Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 :elt 431 wird er im jüdischen Leben mehr und mehr in den Hintergrund treten. Dies ist es, was die Herren des Zentralvereins zu fürchten beginnen. Deshalb erklären sie, sie hätten sich gewandelt, sie vertreten ein „positiv-jüdisches" Programm, von dem sie aber der Oeffentlichkeit nichts verraten können. Wenn der Zentralverein nicht zu erkennen vermag, wohin er allmählich gerät, wir erkennen es ganz deutlich. Er kämpft in edler Bundesgenossenschaft mit der „Vereinigung für das liberale Judentum" und verwandten Geistern für den Untergang des Judentums. Die Leugnung des jüdisch-nationalen Gedankens bewirkt die Vernichtung der jüdischen Einheit, isoliert die „Judentümer" in den verschiedenen Ländern und zwingt sie, über kurz oder lang in ihrer Umgebung aufzugehen. Was sollte denn die jüngeren Generationen noch am Judentum festhalten? Wenn die staatsbürgerlichen Bestrebungen des Zentralvereins erreicht sind, wenn die ungetauften Juden Reserveoffiziere werden können — was bleibt dann den Zentralvereinlern noch zu wünschen übrig? Sie haben alles, was sie erstreben und die Folge wäre die allmähliche Aufsaugung der jüdischen Minorität durch die Majorität. Wir Zionisten betrachten diesen Prozeß als unvermeidlich. Wir halten die Durchsetzung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung für nötig. Wir wissen, daß diese Aufsaugung, diese Assimilation, große Teile des jüdischen Volkes zum Verschwinden bringen wird. Aber wir können in diesem Programm kein jüdisches Programm sehen. Wir kämpfen dagegen, wenn die Juden mit allen Mitteln vom Judentum loszukommen trachten, um diesen Aufsaugungsprozeß zu beschleunigen. W i r wollen nicht den Untergang und die Auflösung. Deshalb suchen wir den jüdisch-nationalen Einheitsgedanken zu stärken, suchen dem Judentum ein nationales Zentrum zu schaffen, suchen die Jugend für das jüdische Volk und seine Zukunft zu begeistern. Das nationale Judentum der Zukunft wird die staatsbürgerliche Gleichberechtigung ertragen, es wird dem Assimilationsdrang widerstehen. Die wahre jüdische Gleichberechtigung besteht nicht in dem vom Zentralverein angebahnten Auflösungsprozeß, sondern in der Anerkennung unserer nationalen Sonderart durch den Staat. Das Zentralvereinsjudentum der Gegenwart ist dem Untergang geweiht. Es kämpft heute nicht für deutsche und nicht für jüdische Ziele — es kämpft für die Halbheit, die Vertuschung, die allmähliche Auflösung. Die Richtung, in die es gerät, ist deutlich erkennbar, die fortschreitende Entjudung, die Unterordnung aller jüdischen Zukunftsinteressen unter das Assimilationsprogramm der Gegenwart liegt klar zu Tage. Der Kampf gegen den Zionismus, die künstliche Erregung über den jüdisch-nationalen Gedanken, an dem sich bisher nur Zentralvereinler und Berufsantisemiten gestoßen haben, soll die Position des Zentralvereins erleichtern, soll seinen Abzug aus dem jüdischen Lager maskieren. Uns kann diese neueste — unwürdigste — Form, in der die Assimilation den Zionismus bekämpft, nicht berühren. Unser nationales Programm ist klar, aller Welt bekannt, von Offenheit und Ehrlichkeit getragen. Die Geschichte unseres Volkes kennt Dutzende solcher Beispiele, wie sie der Zentralverein jetzt liefert. Aber die Kraft unserer Nation hat bisher noch immer über das Renegatentum gesiegt. Sie wird auch diesmal siegen und das jüdische Volk wird leben, wenn vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nichts mehr geblieben sein wird als die Erinnerung an seinen langen Namen. R. L. WELTCHRONIK □ □ □ u □ u jj O Hauptversammlung des Zentral Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Berlin. Am 30. März fand in Berlin die Hauptversammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ statt. Die Tagesordnung enthielt als ersten und wichtigsten Punkt die Beratung über die Stellungnahme des Zentralvereins zum Zionismus. Wie der erste Referent, Prof. Falkenheim (Königsberg) ausführte, sei eine Stellungnahme zum Zionismus durchaus nötig, weil der Zionismus in den letzten Jahren in Deutschland außerordentlich stark geworden sei. Die Mitgliederzahl sei sehr erheblich gewachsen, in den letzten zwei Jahren seien in Deutschland für zionistische Zentralzwecke 354000 M. aufgebracht worden. Die Organisation werde außerordentlich geschickt geleitet, und es sei ihr gelungen, unter der jüdischen Jugend eine sehr große Anhängerzahl zu gewinnen. Der Zionismus habe durch die Kolonisation in Palästina Gutes geschaffen, er müsse jedoch bekämpft werden, weil die Zionisten jüdisch-national fühlten. Dadurch würde der Antisemitismus gefördert. Der zweite Referent, Geheimrat Eugen Fuchs (Berlin) polemisierte ebenfalls gegen den Zionismus. Er erklärte, eine Verständigung mit den Zionisten sei nicht möglich gewesen, weil die Zionisten sich als jüdischnational bekennen und ihr Verhältnis zum Deutschtum dahin formulieren, daß sie auf Grund ihrer deutschen Erziehung und staatsbürgerlichen Zugehörigkeit gute deutsche Staatsbürger seien, gleichzeitig aber als Angehörige des jüdischen Volkes, dessen Fortbestand sie wünschten, jüdischnational empfänden. Der Zentralverein verlange jedoch, daß die Juden deutschnational empfinden. Zum Schluß schlug der Redner eine vom Vorstand des Zentralvereins entworfene Resolution vor, die in etwas unklarer Formulierung ausspricht, daß die Zionisten als Nationaljuden nicht Mitglieder des Zentralvereins sein könnten. Hierauf kam ein Zionist, Professor Carl L e w i n (Berlin) zu Wort. Er erklärte, die von den Vorrednern vertretene Auffassung über das Verhältnis' von Deutschtum und Judentum sei nur innerhalb gewisser jüdischer Kreise üblich, in nichtjüdischen deutschen Kreisen halte man die Juden nicht für „deutschnational“, sondern für Angehörige des jüdischen Volkes und demgemäß für jüdischnational. Wenn die Juden für jüdische Interessen eintreten, so dürfen sie sich nicht danach richten, ob die Antisemiten daraus Kapital schlagen könnten, sondern sie müßten unbekümmert tun, was sie für richtig halten. Das Schicksal der deutschen Juden sei für das Schicksal des Gesamtjudentums nicht ausschlaggebend. Die Juden seien aber verpflichtet, für die Erhaltung des Judentums zu wirken. Die gegenwärtig in jüdischen Kreisen Mode gewordene Betonung des „deutschnationalen“ Gedankens werde den Antisemitismus nicht beseitigen, der überall vorhanden sei, wo Juden in größerer Zahl wohnen. Nach längerer Diskussion wurde sodann die vom Vorstand empfohlene Resolution, die den Austritt der Zionisten zur Folge haben dürfte, gegen wenige Stimmen angenommen.