Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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470 DIESaKELT Nr. 15 jüdische Proletarier meistens durch seine Sprache (Yiddisch) und sein Rituell von dem sozial höherstehenden Juden verschieden ist. Ein weiteres Hindernis für eine gleichmäßige Entfaltung des Judentums in Amerika ist das ununterbrochene Hinzuströmen neuer Einwandererscharen, durch das die Bevölkerung immer wieder mit den ärmsten und primitivsten Formen jüdischen Volkslebens in Berührung kommt und das die jüdische Hilfskraft zwingt, sich täglich aufs neue in der Befriedigung elementarster Lebensforderungen zu erschöpfen. Der rein materialistische Charakter des Landes ist es auch, welcher der Pflege jüdischer (und anderer) Kulturwerte im Wege steht. Der Einwanderer, der mittellos ankommt, mit dem sehnlichen Wunsche, pekuniär in die Höhe zu kommen, hat in einem aufs höchste gespannten wirtschaftlichen Kampfe keine Sekunde Zeit, sich mit anderem zu beschäftigen, als sich wirtschaftlich durchzusetzen, und hierzu gehört auch, daß er sich seiner Umgebung so schnell und gründlich wie möglich anpaßt. Hat ihn aber einmal die amerikanische wilde Gier nach Besitz angesteckt, so wird er bald ganz unempfänglich für feinere Regungen und Ideale. Daß sich der amerikanische Jude fast immer materiell hocharbeitet, dient nicht einmal dazu, der nächsten Generation — dank einer gemeinsamen höheren Bildung — die Möglichkeit zu geben, gemeinsam jüdische Geisteswerte zu schaffen, denn auch höheres Wissen wird in Amerika, statt zur Erreichung höherer ethischer Ziele, meistens nur als ein Mittel zu höherem Gelderwerb benutzt. Infolgedessen bemüht sich die junge jüdische Generation nicht, der sich formenden Gesamtkultur des Landes den Stempel ihres nationalen Wesens aufzudrücken, sondern der einzelne begnügt sich damit, die rasch aufgegriffene fremde Zivilisation für seine individuellen Zwecke zu verwerten. (Schluß folgt.) PALÄSTINA-RUNDSCHAU (Von unserem Berichterstatter.) Wertsteigerung des Grund und Bodens in Palästina In den letzten Nummern des „Hapoel Hazair" bespricht S. S m e 1 a n s k i die jetzt in unseren Kolonien übliche Art der Besteuerung für Gemeindezwecke, an der er vieles auszusetzen hat. Er macht auch verschiedene Reformvorschläge. Unter anderem tritt er für die Einführung einer Wertzuwachs- Steuer ein, die namentlich beim Verkauf von Boden, dessen Besitzer nicht in der Kolonie lebt, erhoben werden soll. Smelanski meint, daß es nur recht und billig sei, wenn die Kolonie, der in Wahrheit allein die Wertsteigerung zuzuschreiben ist, auch an ihr durch Erhebung einer angemessenen Abgabe partizipiere. Interessant sind hierbei einige Daten, die Smelanski bei dieser Gelegenheit über die Wertsteigerung des Grund und Bodens in Palästina mitteilt. In Rechoboth hat ein Herr N. vor 20 Jahren ein Terrain für 4000 Frcs. gekauft, das bis heute unbearbeitet geblieben ist. Vor einigen Jahren verkaufte er davon zwei Drittel für 12 000 Frcs. Für das letzte Drittel bietet man ihm 8000 Frcs. an. In R i s c h o n le-Zion verkauft ein Kolonist seinen Weingarten für Bauzwecke und erhält dafür 1500 Frcs. pro Dunam. Früher kostete dort der Dunam 7 Frcs.! Ein anderer dortiger Kolonist, dessen Weingarten etwas entfernter liegt, erhält pro Dunam 600 Frcs. In Pethach Tikwah kostet ein Dunam Bauplatz innerhalb der Kolonie 1000 Frcs. und auch mehr. Für Boden, der sich für Orangenkultur eignet, hat man dort bereits 300 Francs gezahlt. In Tel-Awiw sind die Preise innerhalb drei Jahren um das Vier- und Fünffache gestiegen. Die Jemeniten in Pethach-Tikwah Durch die Jargonpresse in Rußland gingen in letzter Zeit Nachrichten über die Jemeniten in Pethach-Tikwah, die mehr Dichtung als Wahrheit enthielten. Der Umstand, daß die dortigen Jemeniten etwa eine Woche nach der völligen Fertigstellung der Steinhäuschen verstreichen ließen, ehe sie den Wohnvertrag abschlossen und die Häuschen bezogen, wurde von dem betreffenden Korrespondenten dahin gedeutet, daß sie überhaupt ein unverträgliches Element seien und es daher unrichtig wäre, für sie Häuschen zu bauen. In Wirklichkeit ist man recht bald über die Üebemahmebedingungen einig geworden und der betreffende Vertrag wurde einerseits vom Palästina-Amt in Vertretung des Nationalfonds und andererseits von jedem einzelnen Jemeniten, der ein Häuschen bekommen sollte, unterzeichnet. In der kurzen Zeit, in der nun die Jemeniten in den neuen Häuschen wohnen, sind sie nicht müßig geblieben. Fast alle haben bereits ihr Gartenland bestellt und .Gemüse angebaut. Einige beabsichtigen auch, Bäume anzupflanzen. Ueberhaupt sind sie bemüht, die Häuschen und das Umland peinlich sauber zu halten. Es ist zu hoffen, daß durch das neue Jemeniten-Viertel ein Umschwung in der Lage der Jemeniten in Pethach-Tikwah eintreten wird. Schon jetzt aber kann man dem Nationalfonds zu diesem Kulturwerk aufrichtig gratulieren. Jerusalemer Chronik Die Hoffnung hiesiger Kreise, daß Herr Nathan Straus, dessen dritter Besuch Palästinas durch die Presse angekündigt war, wirklich hierher kommen und wieder größere Unternehmungen wirtschaftlicher oder philanthropischer Natur inaugurieren wird, ist nicht in Erfüllung gegangen. Herr Straus hat diesmal von Aegypten, wo er einige Wochen weilte, die Rückreise angetreten, ohne Palästina zu besuchen. An Stelle von Nathan Straus weilen jetzt einige andere bekannte jüdische Persönlichkeiten in unserer Stadt. So Herr Oscar T i e t z aus Berlin, der der Gesellschaft zur Erforschung Palästinas nahe steht, ferner A. M. Sluzkin aus Melbourne (Australien) u. a. Herr Tietz übergab Herrn Ephraim Cohn eine Anweisung auf 15 000 M., zwecks Erbauung einer Turnhalle in Jerusalem. Herr Sluzkin hat der Talmud-Thorah „Ez Chaim“ die notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt, um eine Anzahl Zöglinge in der Kunst des Thorarollenschreibens usw. zu unterweisen. Wie nämlich hiesige Kaufleute mitteilen, erhalten sie oft aus Europa Aufträge zur Lieferung von in Jerusalem geschriebenen Ritualien (Thorarollen, Megilioth, Mesusoth, Tephillin), ohne ihnen nachkommen zu können, da es an schreibkundigen Leuten fehlt. Man erwartet nun, daß durch die neue Einrichtung diesem Mangel abgeholfen werden wird. Ueber die hiesigen Jeschiboth werden jetzt statistische Angaben publiziert. Danach gibt es jetzt in Jerusalem 7 angesehene Jeschiboth, in denen ca. 600 Talmudjünger und Rabbinatskandidaten dem Talmudstudium obliegen. Das Budget aller dieser Anstalten soll insgesamt ca. 230000 Frcs. betragen. Wie bereits mitgeteilt, hat sich hier eine Gesellschaft für Palästinakunde gebildet, die bereits in Jaffa eine Zweiggesellschaft gegründet hat. Demnächst soll hier eine Zusammenkunft sämtlicher jüdischer Palästinaforscher des Landes stattfinden, die der Gesellschaft ihre endgültige Form geben wird. Folgende Arbeiten werden in Erwägung gezogen: Schaffung meteorologischer Stationen in den Städten und Kolonien; Gründung eines Museums für Palästinaforschung; Herausgabe einer wissenschaftlichen Vierteljahresschrift usw. Da die Mit-