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Die Welt · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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492 LT Erscheinung. So feiern wir das Peßachfest, das Fest der Geburt unseres Volkes und sein Freiheitsfest als unmittelbar Beteiligte, und jeder von uns empfindet den Zusammenhang zwischen sich und den Vätern nach dem Worte der Haggada „als wäre er selbst mit aus Aegypten heraufgezogen“. Aber wir selbst feiern das Fest der Freiheit in Unfreiheit. In den eigenen Angelegenheiten des Judentums schielen die, welche zu seinen Wächtern bestimmt sein sollten, zum Fenster hinaus, und die Rücksicht auf das, was die andern dazu sagen werden, ist die mächtigste Triebfeder bei denen, welche in den jüdischen Gemeindestuben den Ton angeben. Es gibt aber keine größere Unfreiheit, als sich in seinen eigenen Angelegenheiten nach andern zu richten. Die Assimilation, die in dem letzten Jahrhundert die Herrschaft in unsern Gemeinden errang, ist eben als geistige Erbin des Ghettos die verkörperte Unfreiheit. In einem wunderbaren Wechselgesang des Joseph bar Jakob, der in einem nicht minder schönen Liede des Rabbi Jekuthiel bar Joseph nachgedichtet wurde, wird das erste Peßach des jüdischen Volkes, der Auszug aus Aegypten, dem künftigen Peßach der Befreiung aus dem dritten Galuth gegenübergestellt. Mit leuchtenden Farben wird die Freude an der Freiheit beim Auszuge aus Aegypten gemalt, aber weit übertroffen und überstrahlt von dem Freudenglanze des Peßach der Zukunft. „Am Peßach der Zukunft, da werden heimkehren ihre Gefangenen aus Chamath und von. den äußersten Inseln, Peßach der Zukunft!“ „Am Peßach werden sie singen in Zion ihrem Retter, und der Ewige wird König sein für die Ewigkeit, Peßach der Zukunft!“ Für ein Freudenfest, an dem kein Ton der Trauer vernommen wird, und kein banger Zweifel uns beschleicht, haben diese Sänger ihre tief empfundenen Lieder gedichtet, und deshalb mußten sie das Zwischenglied zwischen dem Freiheitsfest im Lande CfNr. 16 der einstigen Freiheit und dem Freudenfest im Lande zukünftiger Selbständigkeit fortlassen, das Peßachfest in den Zeiten und Ländern der Verbannung. Denn das Peßachfest der Gegenwart ist keineswegs ein Fest der Freiheit selbst, sondern nur ein Symbol der Freiheit. Es ist das Peßachfest, das die alten Symbole der Freiheit in Formen und Liedern erhalten hat, das aber nicht überall und immer frei von fremden Elementen gehalten wurde. Es ist so klein gegenüber dem Peßachfest im eigenen Lande, wie das Galuth doch elend und kümmerlich sein und bleiben muß gegenüber der entschwundenen Herrlichkeit und der ersehnten herrlichen Zukunft im Lande jüdischer Freiheit. Gleichwohl ist es das Geburtsfest des Mosaismus und das Fest der Entstehung unseres Volkes. Aber der Mosaismus trägt in sich die unverwüstliche Hoffnung auf die Zukunft. Hat doch Moses klar und unzweideutig es ausgesprochen, daß sein Ideal sich erfüllen wird, wenn das Volk zurückgekehrt sein wird von den Enden der Erde und von jenseits der Meere. Dann wird sich der Ewige über die späten Nachkommen mehr freuen, als er sich sogar über die ersten Stammväter des Volkes gefreut hat. Die unverwüstliche Lebenskraft des jüdischen Volkes, die uns aus den Assimilationsbestrebungen, die die geistige Unfreiheit bedeuten, zu bewußtem Streben nach Freiheit und geistiger Selbständigkeit führt, ist die Kraft, die dahin wirkt, daß das Peßach der Zukunft uns näher gekommen ist und daß wir mit frohem Herzen in die Zukunft schauen. Und wenn dann das Peßach der Zukunft zur Lösung der Gefangenen geführt hat, dann wird ein freies Volk einstimmen in den Ruf, der im Galuth alle Hoffnung in sich schloß, und der auf eigenem Boden alle Glut und Inbrunst selbständiger nationaler Schönheit in sich schließt, in den Ruf des Peßachfestes:!DVanTn nxan Heinrich Loewe. Pessach und die Menschen unserer Zeit Von Dr. Hugo Bergmann Es gibt in der Weltgeschichte ewige Themen, Ideen, die immer wiederkehren oder vielmehr in immer erneutem Kampfe Besitztum der Geschlechter werden müssen. Wo um solche Ideen wahrhaft gerungen wird, da wächst die Geschichte sofort aus Zeit und Raum heraus in die Ewigkeit, zum großen Symbol des Menschlichen. Ein solches Thema ist Peßach, das Fest der Freiheit. Aber wie jede Zeit ihre Thora hat — Moses, erzählt die Sage, hörte Rabbi Akiba seine Lehre erklären und verstand die Erklärung nicht — so hat auch jedes jüdische Geschlecht seine Hagadah. Das ewige Thema der Befreiung erscheint jedem Zeitalter in neuem Lichte. Es ist ein großes Wort, das uns überliefert worden ist: jedes Geschlecht müsse sich fühlen, als wäre es s e 1 b s t aus Aegypten gezogen. Aber doch ist jedem dieser Auszug etwas anderes. Den einen mag das plötzliche Wunder, den anderen der Untergang der Feinde, den dritten die Standhaftigkeit der versklavten Nachkommen Jakobs Symbol ihres Seins gewesen sein. Was ist uns der Auszug? Um darüber ins Klare zu kommen, müssen wir den Zionismus dorthin einstellen, wohin er gehört: in die geistige Bewegung unserer Zeit. Er ist nur eine von den vielen Wellen, die ans Ufer unseres Lebens schlagen. Man wird die Bewegung, welche auf jüdisch Zionismus heißt, wenn man sie in ihrer allmenschlichen Bedeutung erfassen will, vielleicht am besten bezeichnen, wenn man sie das Streben nach der Erneuerung der Menschheit aus dem Geiste nennt. Damit ist schon gesagt, welches die Signatur der Zeit ist, in der wir leben und gegen die wir kämpfen: der Ungeist, der Materialismus im weitesten Sinne des Wortes. An einer Stelle des Sohar, die von erschütternder Größe ist (Sohar 1 b), wird von den Dienern des goldenen Kalbes gesagt, ihre Sünde habe darin bestanden, daß sie an die Stelle des ewig verborgenen, ewig zu suchenden Subjektes der Welt das sichtbare und greifbare Objekt, das sinnlich aufzeigbare Dies gesetzt haben, als sie riefen: Dies sind deine Götter, o Israel! Der alleinige Glaube an das sinnlich Faßbare ist eben die Signatur dieser unserer Zeit. Sie offenbart sich in tausend Gestalten, denen wir hier nicht nachgehen können. Wir wollen den Materialismus unserer Zeit nur an einem Punkte packen, der uns heute besonders angeht: in seiner Stellung zur Tat. Denn Peßach ist das Fest der befreienden Tat. Habt ihr schon eine Billardkugel gesehen, die sich von selbst in Bewegung gesetzt hätte? Nein! Müßt ihr nicht zugeben, daß sie gestoßen werden muß, um zu laufen? Ja! Also — so schließt der Materialismus unserer Zeit, dem die Menschen rollende Kugeln sind - also ist es nicht möglich, daß ein Mensch von sich aus sich zu einem Tun bestimme, und was ihr so Selbstbestimmung, Freiheit, Tat nennt, ist in Wahrheit nichts anderes, als ein Von-außen-Bestimmtwerden, ein Zwang, ein Geschehen. Wir handeln nicht, sondern es geschieht uns.

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