Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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436 Nr. 14 - - DIE3§gELT Zerstreuung oder Konzentration? (Zum jüdischen Emigrationsproblem.) Von B. Rübstein, Wien. „Removal Office“ jenseits des großen Teiches, die jüngere Tante „Ito“ in der alten Welt sparen weder Geld noch Mühe, noch weniger natürlich an gütigen Versprechungen, um die jüdischen Massen an der Einwanderung nach New York, Philadelphia, Chicago und den anderen großen jüdischen Gemeinden zu hindern, und zwingen die jüdischen Emigranten, in die fernen, von Juden beinahe noch nicht besuchten und industriell rückständigen Staaten Nordamerikas zu wandern. Versucht man nun, an diese „jüdischen Wohltäter“ die Frage zu richten, warum sie sich denn gar so intensiv bemühen, die fernere Einwanderung der Juden in die schon entstandenen großen jüdischen Zentren zu stören, so antworten sie: Die Konzentrierung der Juden an einigen Punkten hat schon jetzt unter der autochthonen Bevölkerung (welche Bevölkerungsgruppe in Amerika ist autochthon?) heftige Unzufriedenheit erregt. Infolge der Konzentrierung der Juden in den größeren Städten beginnen sich schon die Keime des europäischen Antisemitismus zu zeigen, und obwohl diese sehr schwach sind, ist es doch unsere Pflicht' den amerikanischen Boden gegen diese Seuche immun zu machen. Das einzige Mittel hierzu ist die Ablenkung des jüdischen Emigrationsstromes von den „judengesättigten“ Zentren und die Zerstreuung der jüdischen Einwanderer über die amerikanischen Staaten, damit sie im sozial-ökonomischen Leben Amerikas möglichst wenig auf fallen. — Dies ist die einzige Antwort unserer „Zerstreuer“, die kurze Formulierung ihrer „Zerstreuungs-Theorie“. Steckt nun wirklich in der Konzentrierung der jüdischen Massen eine Gefahr für die Juden? Ist der Antisemitismus für uns gefährlicher in den Gebieten unserer Konzentrierung oder in denen unserer Zerstreuung? Wenn man vom Antisemitismus spricht, darf man niemals vergessen, daß es zwei Spielarten von ihm gibt: den kulturell-gesellschaftlichen und den ökonomischen, der unter bestimmten Bedingungen politischen Charaktei annimmt. In einer ganzen Reihe von Ländern, in denen die Juden volle politische Gleichberechtigung erlangt haben und der rein wirtschaftliche Antisemitismus mit seiner Kampfparole: „Kauft nicht bei Juden“ noch nicht Boden gefaßt hat, existiert häufig eine starke gesellschaftliche Aechtung der Juden. Auch im klassischen Land der jüdischen Gleichberechtigung, in Amerika, ist diese Erscheinung wahrzunehmen. In New York existieren manche Hotels, in denen Juden um keinen Preis Unterkunft finden, aus dem einfachen Grunde, weil die Hoteliers fürchten, sonst ihre reichen Gäste englischer Abstammung zu verlieren. Diese gesellschaftliche Aechtung kommt nicht bloß den Juden gegenüber zum Ausdruck: gegen die Italiener verhalten sich die echten Yankees nicht minder ablehnend. Allein derselbe Yankee, der eine so heftige Abneigung gegen den Italiener in Amerika empfindet, wird sich ganz anders in Italien verhalten, wo die Italiener eben die Herren des Landes sind, die politische und kulturelle Macht in Händen haben. Wir Juden sind überall die Schwächeren und darum ist die gegen uns genährte Verachtung nahezu eine allgemeine Erscheinung. Es ist aber noch eine offene Frage, ob diese Verachtung mit der relativen Vermehrung der jüdischen Bevölkerung eines Landes wächst. In den inneren Gouvernements Rußlands, wo Millionen von Bauern wohnen, die in ihrem ganzen Leben noch keinen einzigen Juden gesehen haben, schreckt man die Kinder in den Wiegen mit dem Popanz „Jude“ vielleicht häufiger als im Lande der dichtesten jüdischen Siedlung, in Polen. Noch jetzt erweckt der Begriff „Jude“ dem Spanier den größten Ekel, noch jetzt wird dort der Jude mit dem Namen „Hund“ bezeichnet, obwohl gegenwärtig in ganz Spanien nicht mehr als einige hundert Juden leben. Gesetzt aber auch, daß unsere „Verteiler“ im Recht.- wären und das Verachtungsgefühl der nichtjüdischen Bevölkerung gegen die Juden in gerader Proportion zu der Dichte der jüdischen Bevölkerung stünde, so muß man doch fragen: Ist dieses Haß- und Verachtungsgefühl in den Ländern, wo wir in Massen wohnen, gefährlicher für uns als in den mit Juden weniger dicht besiedelten Gebieten? In den Ländern unserer Zerstreuung, wo nur kleine, verschwindende jüdische Gruppen, unter die nichtjüdische Bevölkerung zersplittert, leben, können sie selbstverständlich kein eigenes kulturelles Milieu schaffen und sind genötigt, um ihre gesellschaftlich-kulturellen Bedürfnisse befriedigen zu können, in die nichtjüdische Gesellschaft einzudringen. Die Juden in Salzburg zum Beispiel, deren Zahl, die Umgebung eingerechnet, nicht einmal 300 Seelen erreicht, können keine der notwendigen kulturellen Anstalten erhalten und müssen ihre Bildungsbedürfnisse innerhalb der nichtjüdischen Umgebung befriedigen. Es kann ihnen darum durchaus nicht gleichgültig sein, wie sich die nichtjüdische Welt gegen sie verhält. Die Verachtung ihrer christlichen Nachbarn kann ihnen das Leben verbittern, ja zuweilen sogar ganz unerträglich machen. Der rein gesellschaftliche Antisemitismus wird dieser jüdischen Gruppe viel gefährlicher als der ökonomische Kampf. Dauernd gegen sich das Gefühl schärfster Verachtung wahrzunehmen und doch gezwungen zu sein, in der betreffenden Gesellsch rt zu verkehren, ist wohl die schrecklichste Marter für alle Juden, die außerhalb der Länder unserer Massensiedlung wohnen. Ganz anders ist jedoch die Lage der Juden in den Ländern, wo wir uns konzentrieren. Da wird ein nationales Milieu geschaffen, das alle geistigen Interessen der jüdischen Bevölkerung umfaßt. Die Juden sind hier kulturell und gesellschaftlich von der nichtjüdischen Umgebung unabhängig. Die Hunderttausende von Juden in New York, Warschau oder anderen jüdischen Großgemeinden treffen mit der nichtjüdischen Bevölkerung auf allen Kulturgebieten viel seltener zusammen als die kleine Judengruppe Salzburgs. Die Christen verachten uns? Aber was kümmert das die jüdische Gemeinde New Yorks? Der nur kulturelle Antisemitismus wird von solchen Gemeinden gar nicht empfunden. Wenn sich also unsere „Verteiler“ die Aufgabe gestellt hätten, diese Art des Antisemitismus zu bekämpfen, so würden sie den größten Erfolg erreichen, wenn sie sich bemühten, an der Konzentrierung der Juden mitzuhelfen. Denn diese vermindert, indem sie die Juden von der nichtjüdischen Bevölkerung unabhängig macht, die Zahl der zwangsweisen Berührungspunkte zwischen den beiden Gruppen und verringert auf diese Art den Spielraum für die Gefühle des Hasses und der Verachtung gegen die Juden. Noch mehr! Die Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung führt oft dazu, daß ein Teil der Nichtjuden bewußt danach strebt, ihre antisemitischen Gefühle zurückzudrängen. In den Ländern jüdischer Massensiedlung gibt es viele Städte und Städtchen, in denen die Juden die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bilden. Das ganze geistige Leben in solchen Städten trägt einen ausgesprochen jüdischen Charakter. Die nichtjüdische Bevölkerung, die infolge ihrer geringen Zahl