschalaim zu kämpfen. Der starke Geist brach zusammen. Die restlichen Jahre seines Lebens konnte er nur noch von seiner düsteren Zelle aus die breiten Wellen der Newa betrachten. Er saß und weinte Tag und Nacht über das Los seines Volkes und ließ sich nur beruhigen, wenn man ihm die Versicherung gab, die Arbeit der Erlösung im Lande der Väter schreite vorwärts. WkJ*

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