Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316587--57267-3375720- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40 Nr. 13 DIE2$KELT es noch nicht getan. Der Dunam, für den 30—40 Frs. gezahlt werden, erfordert noch ebensoviel Ausgaben, um für den Siedler erst richtig ertragsfähig zu sein. Diese eigentliche Kolonisationsarbeit kann nicht der in seinen Mitteln beschränkte Siedler, sondern nur kapitalkräftige Gesellschaften vermögen sie auszuführen. Mögen sie dann ruhig die Auslagen der Kultivierung zum Verkaufspreis zuschlagen. Das wird für den Siedler immer noch billiger sein, als wenn er selbst auf eigene Faust und im Verlauf mehrerer Jahre diese Arbeit leisten müßte. Der palästinensische Kolonist hat auch bei kultiviertem Boden eine Unmenge Schwierigkeiten: Oscher, ungünstige Regenverhältnisse, schlechte Straßen, hohe Gemeindesteuern usw. Es ist genug, wenn er dieser Schwierigkeiten Herr wird. Wollen wir ihm noch die der Besitzergreifung und der Instandsetzung aufbürden, dann darf es uns nicht wundern, wenn er und mit ihm unser unvernünftiges Kolonisationssystem zusammenbricht. Wilkanski zeigt, daß es auch bei der bisherigen Kolonisation natürlich und ohne alle Wunder zugegangen ist. Die Kolonien, die gut stehen, hatten andere Bedingungen als die weniger gut situierten. Er ist sich der Tragweite seiner Vorschläge bewußt, aber er ist überzeugt, daß nur sie zum Ziele führen werden. Er sagt wörtlich: „Den Anfang muß die Vorbereitung bilden, dann erst kann der einzelne Siedler sich niederlassen. Die Lage in Metulah und Rosch-Pinah wäre eine andere, wenn man dort zuerst Straßen angelegt und den Boden vorbereitet hätte, bevor man die Leute ansiedelte. In Mischmar-Hajarden und Jessod Hamaalah gäbe es nicht soviel Tote, wenn man die Sümpfe getrocknet hätte, bevor man den Boden unter den Kolonisten aufteilte. In den Kolonien, die in Prozesse verwickelt sind, hätte man das Leben und Vermögen durch Ansetzung provisorischer Bewohner sicherstellen müssen. Mit einem Worte: Sämtliche Wirtschaftsarbeiten hätten zuerst administrativ — sei es durch Arbeitergenossenschaften oder durch Verwalter — vorgenommen werden müssen, bis der Boden seine Leistungsfähigkeit erreicht hat und er imstande ist, nicht bloß einen Fellachen, sondern auch einen jüdischen Kolonisten zu ernähren." „Gewiß sind dafür große Kapitalien erforderlich. Aber ohnedies werden sie von der I. C. A. verausgabt, nur systemlos und zu spät. Ohnedies kann man die Wirtschaften der Kolonisten nicht als Privatwirtschaften ansprechen. Der Kolonist gibt (in den I. C. A.-Kolonien) nur seinen Namen her, aber er ist in Wirklichkeit nicht der Herr. Alle Arbeiten, die er jetzt macht, sind Vorbereitungsarbeiten — die er für seinen Nachfolger leistet. Dieser Kolonist ist eine Art Tagelöhner, der seinen Lohn nicht bekommt. Wäre er in dieser schweren Arbeit ein wirklicher Tagelöhner, so würde er zumindest seinen Lohn haben und nicht mit einem solchen Ruin abschließen müssen, wie in der glänzenden Zeit der Privatinitiative. Hier wird allerdings mit dem Wiederaufleben der Administration und der „Vormundschaft" gerechnet. Aber auch diese Dinge sind von zweifacher Art. Es gibt noch Verwaltungen, die auch ihre Berechtigung unter Gottes Himmel haben." Das Leichenbegängnis von J. M. Pin es Wie vorauszusehen war, gestaltete sich die Beerdigung von J. M. P i n e s tu einer imposanten Kundgebung für den alten wie auch für den neuen Jischub. Pines verschied am Freitagabend kurz nach dem Kidduschsegen im Jaffaer Krankenhause. Auf Wunsch seiner beiden Schwiegersöhne, der bekannten Gelehrten David J e 11 i n und Joseph Mejuchas, sollte die Leiche am Sonnabendabend nach Jerusalem übergeführt werden. Noch im Krankenhause sprachen an der Bahre die Herren Rokeach, Goldmann und Barsilai. In der Talmud - Thora sprachen die Herren Salomon, Lips c h i t z aus Pethach-Thikwa und Agr. Maierow i t z aus Rischon Le-Zion. Inzwischen war es Mitternacht geworden und der Leichenwagen setzte sich in Bewegung. Aus Jaffa begaben sich zur Beerdigungsfeier die Herren Dr. Chissin, Disengoff und 25 Kolonisten aus der Bilukolonie Chederah, deren größter Förderer der Verblichene war. In Jerusalem beteiligten sich zirka 5000 Personen aus den verschiedensten Volksschichten an dem Leichenbegängnis. Viele Trauerreden wurden gehalten. Viehseuche in Judäa In den letzten Tagen ist in Judäa eine Viehseuche ausgebrochen, von der besonders der Viehbestand in Ben-Schemen hart betroffen wurde. Drei Veterinärärzte bemühen sich um die Bekämpfung der Seuche. | Jakob ben Jehudah Tschertok | Jaffa, 16. März. Eine der markantesten und tätigsten Persönlichkeiten hat unsere Jaffaer jüdische Gemeinde in dem am Rosch Chodesch Adar II. verstorbenen Jakob Tschertok verloren. Die kleine, eng miteinander verbundene Gesellschaft empfindet jeden derartigen Verlust wie ein großes Familienunglück. In diesem Falle ist der Schmerz um so tiefer, als der Verstorbene erst im 52. Lebensjahr stand und am öffentlichen Leben der hiesigen Judenheit einen äußerst lebhaften und wirksamen Anteil genommen hat. Jakob Tschertok kam, nachdem er die Realschule in Rußland absolviert hatte, mit den übrigen Kollegen der B i 1 u im Jahre 1882 nach Palästina. Er arbeitete hier zugleich mit anderen Bilu-Mitgliedem jahrelang in dem von Direktor Hirsch verwalteten Mikweh-Israel und in Rischon l e - Z i o n. Wegen seiner allzu schwächlichen Körperkonstitution jedoch mußte er die landwirtschaftliche Arbeit aufgeben und in Jerusalem seinen Lebensunterhalt suchen. Er lebte dort drei Jahre, verdiente sein Brot bei einem Drechsler und lebte in intimer Freundschaft mit Elieser Ben-Jehudah und Jechiel Michael Pines. Nach dreijährigem Aufenthalt in Jerusalem kehrte er nach Rußland zurück und widmete sich hier der jüdischen Publizistik. Sowohl als Journalist wie auch später als Kaufmann wirkte er praktisch für den Zionismus und die Palästina-Kolonisation. Stets dachte er an die neuerliche Uebersiedlung nach Palästina, doch gelang es ihm erst im Jahre 1906, diesen seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. In diesem Jahre kehrte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern sowie seinen verheirateten Brüdern und Schwestern nach Palästina zurück. Seine Absicht war jetzt, seine Lebensweise von Grund auf zu ändern, „zurück zur Natur" wurde sein Losungswort, das. er an sich selbst und seinen Angehörigen verwirklichen wollte. Fern von aller Kultur wollte er,unter den Arabern sich ansiedeln und gleich ihnen mit seinen Kindern in freier Natürlichkeit leben. Er pachtete daher in dem arabischen Gebirgsdorfe A i n S i n j a , einige Stunden nördlich von Jerusalem, eine Mühle und lebte hier in größter Einfachheit, in seiner bescheidenen Lebensführung durch nichts unterschieden von den arabischen Dorfgenossen. Wie die Beduinen weideten seine Kinder Schafe und Ziegen. Da er aber sah, daß ihm die Mühle mitten in der Wildnis nicht den Lebensunterhalt abwarf, sah er sich nach zwei Jahren genötigt, seinen Wohnsitz nach Jaffa zu verlegen, wo er sich ein Holzgeschäft einrichtete und es durch emsige Arbeit zur Blüte brachte. In diesen letzten Jahren beteiligte er sich mit größtem Eifer an allen Aktionen des neuen Jischub. Er war Mitglied des Schiedsgerichtes, des Verwaltungskomitees am Gymnasium, des Aufsichtsrats der Mädchenschule des Odessaer Komitees, der Knabenschule des Esra, letztens der Musikschule und gehörte mehreren anderen Vereinen an. Er zeichnete sich in allen seinen Aemtem durch rigoroses Pflichtgefühl aus. Ueberall gehörte er zu den fleißigsten Mitarbeitern und erledigte seine Aufgaben stets mit größter Gründlichkeit.