Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 463 DIE2$£ELT Also „antisemitisch“ im wahren Sinne des Wortes! Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens predigt hier antisemitische Lehren, von denen Herr Liebknecht sagt, daß man sich ihrer schämen müsse.“ Der Stil ist mangelhaft, aber man weiß, was gemeint ist und man muß sagen: Sehr richtig! Der Zentralverein leistet mit seiner Zionistenhetze dem Antisemitismus die kostbarsten Dienste. Wenn in Zukunft ein „deutscher Mann“ aufsteht und gegen die „Fremdkörper“ im deutschen Vaterlande wettert, so wird er sich auf den Zentralverein berufen dürfen, der sich schaudernd vom jüdisch-nationalen Programm des Zionismus abgewandt hat. Während die Zionisten also für die jüdische Gleichberechtigung und die Zukunft des Judentums kämpfen, sind die Wirkungen der vom Zentralverein gefaßten Resolution folgende: Die Antisemiten erblicken darin eine Bestätigung ihrer Beschuldigungen; die Juden erblicken darin eine Denunziation. Hoffen wir, daß den Herren Horwitz, Holländer, Fuchs, Falkenheim usw. noch viele ähnliche Erfolge beschieden sein mögen! Ob sie nach dieser rückhaltlosen Anerkennung durch die „Staatsbüiger-Zehung“ noch immer den Mut haben werden, zu behaupten, der Zionismus fordere den Antisemitismus heraus? In hübschem Kontrast zu dem deutsch-nationalen Programm des modernisierten Zentralvereins stehen die Äußerungen, die Herr Sanitätsrat Dr. Wiesenthal, ein alter Vorkämpfer des Zentralvereins, am 3. März in Stettin getan hat. Die Monatsschrift des Zentralvereins „Im Deutschen Reich“ berichtet hierüber: „Es folgte ein Vortrag des Herrn Sanitätsrat Dr. Wiese n t h a 1-Berlin über „Antisemitismus und Patriotismus“. Redner zeigte, wie verschieden je nach der Parteistellung die Auffassung darüber war und noch ist, was unter Patriotismus zu verstehen sei. Man sollte sich hüten, einander die Liebe zum Vaterlande abzusprechen. Den verschiedensten Parteien sei schon von maßgebenden Stellen Mangel an Patriotismus vorgeworfen worden. Daß aber bei keiner Partei scheinheiliger Patriotismus in so krassem Widerspruch mit den Taten stehe wie bei den Antisemiten, belegte Redner mit Beispielen aus der antisemitischen Literatur und Presse und aus Reden. Die volksverhetzenden, Thron und Altar untergrabenden Antisemiten hätten am wenigsten das Recht, die Juden als vaterlandsloses Gastvolk zu verhöhnen; denn die Juden erfüllen in treuer Hingebung ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber, trotz aller ihnen zuteil werdenden Zurücksetzung.“ Armer Wiesenthal! Du hast ja keine Ahnung! Das war früher einmal! Jetzt sind wir in der „nationalen“ Entwicklung viel weiter! Jetzt wissen wir ganz genau, was wahrer Patriotismus ist! Arm in Arm mit den Redakteuren der „Staatsbürger-Zeitung“ und der „Kreuzzeitung“ (die den Zionisten zwar die größere Ehrlichkeit zuerkennt, gleichzeitig aber gegen den Zionismus bemerkt, er werde der Tatsache nicht genügend gerecht, daß Deutschland ein „nationaler“ Einheitsstaat sei) — in fröhlichem Bündnis also mit der antisemitischen Reaktion gegen die „jüdische Gefahr“, gegen den Zionismus zu kämpfen — das ist die wahre „deutsche Gesinnung“, das ist Patriotismus! Heil! Eine zionistische Protestversammlung In den Spichernsälen fand am 8. April eine von der Berliner Zionistischen Vereinigung einberufene öffentliche Versammlung statt, die sich mit der Resolution des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegen den Zionismus befaßte. Das erste Referat hielt Herr Rechtsanwalt Gronemann, das zweite Herr Kurt Blumenfeld. Beide Referenten führten aus, daß die Stellungnahme des Zentralvereins gegen den Zionismus diktiert sei von der Rücksichtnahme auf die „Anderen“, auf die Antisemiten. Der Zentralverein, der nun nicht mehr die legitimierte Vertretung aller deutschen Juden im Kampf um die Gleichberechtigung darstellt, wird durch sein denunziatorisches Vorgehen weder die Sympathien des deutschen Volkes gewinnen, noch die Lage der deutschen Juden überhaupt bessern. Beide Referenten kamen zu dem Schlüsse, daß kein anständiger Jude, der antisemitische Kampfmethoden verachte, die Haltung des Zentralvereins billigen könne, und daß alle Zionisten unbedingt aus dem Zentralverein austreten müßten. In gleichem Sinne sprachen Herr Rechtsanwalt Greifenhagen für die jüdische Turnerschaft, Herr Dr. G. W i t k o w s k y und für die gesetzestreuen Juden Herr Referendar Möller. Die mehr als tausendköpfige Versammlung nahm mit allen gegen zwei Stimmen unter stürmischen Zustimmungskundgebungen folgende von dem Vorsitzenden Dr. Hans Gideon Hey mann vorgeschlagene Resolution an: „Die von der Berliner Zionistischen Vereinigung einberufene Volksversammlung spricht ihre schärfste Entrüstung darüber aus, daß der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der bisher die Vertretung der deutschen Juden aller Richtungen darstellte, den Kampf gegen die Gleichberechtigung eröffnet und den Standpunkt der Unparteilichkeit verlassen hat. Die Volksversammlung bedauert aufs tiefste, daß von jüdischer Seite die Loyalität der Zionisten als Staatsbürger angezweifelt worden ist und daß damit die Mitarbeit jedes aufrechten Juden im Zentralverein unmöglich geworden ist.“ Ein unverantwortlicher Schritt russisch-jüdischer „Politiker" (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. Zwei Petersburger Herren, Rechtsanwalt Sliosberg und Mark Warschawsky, fühlten sich gedrängt, auf eigene Faust jüdische Politik zu treiben und bei der Regierung Schritte zu unternehmen, die der jüdischen Bevölkerung anläßlich des Romanowjubiläums gewisse Erleichterungen bringen sollten. Die Herren sprachen bei Kokowzew vor und überreichten ihm ein Memorandum über die gegenwärtige Lage der Juden. In dieser Denkschrift wurde auf die erhöhte Tätigkeit des Ausweisungsapparates in der letzten Zeit hingewiesen, wodurch Tausende von Juden, die seit vielen Jahren außerhalb des Ansiedelungsrayons ansässig sind, wirtschaftlich ruiniert werden. Schließlich ersuchten sie den Ministerpräsidenten, er möge in Anbetracht der schwierigen Lage eine spezielle allerhöchste Verfügung im Wege des § 87 der Grundgesetze, d. h. auf dem Verwaltungswege, ohne Befragung der Duma und des Staatsrats, veranlassen, die, ähnlich dem allerhöchsten Ukas vom 21. Juli 1893, es den Lokalbehörden überlassen soll, ortsansässigen Juden das dauernde Wohnrecht zu verleihen. Wie es in solchen Fällen üblich ist, erklärte Kokowzew, daß ihn die Frage interessiere und daß er mit dem Minister des Innern Rücksprache nehmen werde, um die Angelegenheit eventuell dem Ministerrat zu unterbreiten. Es war von vornherein klar, daß diese Bemühungen nicht mehr Erfolg haben werden als alle anderen dieser Art. Wenn der Regierung daran gelegen wäre, die Lage der Juden einigermaßen erträglicher zu gestalten, würde es ihr nicht schwer gefallen sein, die Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften zu erlangen. Leider aber zeigt unsere ganze innere Politik, das ganze Verwaltungssystem nicht die geringste Spur einer solchen Tendenz. Es gilt im Gegenteil als Zeichen besonderer Gesinnungstüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit, die Schlinge der jüdischen Rechtlosigkeit möglichst eng zusammenzuziehen. Unter diesen Umständen war es geradezu kindisch, zu erwarten, daß Kokowzew um der Juden willen einen konstitutionellen Konflikt heraufbeschwören und den famosen Paragraphen, den er, im Gegensatz zu seinem Vorgänger im Amte, bisher nie angewandt, den Juden zuliebe hervorholen werde. Mit ihrem Schritte bei Kokowzew haben unsere unberufenen Politiker nur das erzielt, daß sie die absolutistischen Gelüste