Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316587--57265-3375718- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
406 Erinnern wir uns der Ansichten, die jetzt eine gewisse allgemeine Geltung haben: insgemein wird die „Administration“ noch immer als ein zum Bankerott verurteiltes Kolonisations-System betrachtet und das Gelingen unseres Kolonisatioriswerkes von der Privatinitiative, d. h. von der Besiedlung des Bodens durch wirtschaftlich unabhängige Siedler,' erhofft. Soweit von der landwirtschaftlichen Technik die Rede ist, wird auf die Verwendung des europäischen Pfluges und der Pferde oder Maultiere hingewiesen, die dem arabischen Pflug mit den Ochsen als Vorspann wirtschaftlich überlegen sein sollen. Zu gleicher Zeit empfiehlt man die gemischte Wirtschaft — Getreidebau im Verein mit Pflanzungsbau — als den idealen Zustand. Die Erfüllung aller dieser Forderungen soll allein schon die Garantie für das Gelingen gewähren. In Gebereinstimmung mit diesen Ansichten will sich jetzt die Palestine Land Development Company ausschließlich mit dem Erwerb und der Parzellierung von Boden befassen und es im übrigen dem Ansiedler selbst überlassen, seines Schicksals Schmied zu werden. Und als die Mitteilung durch die Presse ging, daß die I. C. A. ebenfalls diesen Weg einschlagen und ihren Boden an einzelne Siedler verkaufen will, ohne sich weiter selbst mit dem Wirtschaftsbetrieb zu befassen, wurde dies als ein großer Fortschritt bezeichnet. Anders Wilkanski. Diese landläufigen Ansichten gelten ihm entweder als grundfalsch oder sie bedürfen nach seiner Ansicht jedenfalls einer Korrektur und Ergänzung. Zunächst ist er weit entfernt davon, in die allgemeine Verurteilung der „Administration“ mit einzustimmen. Ohne die Auswüchse dieses Systems beschönigen zu wollen, ist er doch von der historischen Notwendigkeit desselben als einer Conditio sine qua non für das Siedlungswerk durchdrungen. Ja, auch in der nächsten Zukunft werden wir nach seiner Ansicht dieses System nicht entbehren können; die Privatinitiative allein wird nicht imstande sein, unser kolonisatorisches Problem zu lösen. Mit anderen Worten: Der Schwerpunkt des Problems liegt für Wilkanski auf technischem Gebiete und deshalb meint er, daß der einzelne Kolonist hier nicht ausreicht, und daß es vielmehr großer Mittel bedarf, um die vorhandenen Schwierigkeiten überwinden zu können. Wilkanski sagt: In der Landwirtschaft bereits kultivierter Länder werden dauernde und vorübergehende Ameliorationeri auseinander gehalten. Drainage, Bewässerung, Anlage von Straßen usw., die nur einmal für eine lange Reihe von Jahren vorgenommen werden, ^jihlen zu den dauernden Nr. 13 Ameliorationen. Die Ausgaben hierfür gelten als Anlagekapital und bei der jährlichen Bilanz werden bloß die Zinsen dieser Auslagen berücksichtigt. Selbst die Ausgaben für Dünger, der ja für einige Jahre seine Wirkung äusübt, werden auf Grund fachmännischer Berechnung in der landwirtschaftlichen Buchhaltung auf die entsprechenden Jahre verteilt. Hingegen gelten die Auslagen für Pflügen, Eggen, Walzenj‘ Häufeln usw., die ja fast jährlich wieder vorzunehmen sind, als laufende Ausgaben. Sie müssen daher, jeder Jahresbilanz zugerechnet werden. . , r; . So in den bereits kultivierten Ländern. Wie aber verhält es sich damit in Ländern, wo, wie beispielsweise in Palästina, der Boden seit langem vernachlässigt ist und erst durch andauernde Kultivierung in einen besseren Zustand gebracht werden soll? Da heißt es: „Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht“ und die beiden Arten der Ameliorationen sind nicht gut auseinander zu halten. Genauer ausgedrückt: ein gut Teil der sonst als vorübergehend geltenden Ameliorationen sind hier in der ersten Zeit,' die aber lange dauern kann, als dauernde Verbesserungen anzusehen und demgemäß müssen die betreffenden Ausgaben noch als Anlagekapital angesehen werden. So ist der durch das Pflügen nach europäischer Art erzielte Erfolg erst nach einigen Jahren zu merken, während in den ersten Jahren (aus technischen Gründen, die hier nicht dargelegt werden können) eher ein materieller Schaden als ein Gewinn von dem europäischen Pflug zu erwarten ist. Schon daraus erhellt aber, daß die Verluste der ersten Jahre nicht ausschließlich diese, sondern mehr die späteren guten Jahre belasten müssen, denn ohne jene vorangehenden Verlustjahre würden sich die späteren Gewinnjahre nicht einstellen. Ein anderes Beispiel: In den ersten Jahren sind in der Regel kostspielige Prozesse mit den Nachbarn auf der Tagesordnung. Diese Auslagen gehören nun unzweifelhaft zum Anlagekapital. Aber auch jener buchmäßig nicht zu ermittelnde Schaden, der dadurch entstand, daß diese Prozesse viel Zeit und Energie in Anspruch nahmen und auf die Bestellung der Felder und die gesamte Wirtschaft recht ungünstig einwirkten, gehört sachlich ebenfalls nicht ausschließlich zu der betreffenden Jahresbilanz, denn die Schaffung rechtlich gesicherter Zustände, die durch diese Prozesse angestrebt wird, ist eben ihrem Charakter nach mehr eine Vorarbeit für die kommenden Jahre als eine Sache des ersten oder zweiten Jahres der Wirtschaft. Handelt es sich um Wirtschaften, die mit hinlänglich großen Mitteln arbeiten, so ist diese Buchungsfrage nicht von einschneidender Bedeutung. Denn diese Wirtschaften können ja ruhig die gute Zeit ab warten, die ihnen auch die weiteren Investierungen verzinsen wird. Geradezu verhängnisvoll kann es aber für den einzelnen Durchschnittskolonisten werden, wenn er selbst mit seinen unzureichenden Mitteln all die ersten Arbeiten der Besitzergreifung und der Amelioration durchführen muß. Hier kann die sogenannte Privatinitiative zuschanden werden. Es lauert nämlich die Gefahr, daß der Ansiedler, indem er unermüdlich die ihm gestellten Aufgaben zu lösen bestrebt ist, nicht mehr finanziell stark genug bleibt, um die guten „sieben Jahre*' Der neue Verkaufspavillon des Bezalel am Fuße des Migdal David (Davidsturm) in Jerusalem Kelt