Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16 493 DIE^ELT Wer mehr von Politik versteht, als der Schreiber dieser Zeilen, wird wohl dieses Signum der Zeit da am besten finden können. Meinem laienhaften Auge scheint es, als wäre die ganze Politik des großen Europa bestimmt durch die Angst vor der Tat. Die Angst vor der Tat im doppelten Sinne. Angst vor dem Handeln und Angst vor dem, der nun trotz unserer Zeit doch handelt. Sehen wir heute nicht, wie ein kleines Häufchen, das nur wirklich etwas will, ganz Europa in die Schranken fordern kann? Der Feuilletonist unter dem Strich spricht freilich lächelnd von der „Geste des Liliputhäuptlings, der vor den Goliaths nicht zurück weicht“ — hätte er, der Mensch unserer Zeit, die Bibel geschrieben, so würde David sicherlich den Riesen nicht umgebracht haben — aber über dem Strich steht das Telegramm aus irgendeiner dieser „Operetten“hauptstädte da unten, und berichtet, die Kaufleute dort hätten beschlossen: Wenn unsere nationalen Interessen in Frage gestellt werden, hören alle unsere persönlichen Interessen auf usw. Und die Erfahrung der letzten Zeit hat uns gelehrt, wie man mit einem solchen festen Willen der ganzen Welt trotzen Unsere Zeit beugt sich dem Erfolge der Tat, die Tat selbst begreift sie nicht. Wo in unsern Breiten noch am meisten Willen zur Neugestaltung und Umkehr besteht, in der Arbeiterbewegung, da hat der Mensch unserer Zeit so lange herumtheoretisiert, bis glücklich an Stelle des Willens das blinde Geschehen getreten ist. Nicht der Wille des Menschen bringt die neue Zeit herauf, sondern „die Notwendigkeit eines Naturprozesses“ wirkt da „von selbst“. Dem Menschen dieser Tage wird alles „von selbst“. Wie ihn die Entwicklung — der deus ex machina unseres Denkens — von selbst aus einem Affen zum Menschen machte, so wird sie auch weiter sorgen. Eines Tages erwachen wir im Paradies. Das ist recht mühelos; und die Ersparnis an Energie hat die Gegenwart sich sogar zum höchsten Sittengesetz erhoben. Der Satz „Vergeude keine Energie!“ soll die allgemeinste Regel alles menschlichen Handelns sein. Wer da noch daran zweifelt, was für eine miserable Zeit für die Menschheit diese naturwissenschaftliche Epoche war, der sehe: am Anfang des 19. Jahrhunderts steht der kategorische Imperativ und am Ende der — energetische. Kant hatte noch vom Menschen verlangen dürfen, sein ewiges, noumenales Ich zur Tat zu machen, die Gesetzmäßigkeit selbst zum eigenen Gesetz, die Pflicht zur einzigen Triebfeder; Fichte konnte die Trägheit für das radikal Böse erklären — der Epigone knausert mit Energie und weiß für unser Tun kein höheres Gesetz, als die sparsame Verwertung unserer Kräfte. Was wir mit diesen Kräften tun sollen, wird nicht gesagt. Wenn nur das Konto der „vergeudeten“ Energie nicht zu sehr belastet wird. Und Gesinnung, moralisches Gesetz in mir? Lappalien, deren Wert sich energetisch nicht messen läßt . . . Wer wollte leugnen, daß die Forderung der Oekonomie manches Gute leisten kann! Man wird Organisationen der Arbeit schaffen, Auskunftsstellen, Register, Zettelkästen. Aber seht ihr nicht, daß all eure Zettelkastenweisheit sich in sich selbst vernichten muß? Was ihr registriert, „wissenschaftlich“ präpariert, ist am Ende doch nur die Tat. Aber die Taten werden aufhören, wenn ihr die Linie des geringsten Widerstandes zum Sittengesetz erhebet! In ihrem Mißverhältnis zur Tat liegt es vor allem begründet, daß die Wissenschaft unserer Zeit dem Menschen so unendlich wenig geben kann. Man schiebt das auf ihre Spezialisierung. Aber warum, ging dieser Fülle die Einheit verloren? Weil man den Geist vertrieben hat. Denn alle Einheit stammt aus dem Subjekt, der einen Vernunft, dem einen Logos. Die Wissenschaft ist aber dahin gekommen, in der Welt nur Objekte zu sehen. Ihr war die Welt „gegeben“. Daß sie nichts anderes tut als den Geist aus der Welt herausheben und erlösen, daß die Wissenschaft nichts anderes ist und sein kann als der zum Bewußtsein seiner selbst kommende Geist — das hatte man am Anfang des 19. Jahrhunderts gewußt; heute weiß man es nicht. Wollt ihr ein krasses Beispiel haben? Nehmt die moderne experimentelle Psychologie! Sie will allen menschlichen Geist zurückführen auf Empfindung. Warum? Das hat tiefere Wurzeln, als sie selbst weiß. Weil sie aus der Menschenseele ein Ding machen möchte und weil die Empfindung das Objekthafteste am Menschen ist, dasjenige, das sich am ehesten greifen, sehen, begrenzen läßt und das — am wenigsten erlebt wird. Dies sind deine Götter! Aber was hat alles dies mit Peßach und dem Zionismus zu tun? Sehr viel! Paul Eberhardt hat kürzlich im Nachwort seiner Upanischaden-Uebersetzung (bei Diederichs, Jena) das Licht vom Osten angerufen gegen die Zersplitterung unserer Zeit. Wir, die wir doch Menschen der Zeit sind, gegen die wir kämpfen, müssen uns diesem Lichte, diesem unseren Lichte zuwenden, wenn wir bestehen wollen gegen die Lockungen und Verführungen dieser Gegenwart. Nichts ist verlockender als sie, denn nichts ist bequemer als das Leben von heute und seine Kanapee-Moral. Gegen diese Bequemlichkeit rufen wir das Judentum an, das der Wille zur Tat ist. An der Spitze unserer Volksgeschichte steht die Tat der Freiheit, wie wir an die Spitze der Menschheitsgeschichte die freie Entscheidung, die Wahl zwischen Gut und Böse gesetzt haben. Man lese die Geschichte von Moses und dem Volke, von diesen unaufhörlichen Kämpfen zwischen Führer und Masse, und man wird sagen: hier ist unser Kampf, unser Ringen mit Trägheit und Selbstzufriedenheit geschildert. Da sind die Bequemen, denen das Ziegeltragen und Mörtelbereiten, die sichere Karriere des Knechtes, tausendmal lieber ist als der gefährliche und ungewisse Weg zur Freiheit. Und da ist dieser Moses, der ihnen das Evangelium der Freiheit und Tat bringt In der ersten göttlichen Offenbarung, die er erhält, wird ihm das Göttliche kund als der „Ich bin". Gott ist ein Ich, und der Mensch, der sein Ebenbild ist, der ihm gleich werden, gleich ihm heilig sein soll, muß dieses Ich in sich erwecken. An der Spitze der göttlichen Gebote im Dekalog gibt sich wiederum Gott als denjenigen kund, der aus dem Hause der Knechtschaft befreit. Es kommt sehr darauf an, daß wir in dem Verständnis dieser Befreiung nicht an der Oberfläche bleiben. Es handelt sich hier nicht um eine politische Befreiung allein, es geht um den Kampf der Tat gegen das starre Sein und willenlose Geschehen, um den Gegensatz von Willen und Opportunität, Entscheidung und Bequemlichkeit, unsicherem Wagnis und träg-sicherem Bestand. Im Kampfe Mosis gegen das Volk kämpft der Geist gegen die Materie. In diesem Kampfe stehen wir heute wiederum. Wiederum gilt es, das Leben zu wagen, um es zu gewinnen. Und wir sind Sklaven, wie die es damals waren. Sklaven der Bedingtheit, des Kompromisses, der Unwahrheit: Menschen dieser Zeit. Werden wir die Probe bestehen, auf die wir gestellt sind? Vergessen wir nicht, daß ein gut Teil der Mechanisierung unseres Lebens Werk der Juden ist. Indem die Juden sich selbst aufgaben, den eigenen Schwerpunkt nach außen verlegten, erniedrigten sie sich zur Billardkugel, deren Schicksal der Stoß ist. Und nachdem sie sich selbst so entpersönlicht hatten, haben sie mit jüdischer Energie dahin gearbeitet, die Geistesfremdheit zur herrschenden Weltansicht zu machen. Darum ist der Zionismus, der Kampf der Wählenden gegen die Geschehenlassenden (Buber) ein so eminent