Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Nr. 15 WEDELT unserer Machthaber gegenüber den einmütigen Bestrebungen des fortschrittlichen Rußland nach Ausbau der Konstitution vom Standpunkte der jüdischen Interessen aus gleichsam billigten. Dieses sonderbare Auftreten dürfte in judenfreundlichen Kreisen großes und berechtigtes Befremden erregen. Zur Betlis-Affaire (Von unserem Berichterstatter.) Unter dem 23. März (4. April) wird aus Kiew telegraphisch berichtet: Untersuchungsrichter Maschke witsch teilte dem justizminister mit, daß das gesamte Material in der Gerichtssache Beilis bereits gesammelt ist, und daß man bereits an die Abfassung der Anklageschrift schreiten könne. Die Fortsetzung der Tulaer Gerichtstragödie Wir haben bereits über den Prozeß der ersten, aus zwölf Personen bestehenden Gruppe der angeklagten Tulaer Handwerker berichtet („Die Welt", Nr. 13). Dieser Tage fand in Moskau der Prozeß der zweiten Gruppe statt. (Es handelt sich um die Ausstellung und Benutzung falscher Handwerkerzeugnisse.) Das Urteil des Moskauer Gerichtshofes fiel bedeutend milder aus, als dasjenige des Tulaer Kreisgerichtes. Von 36 Angeklagten wurden diesmal nur vier verurteilt, und zwar drei (darunter zwei Christen) zu einem Jahre und einer zu acht Monaten Zuchthaus. Die übrigen 32 Angeklagten wurden freigesprochen. judenfeindliche Ausschreitungen in Russisch-Polen Warschau. Die gewissenlose Boykotthetze der führenden polnischen Kreise hat in M 1 a w a (Gouv. Plotzk) zu argen Ausschreitungen gegen die Juden geführt. Einige hundert Hooligans drangen in die jüdischen Geschäftsläden und Wohnhäuser ein und verwundeten zahlreiche Juden. Die Polizei war gegen die Exzedenten machtlos. Erst einem starken Militäraufgebot gelang es, die Ordnung wiederherzustellen. Auch in dem Städtchen R a z i o n desselben Gouvernements wurde ein kleiner Pogrom vorbereitet, dessen Durchführung gleichfalls nur durch das Einschreiten von Truppen verhindert werden konnte. Vom jüdischen Leben In Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Trotz der politischen und ökonomischen Krise, die in der Türkei wütet, hat in letzter Zeit das hiesige Leben eine erfreuliche Regsamkeit gezeigt, die man fast einen Aufschwung benennen möchte. Die Wahlbewegung zum Ersätze eines Fünftels des Medschliß Umumi, d. i. der großen Konstantinopeler Repräsentantenversammlung, die zuweilen zur Nationalversammlung der ganzen türkischen Judenheit wird, hat sich erfreulich angelassen. Nach den bisherigen vorläufigen Resultaten zu urteilen, werden höchstwahrscheinlich in allen oder fast allen Bezirken der Gemeinde die alten, untauglichen und assimilatorischen Elemente ausgeschaltet werden, während eine Reihe von Männern an die Spitze der Gemeinde treten wird, die man ohne Uebertreibung als die besten bezeichnen kann. In 1—2 Wochen wird diese Angelegenheit ihre Erledigung gefunden haben, und die Repräsentanz der 60 000 Konstantinopeler Juden wird sodann von einem moderneren, jüdischeren und arbeitsfreudigeren Geiste beherrscht sein, als das bisher der Fall war. Die erste Arbeit der erneuerten Körperschaft wird es sein, sich selbst ein Ergänzungsstatut zu geben, daß ihre Arbeitsfreudigkeit auch zur Arbeitsfähigkeit macht. Der Gemeindevorstand arbeitet die entsprechende Vorlage bereits aus; aber nach allem, was davon durchsickert, scheint es zweifellos, daß der Große Rat an dieser Vorlage recht erhebliche und bedeutungsvolle Abänderungen im demokratischen Sinne vornehmen wird. Gleichzeitig gibt es verheißungsvolle Bestrebungen zu einer Reform der inneren Gemeindeorganisation der einzelnen Stadtteile, die bis heute in eine große Anzahl von „Haschgachoth“, Zwerggemeinden, zersplittert und ohne die für eiiusolche Vielheit nötigen zahlreichen Kräfte sind, so daß eine gemeinnützige Aktivität derselben zur Unmöglichkeit wird. Man geht nun mit dem Gedanken um, diese Zwerggemeinden in größere Komplexe zusammenzuschließen, die dann eine größere Selbständigkeit von dem sie bisher vollkommen bevormundenden Großrabbinate erlangen werden. Es scheint, daß der 'Großrabbiner in kluger Einsicht diesem Gedanken zustimmt, so daß in der neuen Amtsperiode der Repräsentanz auch in dieser Hinsicht etwas Nützliches geschehen dürfte. Auch die Schulverhältnisse der Stadt beginnen die Gemeinden wieder lebhafter in Bewegung zu setzen. Man beschäftigt sich eifriger als früher mit den freilich schon oft gescheiterten Revisionsbestrebungen für das Rabbinerseminar und die verschiedenen Gemeindeschulen der Stadtbezirke. Man beginnt sogar in einflußreichen Kreisen an die Schaffung eines höheren jüdischen Schulwesens in Konstantinopel zu denken, das endlich dem Missionsunwesen, das hier von den Sekundaranstalten der katholischen Kongregationen ausgeübt wird, ein Ende wird bereiten können. Das Studium des Hebräischen und der jüdischen Geschichte beginnt in den Volksschulen nach und nach den ihm gebührenden Platz einzunehmen, und die mannigfachen Schulpreise, wie die Preise Esther und Aron Barzilai, die jetzt wieder, wie alljährlich am Purim, zur Verteilung gelangten, haben nicht wenig zur Entwicklung in dieser Richtung beigetragen. Die neue Bodengesetzgebung, die jüngst in Kraft getreten ist, hat auch auf die hiesige Gemeinde ihren Einfluß. Es gibt eine große Reihe von Besitztümern in allen Stadtteilen, die zwar moralisch ihr gehörten, aber auf den Namen von Einzelpersonen eingetragen waren, weil die früheren Gesetze Körperschaften nicht als Grundbesitzer anerkannt hatten. Die Gemeinde hatte über viele dieser Besitztümer, „Hekdeschoth" genannt, nur ein recht illusorisches Verfügungsrecht; und zahlreich genug waren die Fälle, wo die vorgeschobenen, nur formalen Eigentümer oder ihre Erben die Gemeinde um ihren Besitz betrogen, indem sie ihn sich vollkommen aneigneten. Diesen Zuständen wird jetzt ein Ende bereitet werden können. Alle Gemeindegüter werden auf den Namen der Gemeinde selber überschrieben werden, und es steht zu hoffen, da 15 sie manchen Nutzen zum Besten ihrer kulturellen Entwicklung aus diesem Umstande wird ziehen können. Das Gro!!- rabbinat hat zu diesem Behufe eine Spezialkommission eingesetzt, die die notwendigen Formalitäten innerhalb der vom neuen Gesetze vorgeschriebenen nächsten sechs Monate erledigen soll. Griechische „Ritualmord“- Hetze Irgendwo, irgendwie suchen die Griechen noch schnei! vor Pessach ihren Ritualmord zu konstruieren. Ueber einige solcher Versuche haben wir vergangene Woche berichtet. Ein neuer Fall ist nun wieder aus Tepeköj, in'der Umgebm.c von Smyrna, zu registrieren. Auf dem dortigen Wochenmark: c verlor eine griechische Frau ihr Kind, das sich von ibr.r Seite verlaufen hatte. Während sie es suchte, rief plötzlich ein Schmiedegeselle laut über den Markt: „Die Juden haben das Kind gestohlen, sie wollen es zu Ostern schlachten!- Sofort begann die Mutter über den Markt zu kreischen, und in wenigen Minuten gab es eine große Erregung und Tätlichkeiten auf dem Markte. Die Polizei mußte gewaltsam die