Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 15 469 blE^ELT essen nicht häutig nur als ein momentan am besten geeignetes Hilfsmittel zur späteren Verschmelzung des jüdischen mit dem amerikanischen Volke betrachten. Also auch auf diesem Gebiete ist dem amerikanischen Individualismus Tür und Tor geöffnet, und nur so erklärt sich die Tatsache, daß wir an der Spitze jeglicher Organisation, die sich mit der Lösung sozialer Probleme innerhalb des amerikanischen Judentums befaßt, neben dem streng orthodoxen den gänzlich reformierten Juden, neben dem bewußten Nationaljuden den nach amerikanischer Assimilation verlangenden Rassegenossen finden. Je nach dem jeweiligen Ueberwiegen jüdisch-national oder amerikanisch-national gesinnter Persönlichkeiten kann diese Institution heute der einen, morgen der anderen Gattung zugezählt werden. Das Beispiel von zweien der bedeutendsten Organisationen mm Wohle der jüdisch-amerikanischen Bevölkerung wird am besten diese Schwierigkeit der Bestimmung nationaler Tendenzen erläutern: Im Jahre 1900 wurde das Industrial Removal Office geschaffen, zu dessen Leitern heute ungefähr gleich viele nationaljüdisch wie anti-nationaljüdisch und national indifferente Persönlichkeiten gehören. Dieses Bureau befaßt sich damit, neu angekommene Juden an einer Ansiedlung in den schon überfüllten jüdischen Distrikten der amerikanischen Großstädte zu verhindern und sie in kleinen, teils ländlichen, teils industriellen Kolonien, über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten anzusiedeln. Das Institut führt genaue Kontrolle über die Entwicklung dieser jüdischen Siedlungen, weiß, für welche Berufszweige resp. ob für Lehrer oder Rabbiner Nachfrage bei ihnen besteht, und kann infolgedessen die Entsendung jüdischer Einwanderer ganz systematisch betreiben. Während nun das Removal Office von seinen bewußt nationaljüdischen Organisatoren als ein Mittel zur Erreichung ihrer jüdischpolitischen Ziele benutzt wird, fassen es auch seine — gleichfalls vorhandenen — auf den Untergang des jüdischen im amerikanischen Volkstum hinstrebenden Leiter als Werkzeug für ihre Zwecke auf. Die einen haben dabei hauptsächlich die Tatsache im Auge, daß in den übervölkerten jüdischen Proletariervierteln der Großstädte der Jude in materieller sowohl als hygienischer und moralischer Beziehung schweren Gefahren ausgesetzt ist und daß sich die Regeneration des jüdischen Volkes viel besser unter den in jeder Beziehung gesünderen Bedingungen der kleinen Judenkolonien vollziehen kann. Ihr Plan ist es, diese Siedlungen gewissermaßen zu nationaljüdischen Stationen im ganzen Lande zu machen, deren Einfluß sich allmählich auch nach außen hin fühlbar machen soll. Demgegenüber hoffen die Assimilationssüchtigen, durch eine Zerstreuung der Kräfte einem Wachsen des Einflusses der jüdischen Massen auf die amerikanische Staats- und Sozialpolitik Vorbeugen zu können, sie hoffen dadurch, daß sie den Juden in eine von seiner gewohnten möglichst verschiedene Umgebung verpflanzen, am besten auf sein Ablegen der typisch jüdischen Wesensart, seine Entjudung und völlige Assimilation hinarbeiten zu können. Man kann also dasselbe Institut ebensowohl zu einem Mittel der Entjudung wie zu einer Schöpfung nationaljüdischer Zentren im ganzen Lande machen. Diesem Beispiel für die Schwierigkeit der Erkennung nationalpolitischer Tendenzen in amerikanisch-jüdischen Institutionen sei ein zweites hinzugefügt. Eine Organisation wie das American Jewish Committee, das sich die Vertretung jüdischer Interessen in allen Städten des Landes, die Zusammenfassung der jüdischen Angelegenheiten und ihre Regelung von einer Zentralstelle aus zur Aufgabe macht, könnte dem Europäer ohne weiteres als ein nationaljüdisches Institut erscheinen. In Wahrheit vernachlässigt diese Gesellschaft sehr häufig die jüdischen zugunsten der amerikanischen Volksinteressen, ihre Leiter betrachten sehr oft ihre Bemühungen, den Massen eine jüdische Erziehung zu geben, nur als ein im Augenblick passendes Mittel zur Veredlung der jüdischen Massen, damit diese sich später um so leichter an das amerikanische Volkstum anpassen können. Dem American Jewish Committee ist nun als lokaler Zweig die Jewish Community o f New York anSegliedcrt, die sich viel intensiver mit jüdischnationalen und religiösen Arbeiten befaßt, z. B. die Einrichtung von Bethäusern, eine Kontrolle koscheren Fleisches, jüdische Rcligions- und Geschichtskurse, die Gründung von nationalen Gesellschaften jüdischer junger Leute übernommen hat, überhaupt ihr Werk unter dem Gesichtspunkt der jüdischen Nationalisierung vollbringt. Der Grund für die Verschiedenheit dieser lokalen Gruppe gegenüber der Gesamtorganisation ist lediglich darin zu suchen, daß zufällig zurzeit ihre stärksten Leiter Nationaljuden resp. Zionisten sind. Bei einem Personalwechsel in der Leitung könnte sofort dieser nationale Geist aus der Verwaltung verschwinden. Neben diesen Sonderaufgaben beschäftigt sich natürlich die Lokalgruppe, gleich der Gesamtorganisation, mit der Erfüllung der nächstliegenden Volksbedürfnisse, soweit diese hauptsächlich die jüdische Bevölkerung angehen (z. B. Regelung des Straßenhandels, der vorwiegend von Juden betrieben wird, Berufs- und Sprachschulen für Einwanderer, Schaffung von Jugendorganisationen zur Hebung der Moral in gewissen Stadtgegenden usw.). Ihre wirksamste Tätigkeit würden diese Gemeinden durch Schaffung möglichst vieler „Settlements" entfalten können — jene charakteristische amerikanische Form sozialer Arbeit, bei der eine Kolonie gebildeter, sozial gesinnter Menschen sich mitten im Herzen eines Proletarierviertels ansiedelt, hier eine Art von Hilfsbureau und geselligem Zentrum für die Nachbarschaft eröffnet und allmählich sämtliche Zweige menschlichen Lebens in ihre Tätigkeit einbezieht, indem sie die proletarischen Nachbarn selbst zum Aufbau einer kleinen sozialen Republik erzieht. (Auf die Möglichkeiten solcher jüdischen Siedlungen näher einzugehen, sei mir in Zukunft einmal gestattet.) Auch in allen anderen großen Organisationen, z. B. dem Council of Jewish Women, der Y o u n g Me n’s und der Young Wome n's Hebrew Association und den Logen läßt sich nirgends aus den Statuten und offiziellen Aufgaben der jüdisch-nationale oder amerikanisch-nationale Geist der Gesellschaft feststellen, sondern auch hier hängt die Tendenz von den Führern und Umständen ab. Zusammenfassend läßt sich allerdings sagen, daß i m Augenblick die assimilatorische Tendenz jüdisch-sozialer Bestrebungen vorherrscht, doch läßt sich daraus kein sicherer Schluß auf die k ü n f t i ge Entwicklung der Dinge ziehen. Technische Schwierigkeiten und amerikanische Einflüsse. Neben den religiösen und nationalen Spaltungen, die zwar nicht gerade die amerikanisch-jüdische Bevölkerung in feindliche Gruppen teilen, sich aber fortwährend als ermüdende Reibereien und Unstimmigkeiten äußern und dem Aufbau eines harmonischen Judentums im Wege stehen, gibt es nun noch eine Reihe weiterer Faktoren (technischer Art und von außen wirkend), die sich als seine womöglich noch gefährlicheren Feinde erweisen. Unter den technischen Schwierigkeiten erwähne ich hier nur das hundertfältige Sprachengemisch der amerikanischen Juden, je nach ihrem Herkunftslande, die immensen Entfernungen der Vereinigten Staaten, die eine Schaffung geistiger Zentren, einen schnellen Gedankenaustausch fast unmöglich machen, ferner die grundverschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, unter denen die Bewohner der einzelnen Staaten des Riesenkontinents leben und soziale Gemeinwesen aufbauen. Als gewichtiges Hindernis für eine Verständigung zwischen den jüdischen Bewohnern Amerikas sind auch die krassen Gegensätze in der pekuniären Lage zu nennen, die in einem Lande, wo fast nur der Besitz die gesellschaftliche Stellung bestimmt, viel bedeuten. Dabei ist auch zu bedenken, daß der