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Die Welt · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16 495 L. O. Lewanda (Zu seinem 25 jährigen Todestage.) Von Dr. 8. Bernstein, Berlin. Eines der merkwürdigsten und charakteristischsten Momente für die jüdisch-russische „Haskala-Epoche“, die sogenannte Aufklärungsperiode, war seit ihrem Beginn in der Mitte der vierziger bis in die achtziger Jahre hinein der unerschütterliche Glaube, daß die Möglichkeit der vollständigen Emanzipation und absoluten Gleichberechtigung der Juden ausschließlich in den Händen der Juden selbst läge. Die „Aufklärer“ waren davon überzeugt, daß nur die Hartnäckigkeit der „fanatischen, in der Finsternis lebenden Volksmassen“, nur die „Widersacher des Lichts“ daran schuld seien, daß die Mauern des Ghetto nicht fallen wollten. Gingen die hebräischen Aufklärer ihren eigenen Weg zur Vertiefung und Verbreitung der jüdischen Gedankenwelt nach „europäisch - kultureller“ Auffassung — so waren es die russischen Aufklärer innerhalb des Judentums, die ununterbrochen den Weckruf an die jüdischen Volksmassen ergehen ließen, doch endlich die Gnadenbeweise der Herren und Fürsten anzunehmen. Daß die Gnade von oben eine durchaus wahrhafte und heilbringende Seite sei, war für die Aufklärer, im Gegensatz zu den instinktiv denkenden und handelnden Volksmassen, außer allem Zweifel. Wenn Zar Nikolaus I. und seine Berater den deutschen Rabbiner Dr. Lilienthal in alle jüdischen Gemeinden entsandten, um die breiten jüdischen Massen von den Wohltaten der neu eingerichteten Kronschulen zu überzeugen und sie zur Annahme von europäischen (lies russischen) Sitten zu veranlassen, so war es für die Aufklärer ausgemacht, daß die Regierung von den besten und edelsten Absichten beseelt sei. Daß zu gleicher Zeit in allen jüdischen Gemeinden sechs- und siebenjährige Kinder in großen Massen aufgefangen wurden, um zwangsweise getauft und als Soldaten oft auf Lebenszeit (die sogenannten Kantonisten) nach den fernen Gebieten des Zarenreiches verschickt zu werden, war für die Aufklärer nicht von besonderer Bedeutung. Für die jüdischen Volksmassen war dies „jene legendarische Zeit von Blut und Tränen“ — den Aufklärern aber schien dieser Standpunkt kurzsichtig und verständnislos. Daß in allen jüdischen Städten und Städtchen Polizisten die Straßen durchzogen, mit langen Scheren ausgerüstet, um den Juden ihre „Schläfenlöckchen“ abzuschneiden und die Häupter der Perücken tragenden Jüdinnen auf offener Straße zu entblößen, um sie mit Pech zu begießen — dies alles konnten die Aufklärer als „nur in der Ordnung der Dinge liegend“ betrachten, denn alle diese kulturellen Maßnahmen sollten die Juden der europäischen Zivilisation näherbringen. Graf U w a r o w, der Minister Nikolaus L, ließ den Juden sagen: „Gebt uns nur einen Finger und wir geben euch die ganze Hand.“ Die jüdischen Massen glaubten ihm nicht. Sie antworteten ihm: „Will die Regierung wirklich nur unser Wohl, ist sie wirklich für Kultur und Zivilisation — so gebe sie uns Menschenrechte.“ Für die Aufklärer aber sind die Gnadenworte Uwarows eine Losung geworden. Zu diesen Aufklärern gehörte den größten Teil seines Lebens auch L. O. Lewanda. Waren die übrigen naive Streiter für die Macht und den Einfluß der russischen Kultur, so hing der frühere Minsker Chederjunge und Anhänger der slawischen Ideenwelt der sechziger Jahre mit fanatischem Glauben an seiner Idee. Schon sein erstes Auftreten im damaligen Odessaer „Rasswiet“ (i. J. 1860) rief durch seine Begeisterung und seinen überzeugten Ton Aufsehen hervor. Es waren die ersten Regierungsjahre Alexanders II., jene Jahre der aufgehenden Hoffnungen und Verheißungen. Neue Worte kamen von oben, für die Juden sollte ein neuer „Kurs“ beginnen, die Emanzipation war auf dem Marsche. Dazu mußte das Volk „geweckt“, die in Dunkelheit lebenden Massen mußten vorbereitet werden. In den Dienst dieser Sache stellte Lewanda seine Feder und seine ganze Kraft. „Wohlan, Brüder, der Morgen ist da. An euch, ihr russischen Volkstribunen, ergeht jetzt der Ruf: Wecket das Volk! Alle sollt ihr hinausrufen: alt und jung, auf zum Gruß für das herannahende Licht der Freiheit und des Rechts!“ — Es war ein neuer Gedanke, den Lewanda in die jüdische Welt brachte: ohne seine Eigenart zu verlieren, ist der russische Jude in der Lage, nicht nur durch Sprache und Sitte, sondern auch durch Kultur und Gesinnung sich auf die geistigen Höhen des russischen Volkstums zu schwingen. Es gibt nur eine einzige große und mächtige russische Ideenwelt — und nur unter ihrer Herrschaft ist ein gedeihliches Fortbestehen des modernen Judentums möglich. Denn im Gegensatz zu den Vorkämpfern der Emanzipation in Ost und West hat die Frage der Zukunft des Judentums Lewanda keine Ruhe gelassen. Das Zukunftsproblem des jüdischen Volkes war für ihn in all seinem Ringen und Kämpfen las ausschlaggebende Moment und nur in dem hochherzigen Schutz des Slawentums erblickte er das Unterpfand der dauernden Existenz des Judentums. Wenn die jüdischnationale Intelligenz den Namen Lewandas an seinem 25 jährigen Todestage mit Verehrung erwähnt, so gilt diese Verehrung nicht in erster Reihe dem späteren „Reuigen“, dem nachmaligen Anhänger der jüdischnationalen Wiedergeburt und des Chowewe-Zionismus. Die Persönlichkeit, die markante Individualität Lewandas erfährt in der neuen Geschichtsauffassung eine Umwertung. Man kann Lewanda nicht ohne weiteres neben die aufklärerischen Kämpfer seiner Zeit stellen. Denn Lewanda war stark nicht nur in der Liebe zu seinem Volke, es lebte und wirkte in ihm ein grenzenloser Haß gegen die rechtlose und menschenunwürdige Existenz seiner Stammesgenossen. In der Bedrängnis seiner Brüder erblickte er die Wiederholung und natürliche Folge jener Zustände, unter denen die Millionen des russischen Bauerntums in Sklaverei und Leibeigenschaft schmachteten. Wohl niemand aus der großen Schar der Aufklärer empfand so schwer das Joch der Bedrücker, das Golus-Lebeninall seinen Schattierungen. Heraus aus dem Ghetto — diese Losung war für Lewanda nicht ein bloßer Weckruf, nicht nur eine Sehnsucht nach Befreiung, sie war für ihn die Entscheidung über Leben und Tod seines Volkes, eine Entscheidung, die keinen Aufschub duldet. Das Volk ist von inneren und äußeren Feinden umgeben — einzig und allein in der Kapitulation sah Lewanda die Rettung. Daß diese Kapitulation ehrenvoll sein würde, dafür war ihm der Edelmut des mächtigen Slawenvolkes ein Bürge. Er sah die Besten und Edelsten der russischen Nation, jene ursprünglich liberalen Panslawisten und die sittlich revolutionären „Narodniki“ (Volksfreunde) nach neuen Idealen ringen. Er durchlebte und fühlte jene ursprünglich sittlich-ideale Gedankenwelt des Slawentums. „Warum ist es dunkel im Zelte Jakobs und trübe im Hause Israels?“ Lewanda sucht nach den historischen Missionsidealen des jüdischen Volkes, nach jener Mission,

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