Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 443 dies^elt Vereinigte Staaten von Nordamerika Nahum Sokolow in Amerika Wie bereits gemeldet, ist Herr Nahum Sokolow, Mitglied des E. A. C. am Mittwoch, den 12. März in New York eingetroffen. Er wurde von einem aus den Herren Louis Lipsky, Abram Goldberg, Jacob Fishman und $. Lubarsky bestehenden Komitee an Bord des Dampfers empfangen, während sich im Dock einige hundert Zionisten zu seiner Begrüßung eingefunden hatten, darunter die Herren A. E. Lubarsky, Professor Israel Friedlaender, Hermann C on h e i m , Israel J. Wolf, Dr. J. L. Mag nes und Vertreter sämtlicher zionistischer Vereine New Yorks. Am Donnerstag Abend wurde Herrn Sokolow vom Exekutiv-Komitee der zionistischen Federation in seinem Hotel ein Privatempfang bereitet, woran u. a. teilnahmen: Professor Dr. S. Schechter, kabbiner Bernard Drachman, Miss Henrietta S z o 1 d , Mrs. . Richard G o 11 h e i l, Miss Gertrude Goldsmith, N. Taylor-Phillips, Dr. H. 111 o w a y. Am Sonnabend, den 15. März fand in Carnegie Hall eine große Propaganda-Versammlung statt, welche von über 3000 Personen besucht wurde. Als Vorsitzender fungierte Professor Dr. S. Schechter vom jüdisch-theologischen Seminar. Es sprachen noch Dr. Samuel S h u 1 m a n , ein hervorragender keform-Rabbiner am Tempel Beth-El, der zwar nicht Zionist ist, sich aber sehr für die Renaissance des Judentums in Palästina interessiert, Professor Israel Friedlaender und Rev. Hirsch Masliansky. Herr Sokolow sprach englisch und überbrachte die Grüße des E. A. C. „Es war stets unser Wunsch,“ sagte er, „daß Vertreter unserer Zentralorganisation nach Amerika kommen sollten, denn wir Juden haben Amerika stets angesehen als das Land idealer Freiheit, und wir Zionisten schätzen dieses Land besonders, weil es für uns als großes Vorbild dafür dient, wie ein Land kolonisiert werden kann.“ Herr Sokolow setzte hierauf seine Rede in jüdisch fort und besprach die politische Lage in der Türkei. Er führte u. a. aus: „Die Türkei hatte seit ihrer Umwandlung in einen Verfassungsstaat keine Möglichkeit, innere Reformen durchzuführen. Die Angriffe gegen ihre territoriale Integrität haben sich der Ausführung ihrer Reformpläne entgegengestellt. Wenn die Balkankrisis vorüber ist, wird sicherlich eine neue Aera für das kulturelle und wirtschaftliche Leben der Türkei beginnen. Bei dieser Wiedergeburt werden die Juden, so glauben wir zuversichtlich, einen wichtigen und unumgänglich notwendigen Faktor bilden. Die Ottomanen stehen den Bestrebungen und der Tätigkeit der Zionisten sympathisch gegenüber. Die maßgebenden Kreise haben allen unseren Unternehmungen, ob wirtschaftlichen oder kulturellen Charakters, Sympathien entgegengebracht. Wir haben allen Grund, zu glauben, daß sie unsere Bestrebungen weiterhin fördern werden, denn was wir in Palästina leisten, kann nur unsere Nützlichkeit für das ottomanische Reich erweisen.“ Herr Sokolow fügte hinzu: „Palästina kann nicht durch Türken besiedelt werden, denn dem türkischen Element fehlt die historische Beziehung zum Lande; der Türke ist wohl ein vorzüglicher Krieger, aber kein Kolonisator. Und eine andere Nation, die hierfür in Betracht käme, gibt es nicht! Obgleich Palästina den meisten christlichen und mohammedanischen Völkern heilig ist, hat doch keines von ihnen Beruf und Neigung gezeigt, dem Lande Ansiedlungspioniere zu liefern. Wohl haben die deutschen Templer einen Versuch in dieser Richtung gemacht, jedoch der Erfolg blieb aus, und sie haben das Unternehmen schließlich aufgegeben. Die einzige Nation, welche das Land nicht nur verehrt, sondern auch bereit ist, es wieder zur Blüte zu bringen, und die bereits ihre Eignung hierfür bewiesen hat, ist das jüdische Volk.“ Herr Sokolow appellierte an das Wohlwollen der Kulturvölker für das zionistische Werk, namentlich aber an die Sympathie der englisch sprechenden Völker, die selbst in hervorragendem Maße Kolonisatoren und Kulturpioniere sind, und die, beseelt von dem Geiste der Bibel, unsere auf den Traditionen eben dieser Bibel basierenden Bestrebungen am besten verstehen werden. Zum Schluß wandte sich der Redner an die Juden Amerikas, die sich im Vollbesitz der bürgerlichen Freiheit befinden, mit der warmherzigen Aufforderung, nach Kräften an dem Ausbau des zionistischen Werks in Palästina mitzuwirken. Die rhetorisch äußerst wirkungsvollen Ausführungen des Herrn Sokolow riefen bei der begeisterten Zuhörermenge stürmische Beifallskundgebungen hervor. Dem Redner wurden rauschende Ovationen dargebracht. In der Versammlung wurden hebräische Melodien von der Halevy Singing Society unter Leitung von Mr. Leon Kramer vorgetragen. . Der Besuch des Herrn Sokolow hat unter der jüdischen Bevölkerung Amerikas überaus großes Interesse wachgerufen. Die jüdischen Gemeinden der verschiedenen Städte, die er besuchen wird, treffen großartige Vorbereitungen zu seinem Empfange. In Boston wurde ein hundertgliedriges Empfangskomitee organisiert. Herr Sokolow beabsichtigt vom 2S. bis 31. März in Boston zu verweilen. Er wird im Regierungsgebäude (State House) durch Vertreter der städtischen und staatlichen Behörden empfangen werden. Am 29. März wird er in dem Twentieth Century Club einen Vortrag halten, dessen Mitglieder zu den führenden nichtjüdischen Persönlichkeiten der Stadt gehören. Philadelphia. Mit einem lang anhaltenden Beifallssturm wurde Herr Sokolow am Abend des 18. März in der Musical Fund Hall zu Philadelphia, wo 1500 Zuhörer seiner harrten, empfangen. Immer wieder tönte der Ruf „Jechi Sokolow“ durch den Saal. In einer Ansprache, die über zwei Stunden währte, und* die er in Englisch, Jargon und Hebräisch hielt, legte Herr Sokolow die Lage der Juden in der ganzen Welt und die besondere Pflicht der amerikanischen Juden gegenüber ihren über die Welt zerstreuten Brüdern dar. Nach einigen einleitenden Worten von Dr. Max L. M a r g o 1 i s, dem Präsidenten des Philadelphia Zionist Council, ergriff Herr Sokolow das Wort. Er richtete herzliche BegrüßungsWorte an die Gesinnungsgenossen von Philadelphia und überbrachte die Grüße des E. A. C. Er fuhr dann etwa folgendermaßen fort: „Wir leben augenblicklich in einer sehr kritischen Zeit und sind Zeugen zahlreicher und wichtiger Veränderungen in vielen europäischen Ländern. Die Lage unserer Brüder im Osten ist eine der ernstesten Fragen, welche die Gemüter der denkenden Juden beschäftigt. Was wird daraus werden, niemand kann es sagen. Es ist zu hoffen, daß die Juden des gesegneten Amerika ihren Teil dazu beitragen werden, um denen zu helfen, die weniger glücklich sind. Es gibt jedoch auch eine Frage, die von allen Juden in allen Ländern bedacht werden muß. Ist eine neue Zufluchtsstätte eine Lösung der jüdischen Frage? Ist selbst Euer Amerika eine Lösung dieser Frage? Ist es ratsam, die türkischen Juden nach Amerika zu schicken? Wäre es nicht besser, sie in Palästina zu konzentrieren, das eine Heimat für alle Juden bilden könnte, und vielen eine solche sein sollte? Ist die augenblickliche Lage der Juden ein normaler Zustand? Kommt er wirklichem nationalen Leben gleich? Die Türkei ist nicht das Land einer einzigen Nation; es ist die Heimat vieler Nationalitäten, und es gibt dort weder Assimilation noch Nationalismus. Ich frage, warum können die Juden nicht eine Nationalität in der Türkei bilden? In anderen Ländern, sagt man uns, gibt es eine führende Nation mit einer einheitlichen Nationalität, und darum kann der Jude dort nicht festen Fuß fassen. Nicht so in der Türkei. Die Form der Konzessionen und ähnliches muß gewiß besprochen werden, aber darüber ist später nachzudenken. Im einzelnen wird sich mit der Zeit von selbst ergeben, was das richtigste ist. Dasjenige, was wir jetzt tun müssen, ist, von dem Lande Besitz zu ergreifen. Wenn wir früher die richtigen Vorbereitungen getroffen hätten, könnten wir uns jetzt dort niederlassen.“ — Die Theorie von „Israels Mission“ unter den anderen Völkern kritisierte Herr Sokolow scharf. Die Idee, den Juden fast in den Himmel zu heben, wäre nur dazu angetan, ihn desto tiefer fallen zu lassen. „Das wirkliche jüdische Leben besteht nicht im Predigen, sondern im Handeln. Es genügt nicht, der Welt die jüdischen Ideale zu verkünden, sondern wir müssen vor der Welt ein jüdisches Leben führen. Hierin unterscheiden wir uns von den Christen. Sie predigen die christliche Liebe, während wir ein jüdisches Leben führen müssen.“ Bezüglich der Reformbewegung in Amerika sagte er: „Die fabrizierte Gebetbuchreform dieses Landes ist noch naß von der Presse, und ich kann noch nicht darüber urteilen. Ich weiß nicht, was sie meint und was sie will. Ich komme aus einem Lande, wo die Reformbewegung ihren Ursprung hatte. Gerade in der Hauptstadt dieses Landes haben wir jetzt das Zentralbureau der zionistischen Bewegung. Wenn Sie etwas über Deutschland wissen wollen, so kann ich Ihnen sagen, daß dort die Kinder ihre Eltern strafen, weil sie ihre Nation verlassen haben. Viele Studenten an allen ersten Universitäten sind Zionisten und von wahrem jüdischen Selbstbewußtsein erfüllt. An Euch, Ihr Juden Amerikas, habe ich eine spezielle Botschaft. Ihr habt gesehen, wie ein Land aufgebaut werden kann. Ihr seid jünger, als die anderen, und Ihr seid von dem Geiste der Freiheit durchdrungen. Es ist Eure Pflicht, mitzuarbeiten an der Renaissance der jüdischen Nation. Ich appelliere nicht an die Wohltätigkeit, nicht an die Menschenfreundlichkeit, sondern wir verlangen Eure ernste Mitarbeit. Ich möchte, daß 100 000 neue Zionisten in Amerika sind, ehe ich dieses Land verlasse.“ Herr Sokolow kam in Begleitung des Vorsitzenden des Executive Committee der amerikanischen Federation, Mr. Louis Lipsky, nach Philadelphia. Am Bahnhof Broad Street wurde er von einem Komitee der Zionisten empfangen, zu welchem Rabbiner B. L. Levinthal, Professor Max L. Margo 1 is, Dr. Benjamin L. G o r d o n, S. S. Blum u. a. gehörten.