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Die Welt · 1913-04-11 · 15 (11.4.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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462 Nr. 15 DIE3§KELT Es lag für die Westjuden ein Stück Tragik darin. Man wollte nach vielen Irrfahrten mit offenen Armen hineinstürmen in die Häuslichkeit des Volkstums — und wurde fast wie ein gaffender Störenfried empfunden, . dem man’s nicht recht glaubt, daß er zur Familie gehört, wie sehr er es auch beteuert. Manche scheiterten daran. Die Mitläufer, dann diejenigen, die gar kein inneres Bedürfnis nach der jüdischen Gemeinschaft hatten, sondern nur gekommen waren, an einer schönen und guten Sache mitzuwirken, schließlich die „Individualisten“ vom Schlage Samuel Lublinskis, der eines schönen Tages entdeckte, daß alles das, was er an sich für jüdisch gehalten hatte, doch nur „lublinskisch" sei. Die andern aber begannen sich mit ihrem persönlichen Judenproblem auseinanderzusetzen und jene Theorie unter die Lupe zu nehmen, welche die Westjuden zu den „armen Hascherin“ degradieren möchte, die weder Fleisch noch Fisch sind, für die jüdische Moderne und ihre Frucht, den Zionismus, nichts bedeuten, als bestenfalls eine taugliche Geldsammelmaschine. Man sagte sich füglich: Was sind ein paar Jahrzehnte gegenüber einer Jahrhunderte alten Tradition? Was vermag die eben erst eingetretene Abspaltung und Abbröckelung gegenüber der Stimme des Blutes? Man sah das westjüdische Menschenmaterial näher an und fand, daß der Begriff „Westjude“ gewaltig überspannt worden war, daß in den westeuropäischen Ländern eine ganze Fülle gesunder, gutjüdischer Menschentypen nach wie vor gedeiht (auf die an anderer Stelle näher eingegangen wurde*), eine ganz erkleckliche Summe von Entwicklungsmöglichkeiten und Werdeprozessen aufzuspüren ist. Wie: Diese jüdischen Menschen, die aller Zerklüftung und aller Anpassungsmanie zum Trotz überallhin ihre ureigene Note getragen haben, insbesondere in Zweige der schönen Literatur, in die produktive Kritik, in das Gesellschaftsleben der Großstädte, und die es jetzt nach der Gemeinschaft im eigenen Volke hungert, sollten mit leeren Händen kommen? Aus solchen Gedankengängen erwuchs den bewußten westlichen Juden Selbstvertrauen und zäher Arbeitsmut. Sie überheben sich nicht. Sie wissen, was sie mit *) So in den Aufsätzen desselben Verfassers: „Landjuden“ in der „Jüdischen Zeitung“, 1909, Nr. 7 und „Westjuden“ in der „Welt“, Jahrgang XIII, Nr. 27. des Großvaters mutiger Treue, mit des Vaters Stammesstolz eingebüßt haben, aber sie kennen jetzt auch ihre Werte. Für durchaus falsch haben sie die Behauptung erkannt, daß der Zionismus der Westjuden, nicht wie der 'der Ostjuden eine „Ursache“, sondern bloß, einen „Anlaß“ habe. Im Gegenteil: Seelisch zieht es uns vielleicht noch stärker zur zionistischen Gemeinschaft hin, als den Ostjuden, weil uns die quälende Verlassenheit und bittere Vereinsamung, die durch die Assimilation- bis ins Familienleben den Weg fand, zu ihr hindrängt. Dem Westjuden kann es nicht passieren, wie dem Jüngling bei Schalom Asch (in „Moschiachs Zeiten“), der nach Zion sein geliebtes jüdisches „Städtel“ mitnehmen möchte. In diesem Sinne haben wir nichts mitzunehmen und mehr gilt für uns als für den Ostjuden das Wort Bubers, daß die Freiheit, die der Zionismus meint, an das große Symbol der Erlösung rühre . . . ~ So begannen die Westjuden die ganze Verantwortung des Uebergangsgeschlechtes zu fühlen, das weiß, was es aus eigener Kraft den nächsten Generationen, soweit sie in der Zerstreuung weiterleben werden, zurückzuerobern hat. Aus eigener Kraft! Wer ahnt nicht, wie kostbare Werte gerade' aus diesem Ringen des Westlers um sein Judentum der jüdischen Gesamtheit erwachsen können! Um die Westjuden aber, die ein neues Leben in Palästina aufbauen, das wissen wir jetzt, braucht niemand bange zu sein: Sie werden ein ausgezeichnetes, nicht gut entbehrliches Ferment und Kreuzungselement bilden. Der geschilderte Entwicklungsgang beginnt die Physiognomie des Westjudentums zu ändern. Das Interesse an jüdisch-volklichen Angelegenheiten wird allgemein, das Verständnis für das Palästinawerk wächst von Tag zu Tag und es wurde mit Recht vor kurzem anläßlich einer Wiener Tagung darauf hingewiesen, daß bereits der größte Teil der nichtzionistischen Judenheit das „zionistische Minimalprogramm“ akzeptiert habe. Innerhalb der westlichen Zionisten wirkt eine starke, in ihrem Ernste.und in ihrer Intensität überraschende Emanation und diese Emanation beginnt den ganzen jüdischen Westen mit sich zu reißen. Der tote Punkt der westlichen jüdischen Entwicklung ist endgültig überwunden. Dr. Otto Abeies. O II □□□□OG WELTCHRONIK □□□□□□ ji o Die Wirkungen der Zionistenhetze des Zentralvereins Berlin. Wir haben in der vorigen Woche den skandalösen Beschluß des „Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ gegen den Zionismus gegeißelt. Wir fragten: „W i 11 d e r Z e n t r a 1 v e r e i n die deutsch-antisemitische Forderung des nationalen Einheitsstaates übernehmen?“ Und siehe da: schon bestätigt der deutsche Antisemitismus den Herren vom Zentralverein seine volle Zustimmung. Die Staatsbürger-Zeitung, das Organ des deutschen Radau-Antisemitismus, bemerkt zu dem Bericht über die Versammlung des Zentralvereins folgendes: „Die Anhänger der antisemitischen Richtung behaupten, daß die Staatsbürger mosaischen Glaubens im allgemeinen international denken und nicht in gleicher Weise national deutsch fühlen und denken, wie es das deutsche Vaterland infolge seiner eigenartigen Lage innerhalb Europas von seinen Söhnen verlangen muß. Dieser Bericht (über die Versammlung des Zentralvereins. Die Red.) zeigt deutlich, daß in den Kreisen des Zentralvereins eine starke Strömung herrscht, die von denselben Zielen und Einflüssen geleitet wird, wie die antisemitische Bewegung. Es wird klipp und klar ausgesprochen, daß der Zentralverein international denkende Juden kennt, die ein deutsches Nationalgefühl leugnen, die ihre Betätigung als Deutsche nicht nur in der Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten sehen, sondern von denen im Gegensatz hierzu Betätigung deutscher Gesinnung im bürgerlichen Leben verlangt wird. Der Zentralverein fordert seine Mitglieder klipp und klar auf, sich von denen, die deutsches Nationalgefühl leugnen und sich als Gast im fremden Wirtsvolk und national nur als Juden fühlen, zu trennen.

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