Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-04-04 · 14 (4.4.1913) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316588--57287-3375741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr.!4 433 DIE^TELT Griechenknaben. Der Sekretär, erschrocken, bietet den Vieren an, mit ihnen gemeinsam die Polizei zu requirieren und nach dem Kinde zu forschen. Sie verließen gemeinsam das Großrabbinat, gefolgt von einer Anzahl Juden, die den Sekretär nicht allein lassen mochten. Unterwegs, nicht weit von der Kirche des Viertels Apano-Mahala, wartet ein Haufe Griechen, drohend, bewaffnet mit Messern. Um den Sekretär wäre es geschehen gewesen, hätten nicht seine jüdischen Freunde ihn schützend umgeben. Endlich hatte die Aufregung und die Angst ein Ende — denn das griechische Kind wurde heil und munter bald aufgefunden .... Die Wahrheit ist, daß einige griechische Blätter von Smyrna energisch den Ritualmord-Wahnsinn bei dieser Gelegenheit gegeißelt haben. Das wird aber kaum hindern, daß das fanatische, von seinem Klerus und chauvinistischen Treibern verhetzte niedere Volk ein gefährlicher Nachbar des orientalischen Judentums sein und bleiben wird. Ein neuer Beweis dafür ist auch wieder die Insel Rhodus. Dort bezeugt letztens die griechische Bevölkerung eine starke Feindschaft gegen die Juden. Die Griechen sollen den jüdischen Hausierern das Betreten ihrer Stadtviertel verboten haben. Jüdische Läden in den Dörfern sollen niedergebrannt worden sein. Schlimmeres als das wird noch berichtet: Im jüdischen Stadtviertel von Rhodus soll von verbrecherischer Griechenhand eine Menge Dynamit gelegt worden sein, um eine Explosion hervorzurufen; glücklicherweise entdeckte ein türkischer Milchverkäufer den Anschlag, und eine herbeigeeilte italienische Patrouille konnte die Gefahr beseitigen. Die Anstifter wurden verhaftet. Man halte gegen diese Früchte griechisch-christlicher Kultur die neueste Verfügung des soeben veröffentlichten türkischen Preßgesetzes: „Für eine Veröffentlichung, die geeignet ist, eine Religion, einen Kult, oder eines der Reichselemente, zu schädigen oder zu diskreditieren oder Haß und Zwietracht unter die osmanischen Bevölkerungselemente zu säen, trifft den Schuldigen Strafe von einem Monat bis zu einem Jahr Gefängnis und von 20 bis zu 100 Pfund oder eine dieser beiden Strafen" .... PurimMn Konstantin Opel Trotz aller traurigen Ereignisse der Gegenwart hat Konstantinopel diesmal doch wieder seinen Purim gehabt. Der unermüdliche „Makkabi" hat am Vorabend von Purim ein Fest veranstaltet, das ein wirkliches Ereignis war. Es bestand aus einem großen Vortrage des Präsidenten der Bene-Berith- Loge, Herrn Joseph Niego, über Palästina, der Vorführung von Lichtbildern aus dem Heiligen Lande und einer Purimrede des Oberrabiners Dr. Markus. Der Vortrag des Herrn Niego, der 18 Jahre in Palästina gelebt hat und als ehemaliger Leiter von Mikweh-lsrael ins Herz der Landwirtschaft Palästinas eingedrungen ist, war ein Bekenntnis und zugleich ein Kunstwerk. „Solange die Juden das Land kultivierten", sagte Herr Niego, „war es fruchtbar und blühend. Seit man sie daran gehindert, fiel es in Trümmer. Kein anderes Volk, keine andere Rasse hat ihm seine alte Blüte wiedergeben können. Die Christen sagen, der Fluch des Himmels ist auf das Land gefallen seit Golgatha. Dieser Fluch existiert nicht. Er besteht einzig und allein in der Abwesenheit des jüdischen Volkes und seiner Arbeit . . . ." „Es ist eine Anomalie, ein Erziehungsfehler, daß wir Juden, die wir in Konstantinopel innerhalb eines Mauergürtels leben, gezwungen sind, französisch oder deutsch zu sprechen, um uns zu verständigen. Wann wird der Tag erscheinen, wo wir, wie auf den Straßen und Plätzen von Jerusalem, dazu kommen werden, uns in unserer eigenen, nationalen Sprache einander verständlich zu machen?" „Als ich 1886 in Palästina eintraf, hielt ich eine solche Hoffnung für eine Chimäre. Ich muß bekennen: mea culpa, mea mavima culpa! Ich verspottete alle die Versuche zur Erweckung der hebräischen Sprache im Lande. Als Mondsüchtige habe ich die Ben-Jehudas, die Grasowskys und ldelowitschs behandelt. Ich habe allen diesen Versuchen ihre Erfolglosigkeit vorausgesagt in den Berichten, die ich meiner übergeordneten Behörde sandte. Ich gestehe jetzt öffentlich, daß ich mich irrte. Ich selbst habe den Erfolg dieses Werkes konstatieren müssen.“ Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß auch der Großrabbiner Ha'im Nah um Effendi dieser Veranstaltung beiwohnte. Der Präsident des Medschliss Dschismani und mehrere seiner intimen Freunde waren in seiner Begleitung. Das war auch ein Bekenntnis — und auch eine Aussöhnung. Auch die Hilfsvereinsschule in Balat feierte wieder ihr Purim, hebräisches Purim natürlich: Eine hebräische Festrede, eine hebräische Theateraufführung, Rezitationen und Lieder. Das Fest fand in der großen Ahrida-Svnagoge statt. Hilfsaktion für Adrianopel Die jüdischen Hilfsgesellschaften hatten durch ihre Delegierten, die Herren Dr. Paul Nathan, Elkan Adler und Dr. Bernhard Kahn, die den Balkan bereisten, Vorsorge getroffen, daß der notleidenden jüdischen Bevölkerung Adrianopels, die mit IS 000 Seelen fast ein Viertel der Einwohnerschaft ausmacht, sofort nach dem Falle der Festung rasche Hilfe gebracht werden könne. Seit einiger Zeit wurden für 65 000 Frcs. Lebensmittel, Heizmaterial, Kleidungsstücke usw. bereitgehalten, die einen Tag nach dem Fall der Festung nach Adrianopel gebracht wurden. Eine elfgliedrige Kommission reiste in einem Sonderzuge, der einen Waggon Geflügel und zehn Waggons Lebensmittel enthielt, zur Hilfeleistung ab und ist bereits in Adrianopel eingetroffen. Auch zwei Krankenschwestern von Berlin und ein Arzt zur Pflege der Kranken und Verwundeten mit den nötigen Medikamenten sind von Sofia, wo sie inzwischen stationiert waren, nach Adrianopel abgegangen. Angriffe gegen jüdische Minister in England (Von unserem Berichterstatter.) London. Die Verhandlungen der parlamentarischen Kommission, die sich mit dem Vertrage der englischen Regierung und der Marconi-Gesellschaft beschäftigt, sind wohl aus der allgemeinen PrqAse bekannt. Es ist noch zu früh, die Tragweite dieser Verhandlungen festzustellen oder gewisse Schlüsse über die Entwicklung der englischen inneren Politik aus ihnen herzuleiten. Aber sicher ist, daß die Vorgänge in der Kommission für uns Juden eine sehr ernste Seite haben. Wie ich vor einiger Zeit in der „Welt" auseinandergesetzt habe, hat sich in verschiedenen politischen Kreisen — liberalen wie unionistischen — die Gewohnheit eingebürgert, aus dem jüdischen Namen eines politischen Gegners Kapital zu schlagen. Bei dem Vertrag, der nominell zwischen dem Postminister und dem Geschäftsführer der Marconigesellschaft geschlossen wurde, fügte es sich, daß diese beiden Herren — Mr. Herbert Samuel und Mr. Godfrey I s a a c s — Juden waren. Dazu ist noch Mr. I s a a c s ein Bruder des Sir Rufus I s a a c s, des Generalstaatsanwalts der englischen Regierung. Samuel und Isaacs — das war doch ein gar zu fetter Bissen für die antisemitischen Journalisten und Gegner der liberalen Partei. Dunkle Gerüchte, die nie eine deutliche Form annahmen, wurden verbreitet, bis sich endlich der Londoner Korrespondent des Pariser „Matin" dazu hergab, genau festzustellen, wieviel Sir Rufus Isaacs und Mr. Herbert Samuel durch Börsenspekulationen in Marconi-Aktien verdient hätten. Der „Matin" hatte es aber nicht böse gemeint, denn gleich darauf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.