Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316588--57286-3375740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
432 DIE :LT Nr. 14 Gegenerklärung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat mit Bezug auf die Resolution des Zentralvereins folgende Gegenerklärung an die deutsche Presse versandt: Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat in seiner Generalversammlung vom 30. März 1913 eine Resolution gefaßt, die den Versuch macht, die „deutsche Gesinnung" der Zionisten zu verdächtigen, um so den Ausschluß der deutschen Zionisten aus dem Zentralverein zu begründen. Die zionistische Organisation ist seit dem Jahre 1897 in Deutschland tätig. Von diesem Zeitpunkt an hat sie jederzeit das gleiche Programm vertreten. Trotzdem hat der Zentralverein stets öffentlich erklärt, daß ihm zionistische Mitglieder ebenso willkommen seien wie andere, und hat die Mitarbeit der Zionisten ausdrücklich erbeten. Wenn also der Zentralverein es jetzt für erforderlich hält, sein Verhalten zu ändern, so können dieser Taktik nur agitatorische Erwägungen zugrunde liegen. Der Zentralverein sieht, daß die zionistische Ideenwelt die wertvollsten Kreise des deutschen Judentums, insbesondere die Jugend, ergreift, daß die zionistische Organi-. sation dauernd an Mitgliedern wächst und daß das neue jüdische Leben in Palästina den Beweis für die Lebenskraft des nationalen Judentums erbracht hat. Inhaltlich haben wir zu der Resolution folgendes zu er- 1. Der jüdische Nationalismus beruht auf der unbestrittenen Tatsache der gemeinsamen Abstammung aller Juden und ihrer gemeinsamen Lieberlieferungen. Die Ableugnung des nationalen Charakters dieser Lieberlieferungen und die Unterdrückung des jüdischnationalen Bewußtseins bedeutet einen Bruch mit der historischen Kontinuität des Judentums und muß daher — allen gekünstelten Konstruktionen' zum Trotz — zu seiner allmählichen Auflösung führen. 2. ln dieser Erkenntnis halten wir es für unsere Pflicht als Juden, für die nationale Zukunft des jüdischen Volkes zu arbeiten. Dieses Bestreben, das in einem großzügigen Kolonisationswerk in Palästina, der historischen Heimat und dem Lande der Zukunft unseres Volkes, seinen Ausdruck findet, dient zugleich der wirtschaftlichen und sozialen Hebung des jüdischen Volkes, dessen überwiegende Mehrheit in Osteuropa unter entwürdigenden und unerträglichen Verhältnissen zu leben gezwungen ist. 3. Diese jüdischnationale Gesinnung und Betätigung berührt in keiner Weise die Interessen des deutschen Reiches, noch steht sie mit unserer aufrichtigen staatsbürgerlichen Gesinnung und Betätigung im öffentlichen Leben Deutschlands in Widerspruch. Wenn der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen solchen Widerspruch zu konstruieren sucht, so liegt darin eine Verkennung des nationalen Charakters des Judentums und der historisch gegebenen Beziehung des Judentums zum Deutschtum. Unsere staatsbürgerliche Auffassung schließt nicht nur die formale Erfüllung unserer Pflichten, sondern eine auf der Erkenntnis von der sittlichen Bedeutung des Staates beruhende Treue und Hingabe ein, die aber niemals zur Aufhebung des auf viertausendjähriger Geschichte beruhenden nationalen Zusammenhanges führen kann, der uns mit allen Juden verbindet. Wir weisen daher den vom Zentralverein unternommenen Versuch, unsere staatsbürgerliche Zuverlässigkeit vor der Öffentlichkeit zu verdächtigen, und unsere tätige Anteilnahme an dem öffentlichen Leben Deutschlands mit den Konsequenzen für unvereinbar zu erklären, die wir aus unserer Zugehörigkeit zur jüdischen Nation zu ziehen haben, auf das Entschiedenste zurück. 4. Unsere Ideen haben infolge der Offenheit und Entschiedenheit, mit der wir die Judenfrage zu behandeln gewohnt sind, seit langem die Sympathie hervorragender Männer auch außerhalb des Judentums gefunden. Die Größe der Aufgabe, die wir uns gesetzt haben, hat uns die Achtung und Zustimmung weiter Kreise verschafft. Wenn nun gerade von jüdischer Seite Widerspruch gegen den Zionismus erfolgt, so wird durch solchen Widerspruch weder ein deutsches, noch ein jüdisches Interesse, sondern nur die in Westeuropa immer weiter fortschreitende innere und äußere Auflösung des Judentums gefördert. Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Rechtsanwalt Dr. H a n t k e , Vorsitzender. Neue Sorgen (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Während die Entscheidung bei Adrianopel fiel, erhob sich wiederum eine neue Frage in Kurdistan, einem Albanien im Osten des Reiches. Man will die Unabhängigkeit des Landes von der Zentralregierung erklären. Aufrührerische Hamidie- Regimenter zersprengen die vom Wali entsandten regierungstreuen Bataillone. Die Armenier zittern. Rußland lauert hinter den Bergen: die Stunde der Einmischung scheint gekommen. Die Juden von Gallipoli Während im östlichen Thrazien der Entscheidungskampf tobt, ist auf dem westlichen Kriegsschauplätze eine gewisse Ruhepause eingetreten. In dieser verhältnismäßigen Stille sind die Seufzer der dort leidenden Menschheit deutlicher hörbar. Die jüdische Gemeinde von Gallipoli leidet noch unter den Folgen des vorjährigen Erdbebens, ihre Wohnstätten sind kaum zur Hälfte wieder hergerichtet, und nun hat sie unter neuen Heimsuchungen zu leiden. Die Verteidigungsarmee ist in die Straßen der Stadt eingezogen; die Schulen sind in Spitäler umgewandelt, die Materialientrümmer ihrer unfertig gebliebenen Häuser sind von den Soldaten requiriert worden; ein Trupp von etwa sechzig halbverhungerten, halbnackten jüdischen Soldaten aus der arabischen Reichshälfte, die drei Monate zu Fuß unterwegs waren, bittet um Hilfe, an 200 Seelen geflüchteter jüdischer Bewohner der Umdörfer liegen der Gemeinde zur Last; die Lehrer der Allianceschule sind ohne Löhnung und hungern; und dann kommt Pessach . . . Eine Delegation brachte alle diese traurigen Dinge der Konstantinopeler Hilfskommission zur Kenntnis. Diese hat sofortige Hilfe gespendet, soweit sie konnte, sie hat 1600 Frcs. hingesendet; aber viel wird damit nicht getan sein. Auch in unserer Hauptstadt sind wieder etwa 60 neue Emigrantenseelen zu den anderen hinzugekommen. Und doch verschwindet das alles vor dem Gedanken an das unglückselige Adrianopel, die tapfere Stadt mit ihren 18000 von den Schrecken der Belagerung heimgesuchten jüdischen Die griechischen Nachbarn In Saloniki sind, wenn man den Zeitungen glauben darf, nach einer Wochenpause verhältnismäßiger Ruhe, wieder Schreckenstage für unsere Brüder hereingebrochen. Wie wir gefürchtet, hat der Königsmord seine Rache an den Unschuldigen gefunden. Eine größere Anzahl Türken, mit ihnen einige Juden, sind bei dieser Gelegenheit ermordet worden. Wenn die Griechen auch in anderen osmanischen Reichsteilen die Herren wären, würde es uns da kaum besser gehen. Wieder zwei hellenische Ritualmordgeschichten! Eine in Tscheschmea, die andere in Smyrna. Ueber die letztere berichtet der „Pregonero" vom 21. dieses Monats: Am 14. März, gegen ein Uhr mittags, erschienen plötzlich zwei griechische Männer, geleitet von einigen Weibern, im Großrabbinatshause von Smyrna und verlangten, da der Rabbiner nicht zugegen war, vom Kanzleisekretär desselben die Herausgabe eines verschwundenen