Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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468 DIE3&ELT Nr. 15 sehen Lehre, als er vielmehr fühlbare gesellschaftliche Unterschiede schafft. Religiöse Gegensätze. Gleich fast allen geistigen Strömungen in Amerika sind auch die im Judentum wirksamen nicht auf amerikanischem Boden erblüht, sondern aus der alten Welt hierher verpflanzt worden, um hier nach amerikanischen Dimensionen ins Extrem zu wachsen. Als Hauptgegensätze bestehen: 1. eine strenge Orthodoxie (hier mitunter orientalisches Judentum genannt), wie die ersten Ansiedler im 17. Jahrhundert sie mitbrachten und die im vorigen Jahrhundert durch die deutschen Juden, in den letzten Jahrzehnten durch die Einwanderermassen aus Osteuropa eine gewaltige Stärkung 2. einege mäßigtereOrthodoxie (Konservatismus genannt), die als Reaktion gegen eine maßlos gewordene Reformerei entstand, ein Kompromiß zwischen den beiden extremen Gruppen anstrebt und einem verwässerten Judentum neuen, lebendigen Geist einzuhauchen sucht. 3. eine vielfach noch weit über die deutsche hinausgehende Reform. Diese Reformbewegung ist nicht aus den theoretischen Anschauungen einiger führender Köpfe oder der Neuerungssucht der Rabbiner hervorgegangen, wie dies in Deutschland vielfach der Fall war. Vielmehr fanden die in den vierziger Jahren nach Amerika kommenden (freilich auch schon reichlich aufgeklärten) Rabbiner bereits eine jüdische Bevölkerung vor, die im rasenden Kampfe um materiellen Erfolg und erfüllt von den vielfach verworrenen Freiheitsideen der Zeit und des Landes, auf dem Wege war, ihre jüdische Religion gänzlich abzuwerfen und in einem unklaren Humanismus zu versinken. Um die leeren Gotteshäuser wieder zu füllen, mußten sich viele Rabbiner dazu entschließen, die Gemeindemitglieder mittels des minder strengen und starren Reformjudentums zurückzulocken -- ein Mittel, das sich damals als wirksam erwies. Heute allerdings, wo jener Freiheitsrausch verflogen ist, und besonders, wo man gelernt hat, das Judentum von seiner nationalen Seite anzusehen, ist es vielfach die Schuld eigensinniger Rabbiner, daß einer nach unverfälschtem jüdischen Geist verlangenden Gemeinde noch immer statt des echten Judentums ein Surrogat vorgesetzt wird. Den ursprünglichen Richtlinien des Reformjudentums folgen — gemäß dem überentwickelten amerikanischen Individualismus — die Reformrabbiner ganz nach Gutdünken. Diese Richtlinien hatten den größten Teil der alten Riten, die Beschneidung, den Glauben an die Wiederaufrichtung eines jüdischen Reiches und das Hebräische als Gebetssprache verworfen, Mischheiraten sanktioniert, und hatten „das gegenwärtige bewegte Stadium des Judentums als eine Uebergangsperiode von blindem Glauben an Autorität und Abschließung zu einer rationalistischen und humanitären Auffassung des Judentums“ gekennzeichnet. Dazu waren in jener ersten Zeit Missionen für Christen und Juden und ein jüdisches Gesangbuch entstanden, und es begann die bis zum heutigen Tage fortgesetzte Entsendung von jüdischen Geistlichen in christliche Bethäuser und vice versa. In der Praxis aber bleibt es, wie gesagt, dem Ermessen des einzelnen Rabbiners überlassen, wieviel von diesen allerrationellsten Reformen er in seiner Gemeinde durchführt, und bei genauer Abwägung der einzelnen Bestrebungen scheint es fast, als ob sich im allgemeinen in der letzten Zeit unter den reformierten Rabbinern (nicht nur den Gemeindemitgliedern) eine zu strengeren Riten zurückführende Tendenz fühlbar machte. Daß auch in Amerika die Reformbewegung von vielen bewußten Feinden des Nationaljudentums dazu benutzt wird — nicht den Geist der alten jüdischen Lehre in neuer Form in die Gegenwart hinüberzuretten — sondern vielmehr dem Judentum überhaupt sein Grab zu graben, bedarf kaum der Erwähnung. Als logisch notwendige Entwicklung der übertriebenen, das Judentum aller nationalen Momente entkleidenden Reform ist z. B. aus ihren Reihen der Begründer der Gesellschaft für ethische Kultur Jiervorgegangen, der die verblümte „Entwicklung“ des Judentums zu einem amerikanischen Unitarismus oder internationalen Humanismus in eine unverblümte umgewandelt und der Treppe, die aus dem Judentum herausführt, ihre letzte Stufe angefügt hat. Nationale Gegensätze. In mehr oder minder engem Zusammenhang mit den religiösen Gruppen stehen die beiden politischen Hauptparteien im amerikanischen Judentum: die amerikanisch-nationalen jüdischen Bürger und die jüdischnationalen amerikanischen Bürger. Unter den letzteren sind diejenigen Juden zu verstehen, die ihr Volkstum i n Amerika aufrecht zu erhalten streben, die sich gleichsam als die Angehörigen einer jüdischen Kolonie in Amerika fühlen. Beide haben ein scharf umrissenes nationales Programm: die einen wünschen den Untergang des jüdischen Volkes im amerikanischen, die anderen die Erhaltung, Stärkung und Weiterentwicklung des jüdischen Volkstums. Dazwischen . gibt es natürlich zahllose Grade und Nüancen von mehr oder minder bewußtem Nationalwillen, mehr oder weniger verstandenen nationalen Pflichten und die — bei weitem überwiegende — Masse derer, welche die ganze Frage überhaupt beiseite werfen und im rasenden Kampfe um die Existenz ihre einzige Lebensaufgabe sehen oder sich in zügellosem Individualismus einem aller höheren Ethik baren Ich- Dasein ergeben. Auf beiden Seiten werden praktische Versuche einer Durchführung des nationalen Programmes gemacht. Konsequent sind hierbei auf amerikanisch-nationaler Seite eigentlich nur diejenigen, die für sich allein, ohne Anschluß an größere Gruppen, die Entjudung ihrer selbst und ihres Familienkreises anstreben, indem sie sich bewußt allen jüdischen Einflüssen und Interessen entziehen, sich in Denk- und Empfindungsweise sowie äußeren Gewohnheiten von jüdischen Traditionen losmachen und eine Mischung mit fremdem Blut zu erzielen suchen. Dabei kann es allerdings den Assimilationssüchtigen — besonders in den Großstädten — passieren, daß sie — im . Glauben, das Nichtjüdische sei identisch mit dem Amerikanischen — sich an eine gleichfalls fremdnationale, z. B. deutsche oder italienische oder irische Einwanderer-Kultur verlieren. Wie groß die Schar dieser bewußten Assimilanten ist, geht aus ,den immer wachsenden Ziffern über den Austritt aus dem Judentum hervor. Auf jüdischnationaler Seite wird andererseits in konsequenter Weise nur von denjenigen ihre Tendenz durchgeführt, die alle Goluspolitik und Golusinteressen beiseite lassen und in irgendeiner Weise auf den Zusammenschluß des gesamten jüdischen Volkes und seine Vorbereitung für eine eigene nationale Zukunft hinarbeiten. Bisher wird diese Arbeit nur von der kleinen Gruppe der Zionisten geleistet. Sehr schwer läßt sich die eine oder die andere nationale Tendenz auf demjenigen Gebiet feststellen, auf dem man sie am deutlichsten ausgeprägt glauben würde: dem Gebiet jüdischsozialer Arbeit. Da die Grenzen von jüdischer Philanthropie, sozialer Fürsorge und jüdischer Nationalpolitik fortwährend ineinander überfließen, läßt sich niemals aus den Aufgaben und Statuten eines jüdischen Institutes erkennen, ob es im jüdisch-nationalen oder amerikanisch-nationalen Sinne geleite: wird. Durch das fortwährende Hinzuströmen jüdischer Proletariermassen, deren Hunger gestillt werden muß und die - mindestens äußerlich — „amerikanisch“ - zurechtgestutzt und für das Leben in der neuen Umgebung fähig gemacht werden müssen, muß die jüdische Fürsorge nämlich häufig zu Opportunitätsmaßnahmen greifen, die ihr fälschlich als nationales Programm ausgelegt werden. Andererseits läßt sich bei du Arbeit für die nächste Stufe der Entwicklung jüdischer Einwanderer durchaus nicht feststellen, ob die Leiter irgendeiner Institution die Zusammenfassung jüdischer Kräfte und Inter-