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Die Welt · 1913-04-11 · 15 (11.4.1913) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 ~ DIE^ELT- --- 467 Judentum und Zionismus in Amerika " Von Helene Hanna Meine nachstehenden Ausführungen sollen eine eingehende Beantwortung jener zahlreichen Briefe deutscher und englischer Freunde darstellen, aus denen mir immer wieder die Frage entgegenklingt: „Wie ist es möglich, daß, während die jüdische Bevölkerung von Amerika zwei Millionen Menschen, diejenige von New York allein schon über eine Million beträgt, es nur 11000 Schekelzahler in den Vereinigten Staaten gibt?" Daß die längst gefühlte Notwendigkeit einer ausführlichen Beantwortung dieser oft gehörten Frage mir zum festen Entschluß wurde, das danke ich jenem — Weihnachtsmann, dessen Bild letzthin von den Plakaten der New Yorker Untergrundbahn grüßte und der durch daneben gedruckte Worte in englischen, deutschen und — hebräischen Lettern zum weihnachtlichen Einkauf von Untersachen aufforderte. Wenn die Konfusion, die Gedankenlosigkeit im Leben der amerikanischen Judenheit bereits so weit gediehen ist, daß ein hebräischer Weihnachtsmann möglich wird, dann ist es zu spät zum Lachen, dann ist es höchste Zeit, sich über die Verhältnisse und Tendenzen der Gegenwart klar zu werden. Diesem Zweck dienen die folgenden Schilderungen amerikanisch-jüdischer Zu- I. Amerika und der Nationalismus Den Hintergrund für die verschiedenen Richtungen im Judentum, von denen hier die Rede sein wird, bildet jenes Riesenland, dessen augenblickliches Wesen ein jüdischer Schriftsteller mit dem Namen „der Schmelztiegel", ein anderer mit demjenigen „das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" erschöpfend zu charakterisieren versucht hat. Die meiste Berechtigung hat wohl die erstere Bezeichnung, da ein Land, dem alljährlich viele Hunderttausende von neuen Bewohnern Zuströmen, naturgemäß seine Haupttätigkeit auf die Verschmelzung dieser Völkermassen, ihre Verbindung zu einer Gesamtheit mit — vorläufig mindestens äußerlich — gemeinsamen Kennzeichen richten muß: gleicher Habitus der Individuen, gleiche äußere Lebensgewohnheiten, gleiche Schulbildung, gleiche Tageseinteilung und Lebensführung und vor allem — gleiche Sprache. Die tausend inneren Gegensätze völlig zu überbrücken, dazu dürfte Amerika erst dann reif werden, wenn sich in dem amerikanischen Volke eine gemeinsame Tradition, ein gemeinsames Temperament, gemeinsame Kulturziele ausgebildet haben werden. Soweit hingegen das Wort von den „unbegrenzten Möglichkeiten" auf die nationale Entwicklung des amerikanischen Volkes Bezug hat, dürfte es unzutreffend sein, denn immer deutlicher scheint es sich für die Amerikaforscher herauszustellen, daß überhaupt nur zwei Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden sind: entweder eine Verschmelzung aller der heterogenen Volkselemente zu einer neuen — amerikanischen — Rasse mit einem amerikanischen physischen Typus, einer amerikanischen Denk- und Empfindungsweise (wer da glaubt, daß etwas Derartiges schon heute besteht, der vergleiche die Neu-Englandmit den spanischen Südstaaten, den französischen Norden mit dem deutschen Pennsylvanien), oder aber ein Auseinanderfallen des jetzigen Gemisches in seine Urbestandteile, je nach den Rassen oder nach den verschiedenen Nationen. Der Verschmelzung steht jedenfalls das Streben jeder einzelnen nationalen Gruppe, ihre Eigenart auch in Amerika aufrecht zu erhalten, als starkes Hindernis im Wege. Das Judentum in amerikanischer Umgebung. In diesem Strudel amerikanischen Lebens, dessen Glieder verschmelzen oder auseinanderfallen müssen, nimmt der Jude — wie überall und immer auf der Welt — eine Ausnahme- Cohn (New York) Stellung ein, denn er ist der einzige, der unter den herrschenden Elementen eine von diesen ganz verschiedene Rasse vertritt, der einzige auch, in dessen Religion zugleich seine Nationalität, in dessen Nationalität seine Religion enthalten ist. Dies hat die praktische Konsequenz, daß der Jude, der seinen jüdischen (d. h. also zugleich religiösen und nationalen) Gesetzen folgt, schon jetzt aus der Gesamtheit der Mischung herausfällt, mit den Vorschriften und Gebräuchen des Landes in Konflikt gerät (z. B. durch Sabbatgesetze oder koschere Kost) und schon heute als Fremdkörper empfunden wird. Andererseits muß derjenige Jude, der sein jüdisches Volkstum aufzugeben und das amerikanische dafür einzutauschen strebt, mit der Religion auch alte nationale Kulturwerte verwerfen, ohne neue (da es eine eigentliche amerikanische Kultur noch nicht gibt) dafür zu erhalten; er verliert also jegliche Basis nationaler Moralbegriffe. Ein Gegensatz zu allen übrigen Bewohnergruppen Amerikas ergibt sich auch daraus, daß der Jude mit seiner eigenen (d. h. natürlich der jüdischen) immer noch Teile einer zweiten Kultur mit nach Amerika bringt, nämlich der des Herkunftslandes, dessen Eigenart er sich durch gemeinsame Erinnerungen, Sprache, Schulbildung usw. verwandt fühlt. Während sich in jedem europäischen oder sonstwie fremdnationalen Volkstum auf amerikanischem Boden nur eine einzige Spaltung fühlbar macht: die zwischen den Individuen, die ihre ursprüngliche Nationalität lebendig zu erhalten trachten, und denen, die in das amerikanische Volkstum eingehen wollen — bringt die gleiche Spaltung in den politischen Tendenzen der amerikanischen Judenheit einen Konflikt hervor, der die jüdische Situation sehr verworren macht. Wenn im nachstehenden diese verschiedenen Spaltungen aufgedeckt, die divergierenden religiösen und nationalen Auffassungen einander gegenübergestellt werden, so ist allerdings darauf hinzuweisen, daß derartige Unterschiede in Amerika lange nicht so systematisch und programmatisch festgelegt sind, wie dies in den Ländern Europas der Fall sein würde. Bei der traditionslosen Art amerikanischen Lebens ist jede Bewegung und geistige Strömung mehr als irgendwo sonst von der individuellen Auffassung ihrer Träger abhängig. Ebenso wie in allen anderen religiösen, sozialen oder politischen Gruppen in den Vereinigten Staaten die verschiedensten Abstufungen und Schattierungen bestehen, ebenso bietet auch diese oder jene Strömung im Judentum ein wechselndes Bild, je nachdem, wo und durch wen man sie vertreten findet. Spaltung nach Herkunftsländern. Wie um das ganze Judenproblem in Amerika möglichst verworren zu gestalten, ist der alte Gegensatz zwischen S e - p h a r d i m und Aschkenasim auch hierher getragen worden, der — wenn auch zum Teil überbrückt — für die Entwicklung der jüdischen Religion in Amerika bedeutsam war, da nämlich, schon bevor die Merzbacher, Einhorn, Adler, Lilienthal u. a. das reformierte Judentum aus Deutschland nach Amerika verpflanzten, sich hier bereits eine sephardische Reform angebahnt hatte (um 1830). Auch im Verkehr der Gemeinden und Individuen ist der Gegensatz zwischen den aus Deutschland, England und Osteuropa stammenden Aschkenasim und den aus Spanien, Portugal und Brasilien eingewanderten Sephardim noch nicht völlig ausgelöscht, macht sich vielmehr gerade in den jüngsten Tagen durch eine starke Einwanderung von Juden aus dem Orient aufs neue fühlbar. (Die „St. Catarina“, die 1654 die ersten jüdischen Siedler aus Brasilien nach New Amsterdam — dem heutigen New York — brachte, ist inzwischen zu einer Art von jüdischer „Mayflower" geworden, bis zu deren Ankunftsjahr sephardische Amerikaner ihre Ahnengeschichte zurückzuverfolgen trachten.) Dieser Gegensatz berührt aber heute weniger die Auslegung der jüdi-

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