Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316588--57291-3375745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 LT 437 gesellschaftlich und kulturell von den Juden absolut abhängig ist, kann begreiflicherweise keinen Antisemitismus treiben. Es trifft sich auch häufig, daß die wenigen Christen ganz „verjudet" werden. Eine ähnliche Erscheinung habe ich vor einigen Jahren in Jerusalem wahrgenommen, wo die Juden beinahe drei Viertel der Bevölkerung bilden und überdies das einzige Kulturelement im Lande darstellen. Mir selbst war beschieden, zu sehen, wie russische Geistliche und andere „echte Russen“, mit denen selbst der russische Oberhooligan Purischkewitsch zufrieden sein könnte, ihre Verachtung des „verfluchten ungläubigen Juden“ zum Schweigen bringen und die jüdischen Abende : Konzerte, Versammlungen und andere kulturellen Veranstaltungen besuchen mußten. Nicht die „Verteilung" der Juden also, sondern im Gegenteil ihre Konzentrierung kann bis zu einem bestimmten Grade an der Abschwächung der Haß- und Verachtungsgefühle mitwirken, welche die Christen gegen uns empfinden. Es gibt noch einen Antisemitismus, den wir als den wirtschaftlichen bezeichnen. Diese Abart ist fast unabhängig von der Verachtung oder Schätzung des jüdischen Volkes. Der bekannte Judenfresser Suworin hat nicht die geringste Abneigung gegen Juden empfunden. Unter seinen intimsten Freunden befinden sich nicht wenig Juden und sogar die Erziehung seiner Kinder hat er einem jüdischen Studenten, namens Lewinsohn, anvertraut. Auch der Wiener „Landespatron“, Lueger, der Schöpfer des modernen Antisemitismus in Oesterreich, war persönlich mit manchen Juden befreundet. Ungeachtet des Schocks Rassentheorien, womit die Antisemiten sich bemühen, ihre judenfeindlichen Lehren zu begründen, wird doch kein vernünftiger Mensch an der ökonomischen Grundlage des modernen europäischen Antisemitismus zweifeln. Ueberall, wo verschiedene nationale Gruppen in enger Nachbarschaft wohnen (wenigstens in Europa, wo jede Nation „historische Rechte“ auf ein bestimmtes Landgebiet beansprucht), kommt es zu ökonomischen Konflikten unter ihnen, die sehr oft die Maske eines nur nationalen Kampfes tragen. Selbstverständlich hat sich auch der Kampf gegen die Juden in einen nationalen Schleier gehüllt. Der Unterschied gegen andere Völker besteht nur darin, daß wir überall die Schwächeren sind und der Kampf gegen uns immer aggressiven Charakter aufweist, während wir uns bloß verteidigen können. Es muß zugestanden werden, daß, je intensiver die Beteiligung der Juden an dem ökonomischen Leben des Landes ist, — was in geradem Verhältnis zu ihrer Siedlungsdichte steht —, desto häufiger die nationalen Konflikte und im Zusammenhang damit auch die Veranlassungen zu antisemitischen Ausfällen gegen die Juden sind. Durchaus irrig ist es aber, anzunehmen, daß diese Ausschreitungen uns gefährlicher werden können in den Ländern, wo wir konzentriert wohnen. In jedem Kampf hängt der Sieg von dem Kräfteverhältnis der kämpfenden Parteien ab und der Sieg unserer Feinde wird dort vollständiger sein, wo wir numerisch schwächer sind. Sehen wir doch, daß es gerade der konzentrierten Judenheit Rußlands und teilweise auch Galiziens gelungen ist, neue ökonomische Positionen zu erobern, ungeachtet der ungünstigen politischen Bedingungen, unter denen die russische Juden leben müssen. (Es seien nur die Gemüseproduktion für den Export im Suwalker Gouvernement und die Tabakpflanzungen in Beßarabien angeführt.) Sehen wir ja auch, daß gerade in Böhmen und Mähren, wo die Juden der Zahl nach sehr schwach sind (etwas mehr als 1 o/o der Bevölkerung), sich die Verdrängung der Juden am stärksten äußert. Im Laufe der letzten 20 Jahre macht sich hier sogar eine progressive absolute Verminderung der Juden bemerkbar, — im Verlauf der letzten 10 Jahre um 7,5 °/o —, während in allen anderen Ländern mit bedeutenderer jüdischer Bevölkerung, sogar im rückständigen Galizien, eine ununterbrochene Vermehrung auf tritt. Als die polnischen Arbeiter in der jüdischen Stadt B i a 1 y s t o k beschlossen hatten, den jüdischen Arbeitern den Zutritt zur Großindustrie zu verwehren, traten diese in den Kampf gegen ihre polnischen „Genossen“ und haben gesiegt. Die energische Tat der jüdischen Arbeiter hat es bewirkt, daß jetzt auch der verbissenste polnisch-nationale Arbeiter an dem Recht des jüdischen Proletariats auf Arbeit an den mechanischen Webstühlen nicht mehr rütteln wird. Viel heftiger wütet der Kampf gegen die jüdischen Arbeiter in Warschau und in Lodz, wo die Juden verhältnismäßig schwächer sind, aber dank ihrer Massenhaftigkeit haben sie noch immer die Kraft, ihre Positionen zu verteidigen. Ganz hilflos wären aber die jüdischen Arbeiter, wenn die gegen sie gerichtete wirtschaftliche Bewegung in Petersburg, Charkow oder anderen Städten auftauchte, wo die Zahl der Juden sehr gering ist. Kein Zufall ist es, daß das Schächtverbot in Finnland und der Schweiz, aber nicht in einem Land mit einer jüdischen Massenbevölkerung, z. B. Oesterreich, angenommen wurde, obgleich die antisemitische Bewegung in diesem Lande weit stärker ist als in den beiden genannten. Wichtiger aber als alles bisher Angeführte ist der Umstand, daß die Konzentrierung der jüdischen Massen die Konflikte zwischen ihnen und den Nichtjuden und zugleich auch den ökonomischen Antisemitismus auf ein kleines Gebiet beschränkt, während die Zerstreuung der jüdischen Massen die antisemitische Seuche über große Flächen verbreitet. Wir wollen Oesterreich als Beispiel anführen. Bloß in sieben Kronländern enthält es eine bedeutendere Zahl von Juden, in Niederösterreich, Galizien, Bukowina, Mähren, Böhmen, Schlesien und Triest; in allen übrigen ist der Prozentsatz der Juden ein verschwindender (im Maximum 0,2 <y0). In diesen „judenreinen“ Ländern kann natürlich auch Judenhaß existieren. Man kann den Juden feindlich gesinnt sein, weil sie „von Gott verflucht“ sind, Jesus gekreuzigt haben oder infolge anderer kirchlicher Legenden; ein ökonomischer Antisemitismus kann aber dort nicht aufkommen, weil niemand da ist’ gegen den er sich richten könnte. Der ökonomische und politische Kampf gegen die Juden ist daher bloß in den oben erwähnten sieben Ländern lokalisiert. Gelänge es aber unseren „Verteilern“, eine Umwanderung aus den „judengesättigten“ in die „judenreinen“ Länder ins Werk zu setzen, so würden wir in ökonomischen Gegensatz auch zu allen bisher neutralen Ländern geraten und in den Reihen unserer Gegner befänden sich nicht mehr sieben, sondern alle neunzehn Provinzen Oesterreichs. Wir haben Oesterreich bloß als Beispiel gewählt. Dasselbe könnte man auch in bezug auf Amerika, Rußland oder andere Länder mit massenhafter jüdischer Bevölkerung sagen. Ueberall würde die Verteilung der jüdischen Massen eine ähnliche Vermehrung der Judenfeindschaft hervorrufen. Nicht die Konzentrierung der Juden also, sondern ihre Zerstreuung vermehrt die Zahl unserer Gegner, gestaltet den wirtschaftlichen Antisemitismus zu einer universellen Erscheinung und verringert unsere Kampffähigkeit für die Behauptung unserer ökonomischen Position. Unbewußt, aber sicher helfen alle unsere „V erteile r“ den Antisemiten in ihrem ökonomischen und politischen Kampf gegen die Juden.