Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 13 415 DIE^ELT Nunmehr geht er zum positiven Teil seiner Erörterungen über. An die Spitze stellt er die Forderung einer Organisation der produktiven deutschen Juden in einer „Schule" mit einer Zeitschrift als Fahne und Sammelstelle. Die Juden anderer Länder mögen dann für sich diesem Beispiel folgen. „Die höhere Einheit einer gesamtjüdischen Nationalliteratur durch Liebersetzung und Nachbildung herzustellen, müssen wir einer noch fernen Zukunft überlassen.“ Alles Dilettantische, Nur-Literarische soll abgewiesen und verhöhnt, ein neues Lebensideal aufgerichtet werden. Kunstwerke sollen hingestellt werden, an denen man den Geist des jüdischen Volkes studieren kann; das Judentum als Stoff soll der Kunst erobert werden. Auch eine jüdische satirische Literatur, ebenso jüdischer Humor, sollen gepflegt werden. Vor allem aber soll der Jude der Geschichte „heroisch gemacht", das jüdische Heldenideal geschaffen werden, das es noch nicht gäbe. So werde das neue Juda in der Idee entstehen, noch ehe es in der Wirklichkeit da sei. Die Dichter und ihresgleichen müßten es dahin bringen, daß es ein berühmtes Juda gebe, bevor es ein politisches Juda geben würde. „Und so dürfen wir schaffenden Juden ganz überzeugt sein: wenn das jüdische Volk erwachen soll, wir oder niemand sonst kennen das Zauberwort, das den Bann löst. Bei den Dichtern, nicht bei den Praktikern liegt die Verwirklichung von Herzls Ideen. Wir allein mit unseren Werken sind stark genug, den Zweifel der ewig Zweifelnden zu lösen und den Glauben an unsere Zukunft zu wecken; wir allein können die Jugend gewinnen; wir allein können das Feuer anfachen, das als heilige Flamme von Generation zu Generation sich vererbt und dem dann schließlich auch der Tempel nicht fehlen Soweit Goldstein. Ich muß nunmehr nachtragen, daß er gleich am Eingang seines Aufsatzes bekannt hat, daß er sich bisher um das von Juden in irgendeiner, insbesondere in deutscher Sprache Geleistete niemals besonders gekümmert habe. Es fällt einem angesichts solcher Ehrlichkeit schwer, sie als Waffe gegen den Verfasser zu benützen. Und doch läßt es sich nicht ganz vermeiden: Jene Voraussetzungslosigkeit in jüdischen Dingen, durch die Goldsteins Artikel im „Kuhsiwart" seinerzeit so ursprünglich und ergreifend wirkte, wie es ein gleichartiger Aufsatz aus der Feder eines fertigen Zionisten wahrscheinlich niemals vermocht hätte, — sie ist bei der Gestaltung der vorliegenden Broschüre ein empfindliches Hindernis gewesen. Es gibt doch schließlich einige Ansätze zu der von Goldstein verlangten jüdischen Produktivität. Der Jude ist als Objekt jüdischer Dichter in den Golussprachen des öfteren zur Geltung gelangt — und nicht nur als Shylok oder Nathan —, und er wird in unseren Tagen immer stärker und bewußter dazu verwendet. Man kann diese Entwicklung nicht so vollständig ignorieren, wie es Goldstein getan hat, ohne in dem ununterrichteten Leser einen ganz falschen Eindruck zu erwecken. Es sind doch, um nur vom Deutschen zu sprechen, von Glückei von Hameln an über Bernstein, Auerbach, Kompert, Franzos bis zu Schnitzler, Wassermann und Beer-Hofmann — von Heine ganz zu geschweigen — manche jüdischen Werte in der deutschen Literatur niedergelegt, die man berücksichtigen muß, wenn man überhaupt über ein derartiges Thema reden will. Auch an bewußt nationaljüdisch Schaffenden fehlt es in der deutschsprachlichen Literatur nicht mehr ganz, und es ist auch da schon einiges vorhanden, was man selbst bei allerschärfster Kritik nicht gut als zionistische Vereinspoesie abtun kann. Bereits vor einem Jahrzehnt haben einige Jungjuden den ..Jüdischen Verlag" gegründet und den ersten „Jüdischen Almanach" herausgegeben, und es war schon in diesem, auch wenn man nicht gleich mit jedem geglückten Gedicht eine neue Aera der jüdischen Geschichte zu beginnen geneigt ist, manches Gute enthalten, und es hat sich im Laufe der Jahre >anz erfreulich vermehrt. Ich wüßte wenigstens nicht zu sagen, was Bubers „Geschichten des- Rabbi Nachmann“ und „LegenJen des Baalschem“, Feiwels Nachdichtung der Rosenfeldschen „Lieder des Ghetto", Emil Cohns Nachdichtungen des Jehuda Halevi u. a. m. sind, wenn nicht jüdische Nationalliteratur im Goldsteinschen Sinne. Auch gewisse Ansätze zu einer jüdischen Satire sind schon vorhanden (Jungmann, Beda). Schließlich hat man Bialik, Achad-Haam aus dem Hebräischen, Perez, Asch u. a. aus dem Jüdisch-Deutschen, Zangwill aus dem Englischen usw., großenteils mit recht gutem Erfolge in das Deutsche übersetzt, während man, wenn man Goldstein liest, glauben kann, daß es noch nichts derartiges gebe und auch in absehbarer Zeit nicht daran zu denken sei. Ob nun aber aus dieser gesamten Produktion und Reproduktion, die doch sichtlich allmählich bewußter und zielbewußter wird, mit Hilfe der von Goldstein geplanten Schule und Zeitschrift eine wahrhaft große jüdische Nationalliteratur sich wird entwickeln können? Und ob dies selbst im günstigsten Falle der Weg, der alleinige Weg ist, das neue Juda zu bauen? Mir scheint, daß Goldstein jener Ueberschätzung des Literarischen, des Künstlertums, die er an den Juden als ein Symptom ungesunder Lebensverhältnisse mit so scharfen Worten geißelt, selber nicht zum wenigsten anheimgefallen ist. Auch im einzelnen finden sich noch manche, an sich weniger wichtige Stellen, die geeignet sind, den dem jüdischen Leben bisher ferner Stehenden zu verwirren. Was soll man zu einer Bemerkung sagen wie: „Ueberhaupt, daß jüdische Organe immer nur von Juden handeln! Das ist ja doch genau so langweilig und geschmacklos wie in anderen Kreisen das ewige „Teutsch" - sein." Da haben wir ja glücklich die berühmte „Einseitigkeit", die die jungen Damen bei den Tischgesprächen an ihren jungjüdischen Partnern oft so peinlich berührt. — Fühlt Goldstein nicht, daß ein solcher Vorwurf nur einer jüdischen Tageszeitung oder einem anderen jüdischen Organe, das als ausschließliche Informations- oder Unterhairungsquelle seiner Leser bestimmt wäre, gemacht werden könnte? Nicht aber Zeitschriften, deren Aufgabe es ist, dem Leser nach all dem Fremden und Feindseligen, in dem er lebt und das er täglich und stündlich mit allen Poren aufsaugt, allwöchentlich ein armseliges Bißchen Jüdisches beizubringen? — War ferner eine Auslassung nötig, wie: „Wer wird heute Zionist? Wenn wir ehrlich sind: zunächst und am meisten Juden, die es nötig haben. Solcher, die es nicht nötig haben, d. h. solcher Juden, die als Menschen eine geachtete Stellung in ihrem Lande oder in Europa einnehmen, nur ganz wenige." Nicht als ob ich meinte, eine derartige Behauptung müsse unterdrückt werden, weil sie „gefährlich" sei. Im Gegenteil, ich zitiere sie doch gerade hier, auf die fürchterliche Gefahr hin. daß gewisse liebe Blättchen erst hierdurch auf sie aufmerksam werden. Aber sie ist, mindestens seit zehn Jahren, nicht mehr richtig. Denn wir haben heute eine ganze Anzahl der bezeichneten Klasse in unseren Reihen. Meint aber Goldstein mit seinen Worten etwa, daß wir mehr Jugend als Alter zu uns zählen, so hat er sich schlecht ausgedrückt. Und schließlich sind wir doch alle Zionisten, weil wir „es nötig haben". Aber trotz allem, was grundsätzlich und im einzelnen an Goldsteins neuer Broschüre auszusetzen ist und was sie insbesondere als Aufklärungs- und Agitationsschrift ungeeignet erscheinen läßt, bietet sie dennoch, wie schon die oben gegebenen Proben zeigen, vielerlei Anregung. Niemand, der an jüdisch-literarischen Dingen irgendwie interessiert ist, wird das Heft ohne Gewinn aus der Hand legen. Man fühlt überall heraus, daß Goldstein einer von denjenigen ist, die — mindestens auf ihrem Gebiete — wirklich etwas zu sagen haben, und das ist schließlich für uns wichtig und erfreulich genug. Ich möchte noch persönlich dem Wunsche Ausdruck geben, daß Goldstein uns recht bald einmal eine kritische Würdigung Heinrich Heines als jüdischen Dichters liefert. Mir scheint, daß er die Eignung zu dieser uns so naheliegenden, noch so wenig gelösten Aufgabe in hervorragendem Maße besitzt. Berlin. G. Kaiser.