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Die Welt · 1913-04-04 · 14 (4.4.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 14 DIE^EELT 430 rechtigt, wenn er dies ohne äußeren Zwang, ohne Diskreditierung Andersdenkender versuchte. Aber der Zentralverein will sich nicht einmal mit dieser staatsbürgerlichen Erziehung begnügen. Er wendet sich vom Staatsbürgertum zum Nationalismus und wagt es, die nationale Empfindung, die sich aus der Abstammung ergibt, in einen feindlichen Gegensatz zur „deutschen Gesinnung" zu bringen. Es ist ja kinderleicht, diese verwegenen Konstruktionen ad absurdum zu führen. Will der Zentralverein etwa die deutsch-antisemitische Forderung des nationalen Einheitsstaates übernehmen? Will er die Völker der Nationalitätenstaaten (Oesterreich, Schweiz) im bürgerlichen Sinne für minderwertig erklären? Weit gefehlt! Er will nur eines: Will seinen Haß gegen den Zionismus entladen und scheut dabei nicht vor der Denunzierung eines erheblichen Teiles der deutschen Judenheit zurück. Er wagt nicht zu sagen, die Zionisten seien schlechte Staatsbürger, aber er meint dies, kann nichts anderes meinen, wenn er die Zionisten wegen ihrer jüdisch-nationalen Gesinnung öffentlich angreift und die „deutsche Gesinnung" gegen sie ausspielt. Woher dieser Haß? Warum diese scharfe Bekämpfung des Zionismus, dessen Anhänger bisher stets vom Zentralverein zum Beitritt aufgefordert wurden? Weder hat der Zionismus sein Programm geändert, noch hat er den Zentralverein angegriffen. Stets haben die deutschen Zionisten erklärt, daß sie die Tätigkeit des Zentralvereins, soweit sie der Abwehr des Antisemitismus und der Wahrnehmung der staatsbürgerlichen Interessen der Juden dient, willkommen heißen. Bekämpft wurde der Zentralverein seitens der Zionisten nur dann, wenn er in innerjüdischen Fragen einen Standpunkt einnahm, der dem Zionismus widersprach. Und hierin liegt die Lösung der Frage, weshalb der Zentralverein sich jetzt Zum Kampf gegen den Zionismus entschlossen hat. Nicht die „deutsche Gesinnung" der Herren vom Zentralverein, sondern die Unzulänglichkeit ihres jüdischen Programms hat diesen Zwist hervorgerufen. Der Zionismus schädigt kein deutsches Interesse, er verstärkt auch nicht den Antisemitismus, der erheblich älter ist als das Basler Programm, aber er erweckt das Judentum zu neuem Leben und zwingt die Juden zur Entscheidung, ob sie den Untergang oder die Renaissance des Judentums wünschen. Dieser Entscheidung weicht das Zentralvereins-Judentum aus. Da ihm die Kraft fehlt, sich für das nationale Judentum zu erklären, da ihm der Mut fehlt, sich offen für die völlige Assimilation der Juden auszusprechen, so mußte es sich das berüchtigte Religionsjudentum ohne Religion erfinden, dieses Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Mit dem ständigen Anwachsen der zionistischen Bewegung aber kann dieses Judentum, das ein typisches Uebergangsprodukt ist, sich nicht mehr behaupten. Darum führt es einen Verzweiflungskampf gegen diejenige jüdische Gruppe, die zur Entscheidung, zur programmatischen Klarheit in der jüdischen Zukunftspolitik drängt: gegen die Zionisten. Nur die Verzweiflung konnte das gewagte Mittel empfehlen, die deutschen Zionisten durch verleumderische Herabsetzung vor der deutschen Oeffentlichkeit zu diskreditieren. Nur die Verzweiflung konnte diese jüdischen Justizräte, die doch von Berufs wegen zur begrifflichen Klarheit erzogen sein sollten, in den aussichtslosen Versuch hetzen, durch skrupellose Verdrehung und Vermengung der Begriffe Staat, Staatsbürgerpflicht, Nation, Deutschtum etc. die Position der Zionisten zu erschüttern. Die Bestätigung dessen finden wir in den Reden selbst, die in der Hauptversammlung des Zentralvereins gehalten wurden. Wäre der Zentralverein seiner ursprünglichen Aufgabe, dem Kampf für die jüdische Gleichberechtigung, treu geblieben, so hätte sich jede Stellungnahme zum Zionismus erübrigt, dessen Bestrebungen nirgends den deutschen Interessen zuwiderlaufen. Nur ein ernstes Staatsinteresse könnte ja die außergewöhnliche Maßregel rechtfertigen, daß Juden gegen Juden öffentlich auftreten und ihnen Mangel an „deutscher Gesinnung" vorwerfen. Aber ein solches Staatsinteresse besteht nicht. Wenn die Patrioten Fuchs und Falkenheim behaupten, das Deutschtum leide darunter, daß die Zionisten die jüdische Jugend zu jüdisch-nationalem Empfinden erziehen, so befinden sich die Herren in einem Irrtum über den Begriff des Deutschtums. Sie verwechseln es mit dem Zentralvereinsjudentum, dieser köstlichen Frucht am Baume „deutscher" Kultur. Dieses leidet allerdings unter der jüdisch-nationalen Agitation und wird hoffentlich von nun an noch mehr darunter leiden. Mit aller Deutlichkeit hat Herr Geheimrat Fuchs erklärt, der Zentralverein habe sich gewandelt. Er oegnüge sich nicht mehr mit dem formalen Kampf für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, sondern habe ein positiv-jüdisches Programm. Worin dieses besteht, kann sich freilich jedes Mitglied aussuchen. Die einen verstehen darunter die Pflege der jüdischen Religion; wie sie diese pflegen wollen, wird leider nicht gesagt, aber wir nehmen an, daß die Herren Horwitz und Fuchs unter der Berliner Anwaltschaft das Judentum zu predigen beabsichtigen. Andere Zentralvereinler sehen die jüdischen Ziele des Vereins in der Pflege der „deutschen Gesinnung". Sehr schön. Nur sollten die Herren dazu keinen jüdischen, sondern einen deutschen Verein gründen. Am besten würde ihnen ihre deutsche Vervollkommnung zweifellos gelingen, wenn sie sich taufen ließen, aber gegen diese Konsequenz wehren sie sich mit großer Hartnäckigkeit. Sie legen offenbar den größten Wert darauf, zwischen zwei Stühlen zu sitzen und wollen diese interessante Position um keinen Preis aufgeben. Wirklich, die Herren sind in übler Lage. Tränchen der Rührung blinken in ihren Augen, wenn sie von der „heiligen Sache des Judentums" reden, beinahe möchte Herr Fuchs sich etwas dabei denken, wenn er das Wort von der „Renaissance des Judentums" in den Mund nimmt. Aber nur ruhig, er denkt sich nichts. Fest steht und treu die Wacht am Rhein. Welche Begriffsverwirrung im Zentralverein herrscht, zeigt die Rede des Herrn Professor Falkenheim über die Agitation unter der Jugend. Er rühmt die Begeisterung der vom Zionismus erfüllten jungen Leute und jammert über die „Vergeudung der Kräfte", die auf eine „falsche Bahn" gedrängt worden Wie tief dieser Kenner des Judentums doch die jüdische Jugend begriffen hat! Es ist ihm bisher woh! nicht aufgegangen, daß die Begeisterung der jüdischnationalen Jugend vermutlich eine Folge der zionistischen Idee ist, daß man also diese Idee durch eine ebenso wirksame ersetzen müßte, wenn man die Begeisterung der Jugend erhalten will. Leider müssen wir Herrn Falkenheim darüber belehren, daß die Idee des Judentums und der jüdischen Zukunft nur in einer Auflage vorhanden ist: in der zionistischen. Was sonst vom Judentum geredet wird — zum Beispiel im Zentralverein - sind leere Phrasen, die unsere Jugend nicht begeistern, sondern nur abstoßen können. Der Zentralverein hat sich also neuerdings ein positivjüdisches Programm zugelegt, um sich gegen die Agitation des Zionismus behaupten zu können. Denn man kann wohl eine Zeitlang herrschenden Zeitströmungen Widerstand leisten, man kann zum Beispiel den Zionismus bekämpfen und zugleich die Taufe ablehnen, wie der Zentralverein es tut, aber man kann auf die Dauer nicht auf dem gleichen Fleck verharren, wenn ringsum alles in Be wegung gerät. Man muß im Widerstreit der Meinungen Ziele sehen, und weil der Zentralverein dies nicht will.

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