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Die Welt · 1913-04-04 · 14 (4.4.1913) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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444 Nr. 14 : DlETOTELTr ° (( □□□□□□ „o FEUILLETON □00000 Der letzte Band Von „Al paraschath derakhim“ ist der viene Band erschienen. Unwillkürlich sucht man das Vorwort oder ein Nachwort.. Denn es ist der letzte Band, von Achad Haams „gesammelten Schriften“. Man sucht vergebens. Nur im Buche selbst wird nebenbei, als Grund für eine bestimmte Veröffentlichung, die Tatsache erwähnt, daß „AI paraschath derakhim“ seinen Abschluß gefunden hat. „Ich fühle, daß ich den letzten Band meiner gesammelten Schriften nicht beenden kann, ohne vorher öffentlich über meine persönliche Beziehung zu dem Orden „Bene Moscheh“ Rechenschaft abzulegen.“3) Und aus einigen Aufsätzen redet bedeutungsvoll die Stimmung, welche auf ihnen ruht.1 2) Wer aber diesem Stimmungsgehalt nichts entnehmen und jene Einzelstelle übersehen sollte, wie man bei Achad Haam schon ganze Grundgedanken häufig „übersehen“ hat, der findet am Ende des Buches das „ausführliche Verzeichnis des Inhalts aller vier Bände“, welches keinem entgehen kann und dessen Bedeutung sich nicht verkennen läßt. Was bewog Achad Haam, schon jetzt den endgültigen Abschluß seiner Gesammelten Schriften vorzunehmen? Er verschwieg seine Gründe, aber ihre Vermutung liegt nahe. Achad Haam ist ein Ganzer, ein durchaus in sich Vollendeter und Geschlossener. Das Halbfertige, Fragmentarische geht wider seine Natur. Daher mochte ei eine Forderung seiner Natur erfüllen, als er jetzt den letzten Band von „Al paraschath derakhim“ erscheinen ließ. Es verlangte ihn wohl danach, auf alle Fälle das Werk ganz zu sehen, welches sein Hauptwerk bleiben wird, was er auch immer für sein Volk in Zukunft noch schaffen mag — ganz, in sich vollendet und geschlossen. Zwar steht Achad Haam erst „an der Schwelle des Alters“ (S. 159, 189); aber hinter ihm liegen „viele, viele Jahre voll Arbeit und Kampf, reich an Siegen und Niederlagen, an Leid und an Freude“ (S. 159). Wer weiß, was der Tag bringt? In Bereitschaft sein ist alles! Und Achad Haam gilt von jeher als der Mann erwägender Vorsicht und sicherer Bereitschaft. So überschaute er für alle Fälle „das Gesamtergebnis“ seiner bisherigen Lebensarbeit und vollendete dann ihr literarisches Dokument. Jedoch der Vertreter des strengen Objektivitätsprinzips3) macht seine Entschließungen schwerlich von subjektiven Motiven allein abhängig. Daß Achad Haam seine Gesammelten Schriften bereits endgültig zum Abschluß brachte, muß vor allem aus einem sachlichen Grund geschehen sein. Und er findet sich, wie mir scheint, im Buche angedeutet. Als das Volk in entscheidender Stunde zögernd am Scheidewege stand, trat Achad Haam hervor und zeigte, wo „der Weg des Lebens“4) zu suchen sei: Nur im Lande der Väter, welches zunächst zum geistignationalen Zentrum ausgebaut werden soll, ist die Wiedergeburt des jüdischen Volkes möglich. Und nur unter der Bedingung, daß ein starker Glaube an diese Möglichkeit besteht, welcher auf einem in den Tiefen der Herzen wurzelnden machtvoll-lebendigen Na¬ 1) S. 197 in der Publikation „Nissajon schelo hizliach“. 2) Vergl. „Sakh hakol“ und den E. L. Lewinsky gewidmeten Nachruf „Harischon“, Einleitung. 3) Vgl. die Abhandlung „Al schethe haseipim“, S. 38 ff. 4) So betitelt sich der Aufsatz (S. 198 ff.), welcher das Programm der „Bene Moscheh“ enthält. tionalgefühl ruht. Vor allem muß daher die entsprechende Erziehung des Volkes angestrebt werden. Dem Begriff des „Nationalismus“ gilt es, die Bedeutung eines erhabenen moralischen Ideals zu gewinnen, dessen Mittelpunkt die Liebe zum jüdischen Volke samt seinen historischen Gütern bildet und dessen Peripherie — die Pflege alles Guten und Wertvollen. . Nach einem aus bestimmten äußeren Ursachen (S. 225) mißlungenen Versuch, durch eine besondere Organisation seiner Lehre Wirklichkeit zu geben, bemüht sich Achad Haam, ihr in erster Linie mit der Kraft seines Wortes unter ständiger Erläuterung und Begründung, Vertiefung und Entwicklung Eingang beim Volke zu verschaffen. Mehr als zwanzig Jahre weihte er dieser Tätigkeit, dann hielt er scharfe Umschau nach ihrem Erfolg. Und er, den viele für die Verkörperung des „Pessimismus“ halten, fand Grund zu Freude und Befriedigung. Zwar hat sich seine Lehre durchaus nicht allgemeine Anerkennung errungen. Im Gegenteil: fast überall wird ihr nach wie vor Verkennung zuteil und stößt sie auf erbitterten Widerspruch. Indes, der Weg des Geistes führt auch durch die dunklen Tiefen des Bewußtseins, und oft bewirkt die Macht der „natürlichen Instinkte“, was unter der „Herrschaft der Vernunft“5) nicht gelingen will. Auf solche Art sah Achad Haam, der nach einem Worte Salomon Schillers „immer ein richtiges Urteil fällt“, seiner Lehre den Sieg im Leben und durch das Leben gesichert. Im Lande der Väter beginnt sich, soweit entfernt auch das Endziel noch ist, die Wiedergeburt des jüdischen Volkes zu vollziehen: Palästina fängt an, zum Zentrum des jüdischen Volksgeistes und der jüdischen Volkskultur zu werden, dergestalt die zersplitterte Judenheit wieder geistig zu einen und zu neuem nationalen Leben zu erwecken (S. 160, 177). Und nicht infolge künstlicher Bestrebungen vollzieht sich der Prozeß, sondern auf Grund eines in den Tiefen der Herzen — besonders der Jugend — wurzelnden machtvollen Nationalgefühls und Zukunftsglaubens (S. 163). Gewiß zeigt sich noch weit mehr Schatten als Licht; gewiß ist allenthalben erst der Anfang zu konstatieren. (S. 159). Aber gerade auf diesen Anfang kommt es hauptsächlich an: der Ausgangspunkt ist gesichert, die Entwicklung beginnt ihren Lauf in der richtigen Bahn zu nehmen, „der Weg des Lebens“ ist beschritten. Für den großen Evolutionisten gibt es am Scheideweg nichts mehr zu tun. Dies mag für Achad Haam der entscheidende Grund gewesen sein, jetzt den Ort seiner treuen Hut zu verlassen und „Al paraschath derakhim“ endgültig abzuschließen. Der letzte Band enthält außer den schon erwähnten Aufsätzen zwei größere, auf den Zionismus bezügliche Abhandlungen unter dem Titel „Higiah haschaah“, von denen die zweite auf die türkische Revolution mit ihren Lehren für die nationaljüdische Bewegung näher eingeht. Ferner liegen Abhandlungen vor über: „Die nationale Erziehung“, „Das hebräische Gymnasium in Jaffa“ und ein Nachruf auf M. L. Lilienblum. Endlich hat, wie im 3. Band, eine Reihe kleinerer Aufsätze als „Jalkut katan“ Aufnahme gefunden. Unter ihnen sei die kurze, erstmals bereits vor sechs Jahren im „Haschiloach“ erschienene Publikation „Millim umussagim“ wegen ihrer „Zeitgemäßheit“ besonders der Beachtung empfohlen. Ihren Gegen- 5) Der erste — Maimonides behandelnde — Aufsatz des neuen Bandes trägt den Titel „Schüton hasekhel“.

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