Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERUN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV1L JAHRQ. BERLIN, li. April 1913 'ambib T'onn 'x p'j't | KJ |—I A| X, OTTO ABELES: Die Evolution im Westen — WELTCHRONIK — H. H. COHN: Judentum und Zionismus IrN n/\L I : in Amerika — PALÄSTINA-RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG - LITERARISCHE RUND¬ SCHAU — Geschäftliche Nachrichten — Mitteilungen des Hauptbureaus des Jüdischen National-Fonds — INSERATE Die Evolution im Westen Da diese Zeilen geschrieben werden, hat irgendwo unter dem palästinensischen Frühlingshimmel eine Schar westjüdischer junger Menschen die Nachtzelte aufgeschlagen und überdenkt den verlebten reichen Tag. Westjüdische zionistische Jungmannschaft wandert-durch das neue Palästina, in straffer Manneszucht, jedes Muskels bewußt und jeder Fiber, die in Glück und Liebe dem Dienste des Volksgedankens gewidmet ist. Diese Lenzfahrt sei uns Anlaß, von der Stellung und Entwicklung des westlichen Judentums im Zionismus zu sprechen. Wer an eine Evolution im jüdischen Westen nicht glaubt, oder nicht glauben darf, weil er auf das Axiom Birnbaums von der absoluten Minderwertigkeit der westeuropäischen Judenheit eingeschworen ist, möge zunächst mit uns ein paar historische Daten rekapitulieren. Die Zweiheit „Ostjudentum — Westjudentum“, die heute unleugbar besteht, ist ganz jungen Datums. Sub spede aetemitatis betrachtet, sind es eigentlich frischgemünzte Begriffe. Die gesetzliche Fixierung der Judenemanzipation vollzog sich ja erst zwischen den Jahren 1831 (Gesetz der französischen Pairskammer) und 1869 (Deutsches Bundesgesetz), und man wird wohl das sichtbare Fortschreiten jenes Amalgamierungsprozesses, der ein „Westjudentum“ im Sinne der üblichen Terminologie ergab, kaum vor 1848 datieren dürfen. Bis zu dem Zeitpunkte, da sich alle Ghettotore öffneten, und natürlich noch eine geraume Weile später, gab es keine „Westjuden“, sondern — vom orientalischen Judentume abgesehen, das sich stets gesondert entwickelte — in Ost und West eine im Grunde einheitliche, höchstens durch Lokalkolorit differenzierte Judenheit. Wohl traf sich in den Salons der Henriette Herz und Rachel von Varnhagen das junge Deutschland, wohl bestand schon seit 1821 der „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums“, der sich mühte, „die Juden durch einen von innen heraus sich entwickelnden Bildungsgang mit dem Zeitalter und den Staaten, in denen sie leben, in Harmonie zu bringen“, aber was hatten die Moser, Gans und Zunz mit der großen Masse gemein? Als Heine anno 1827 mit Börne durch die Frankfurter Judengassen ging, wurde dort das Chanukafest — man lese nur in Heines Buch „Ludwig Börne“ nach — nicht anders begangen, als in irgend einer östlichen Judenstadt. Kompert erzählt in seinen erst nach dem Jahre 1848 geschriebenen Büchern mystische Judenlegenden aus Böhmen, die ebenso gut dem Jüngerkreise des Baal-Schem entstammen könnten. Prag und Preßburg, Nikolsburg, Proßnitz und Boskovvitz durften sich neben Krakau und Wilna stellen: das jüdische Leben in allen seinen Aeußerungen war da wie dort gleichartig bis auf intime Nuancen, die aber gegenwärtig die Ostjuden verschiedener Landstriche viel schärfer von einander unterscheiden. Diese Einheitlichkeit wird begreiflich, wenn man sich erinnert, in welch regem Verkehr die Ghetti entfernter Provinzen miteinander standen. Wir verweisen nur auf die vor drei Jahren publizierten „Jüdischen Privatbriefe“ Prager und Wiener Juden, die uns zeigen, wie schon zur Zeit des 30 jährigen Krieges zahlreiche Fäden die entlegenen Judenzentren verbanden, wie ein immerwährender Strom von Gemeindemandataren, Schülern, Kaufleuten, Blutsverwandten zwischen ihnen zirkulierte, ein Austausch, der natürlich mit der Sicherheit der Landstraße und mit den Verkehrsmitteln zunahm. Also: Der Typus „Westjude“, wie er jetzt verstanden wird, trat erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in die Erscheinung und ist wohl erst in den letzten 40 oder 30 Jahren in den Großstädten bis zur Volksentfremdung, in den Kleingemeinden bis zu jener Besonderheit ausgewachsen, die man mit den Schlagworten „Kehillaphilistertum“, „israelitische Paradesynagoge“ und „Teitsch-Chumeschniveau“ (ein Wort Sokolows) hinlänglich charakterisiert. Als der Zionismus kam und vom Westen aus parteimäßig organisiert wurde, übersahen nun tatsächlich die westlichen Zionisten vollständig jenen Gegensatz, den Birnbaum durch die Antithese „aktive ostjüdische Kulturgemeinschaft“ und „passive westjüdische Besonderheit“ ausgedrückt hat. Man wähnte wirklich von Wien aus die zwölf Millionen Juden einfach umschlingen zu können. Erst allmählich wurde die Kluft sichtbar, durch die Kritik nicht minder, als durch das persönliche Erlebnis.