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Die Welt · 1913-03-28 · 13 (28.3.1913) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 18)
Language
German
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414 Nr. 13 DIEMKE LT um so bedauerlicher, als der Verfasser ja zu einer Kritik des Neuhebräischen nach seiner Auffassung des Themas überhaupt nicht genötigt war, vielmehr der bloße Hinweis genügt hätte, daß er nicht eine aus einem geschlossenen jüdischen Gemeinwesen in Palästina erwachsende Literatur, sondern die Gegenwartsmöglichkeiten in den Golusländem erörtern wolle, und daß das Neuhebräische im Golus nicht als die Muttersprache der Juden angesehen werden könne. Auch der Vergleich mit dem Lateinischen des Mittelalters stimmt nicht ganz. Denn dies war nur die Sprache der Priester und der Gebildeten. Hebräisch hingegen konnten zur gleichen Zeit alle Juden, nicht nur die „Offiziellen“, womit Goldstein doch wohl die in Literatur und Leben an der Spitze stehenden Kreise meint. Auch als Gebetssprache blieb das Lateinische stets der Menge unverständlich, während eine derartige Stellung gegenüber dem Hebräischen doch erst zu den jüdischen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts gehört. Goldstein kommt, nachdem er auch das Jüdisch-Deutsche, für das er im übrigen Liebe und Verständnis besitzt, als die Sprache unserer Nationalliteratur abgelehnt hat, aus einer Prüfung unserer abnormen Lage heraus zu dem Ergebnis: Unsere Nationalsprache ist keine und jede, welche Juden als ihre Muttersprache sprechen. Er hält sich sogleich selbst den wichtigsten Einwand entgegen : „Die Zugehörigkeit eines Schriftwerkes wird durch seine Sprache, nicht durch die Nationalität oder gar Partei seines Schöpfers bestimmt. Friedrichs des Großen Schriften gehören zur französischen, Byrons hebräische Melodien zur englischen, Müllers Griechenlieder zur deutschen Literatur. Und ebenso gehören die Werke europäischer Juden in einer europäischen Sprache zur Literatur dieser Sprache, also — was uns am nächsten liegt: deutsche Werke deutscher Juden zur deutschen Literatur und nicht zur jüdischen, ungeachtet aller jüdischen Stoffe und jüdischen Tendenzen. Auch das ist richtig. Das heißt: diese Werke unterliegen dem Einfluß des deutschen Schrifttums, sie können nicht ohne diese Tradition gedacht werden, der dichtende Jude steht auf den Schultern aller früheren deutschen Dichter. Und andererseits: deutsche Werke deutscher Juden wirken, ihrer Bedeutung gemäß, auf die künftige Produktion, sie drücken, wenn sie stark genug sind, anderen Werken ihr Siegel auf, sie werden selbst ein Teil der deutschen Tradition. Insofern also können deutsche Werke jüdischer Dichter in der Tat nicht vermeiden, der deutschen Literatur anzugehören.“ Goldstein meint aber, daß diese Tatsache den in den einzelnen Landessprachen, z. B. deutsch dichtenden Juden nicht die Möglichkeit nehme, als Dichter die Sache des jüdischen Volkes mit ihrem Schaffen zu fördern. Gewiß! Das glauben wir alle. Aber auch Wilhelm Müller förderte mit seinen feurig-edelen Griechenliedern die Sache des griechischen Volkes nicht wenig. Und wenn man Verse liest, wie die: „Wir haben tief geschlafen, wir haben schwer geträumt — O Tag der Auferstehung, wie lang hast du gesäumt! Wir haben schwer geträumt von Joch und Kett’ und Band, Da haben unsre Wunden uns bis ins Herz gebrannt. , Wir sahn die Burgen fallen, die Tempel untergehn, Wir sahen fremde Fahnen auf ihren Trümmern wehn; Barbarentritt zerstampfte den Rasen unsrer Gruft, Die Klänge unserer Sprache verhallten in die Luft.“ dann vergißt man völlig, daß der, der sie schuf, einem anderer. Volke angehörte, daß seine Werke der deutschen Dichtung zuzurechnen sind. Und manche Gedichte des Freiherrn Börries von Münchhausen, wie z. B. das „Passah“ oder die bis ins innerste Mark erschütternde „Hespedklage in Kischinew“ sind wahrhaft jüdisch empfunden, mögen auch hundertmal weise Leute nach der von den Teutomanen übernommenen Methode die berühmte „differenzierende Nüance“ herausfinden. Wenn nun diese in deutscher Sprache verfaßten Dichtungen einen wirklichen Juden zum Erzeuger hätten, was dann? Es entsteht also immer wieder die Frage, inwieweit ein derartiges Schaffen wirklich jüdische Nationalliteratur ist. Es ist außerordentlich schwer, vielleicht überhaupt nicht möglich, am Ende sogar — nicht nötig, dafür eine allseitig befriedigende Formel zu finden. Es ist aber hier so ziemlich alles, was man behaupten will, gleichermaßen richtig und falsch, und man kann nur wünschen, daß unsere Dichter für uns schaffen mögen und es getrost den kommenden Generationen überlassen, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob sie in die deutsche oder in die jüdische Literaturgeschichte, in beide oder in keine von beiden hineinkatalogisiert werden dürfen. Manche unter uns halten keine Zeile für einen jüdischen Wert, die in nichthebräischer Sprache geschrieben ist; Moritz Goldstein glaubt, daß wahrhaft große jüdische Werke nur außerhalb des Hebräischen, von deutschen Juden also im Deutschen, erwachsen können; Adolf Bartels wieder hält ernsthaft jedes von einem Juden in deutscher Sprache beschriebene Stück Papier für ein deutsches Nationalunglück. — Da fällt einem wahrhaftig der arme Ludwig Jakobowski ein: Er, der sein ganzes freudloses Leben hindurch, ohne sein Judentum gar./ abwerfen zu wollen, so schwer und gutgemeint für seine Anerkennung als deutscher Dichter gekämpft hat, der an den lieben Gott die rührend-seltsame Bitte gerichtet hat: „Laß mich sein, was ich schluchzend erfleht: Erst ein Deutscher und dann ein Jude! Erst ein Charakter und dann ein Poet!“ Derselbe Jakobowski hat einst in einer glücklichen Stund, über seiner Zimmertür ein gutes Sprüchlein Goethes angcnagelt, an das sich auch die wahrhaft jüdisch Beseelten halten können, die zugleich das Unglück haben, in diesem tollen Goluswirrwarr Dichter zu sein. vHätte Gott mich anders gewollt, So hätf er mich anders gebaut; Da er mir aber Talent gezollt, Hat er mir viel vertraut. Ich brauch’ es zur Rechten und Linken, Weiß nicht, was daraus kommt; Wenn’s nicht mehr frommt, Wird er schon winken.“ Aber hat er uns überhaupt Talent gezollt? Zur Dichtkunst nämlich? Es ist eine liebe Gewohnheit, dies mit mehr oder minder schönen Worten zu verneinen. Die Teutschen behaupten, daß uns die mit Recht so beliebte Plastik nicht gegeben sei, dieweil uns das dichterische Schauen fehle und wir nur Wort- und Formtalentchen hätten. Andere wieder, darunter selbst Juden, und sogar solche, denen es nicht einmal an jüdischen Interessen mangelt (Julius Bab!), gestehen uns nur dichterische Grenzfälle zu, unter feucht-fröhlicher Abtrennung der religiösen Dichtung, die „ein ganz besonderer Saft“ sei. Goldstein fertigt sie alle mit ruhiger, würdiger Sachlichkeit ab: „Es ist doch eine ganz willkürliche Einschränkung, nur Dichter von bestimmten Dingen ,Dichter zu nennen. Gewiß: Schiller konnte keine Goethesche Lyrik produzieren. Nenne ich nur den Lyriker im Goetheschen Sinne einen Dichter, so verdient Schiller diesen Namen nicht. Aber hat es nun irgendeinen Wert und Sinn, ihm die Dichterwürde abzusprechen? Vielleicht werden jüdische Poeten niemals können, was verhältnismäßig vielen Deutschen angeboren ist. Aber sind wir gezwungen oder auch nur berechtig!, den Begriff Dichter nach dem deutschen Typus zu bestimme:; - In dem Sinne, wie wir Goethe oder Keller oder Mörike Dichter nennen, haben auch Franzosen und Italiener keine ,echte::' Dichter. Und wenn ich nun irgendeinen, z. B. den jüdische : Dichter zum Vorbild nehme und daraufhin den Germanen d; Schöpferkraft abspreche, weil ihnen jenes Jüdische unzugänglich ist, habe ich nicht ebensoviel Recht oder Unrecht ." Goldstein erinnert zugleich daran, daß man noch vor wenig mehr als 150 Jahren tatsächlich dem deutschen Volke d,. dichterische Begabung abgesprochen hat.

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