Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-03-28 · 13 (28.3.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316587--57264-3375717
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 13 diex&elt 405 PALÄSTINA-RUNDSCHAU (Von unserem Berichterstatter.) Agronom J. Wilkanski über die landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina Die äußere Geschichte unserer palästinensischen Kolonisation ist ziemlich bekannt. Sie setzte vor 30 Jahren von zwei Seiten ein. In Jerusalem hatte sich die jüdische Niederlassung einigermaßen konsolidiert, so daß man über die Fragen des Alltags hinaus an weitere Aufgaben denken konnte. Das Ideal der landwirtschaftlichen Kolonisation, angeregt durch die Besuche von Sir Moses Montefiore und durch das literarische Wirken des Rabbiners K a 1 i s c h e r, fesselte die besseren Elemente der jungen Jerusalemer Gemeinde und nach einigen anderen Versuchen wurde der Boden von Pethach- Tikwah erworben — der ersten jüdischen landwirtschaftlichen Siedlung in Palästina. Zu gleicher Zeit machte sich eine ähnliche Bewegung, veranlaßt durch die Pogrome und gesetzlichen Beschränkungen in Rußland und Rumänien bemerkbar, die ihren konkreten Ausdruck in der Gründung von Rischon le-Zion und Rosch Pinah (Obergaliläa) fand. Bald jedoch gerieten alle diese Siedlungen in Not. Es fehlte an Geld, an landwirtschaftlicher Kenntnis und Erfahrung. Die Hilfe, die die inzwischen entstandenen Vereine der Chowewe Zion leisten konnten, war im Verhältnis zu den Erfordernissen viel zu geringfügig. Da trat einer unserer Edelsten, Baron Edmund Rothschild in Paris, auf den Plan. Er förderte das Kolonisationswerk zunächst ebenfalls mit relativ geringen Mitteln. Bald aber, wahrscheinlich nach einem Besuche in Erez-Israel, wurde er von der Größe der Aufgabe so ergriffen, daß er auch seelisch zu den ersten der Chowewe Zion gehörte. Ein Goldstrom ergoß sich über das Kolonisationswerk. Leider ist gerade diese Epoche der Kolonisation arm an literarischen Denkmälern und Dokumenten. Es scheint, daß Edmund Rothschild jede Popularitätshascherei aus ganzer Seele verabscheute und von einer großen Publizität nichts Gutes erwartete. Er gab Millionen und wollte nicht einmal, daß diese Tatsache bekannt würde. In der hebräischen Presse wurde er stets nur als „der bekannte Nadiw" (Wohltäter) erwähnt, ohne daß sein Name genannt wurde. Geht man mit aufmerksamem Blick durch die Kolonien, so überkommt einen noch jetzt eine Ahnung von der Größe jener Tage. Nicht bloß, daß die bereits entstandenen Kolonien die notwendige Förderung erhielten, sondern es wurden auch neue Kolonien gegründet. Neben der Landwirtschaft kam auch die Industrie zu ihrem Rechte. Und alles, was geschah, wurde großzügig und von hohen Gesichtspunkten unternommen. Bald aber zeigte diese Arbeit eines einzigen Mächtigen in Israel sehr bedenkliche Schattenseiten. Edmund Rothschild fand nicht die richtigen Mitarbeiter. Diejenigen, die in seinem Namen in Erez-Israel schalteten und walteten, erfaßten nicht die national-historische Bedeutung ihrer Aufgabe. Ein fast unübersehbares Beamtenheer machte sich breit und die Triebfeder dieser ganzen Schar schien, von wenigen Ausnahmen abgesehen, einzig und allein die Genußsucht zu sein. Es lag im System dieser Administration, daß sie die Initiative der Kolonisten eindämmte und sie zu Faulenzern und Subventionshaschem machte. Als Achad Haam vor zwölf Jahren im Aufträge der Chowewe Zion die Kolonien während einiger Monate inspizierte, erkannte er das Hauptübel in der sogenannten „Vormundschaft“. Er gab seinen Gedanken in einem einige Druckbogen langen Aufsatz beredten Ausdruck, dessen Wirkung noch heute in den Gemütern der Kolonisationsfreunde nachhallt. Radikal wie Achad Haam in Tagesfragen ist, sah er alles Unglück in dem System der „Administration“ an sich (nicht bloß der Rothschildschen, sondern auch in der der Chowewe Zion) und erblickte alles Heil in einer freien, selbständigen Kolonisation. Eine gewisse Stütze fanden diese Gedanken in dem Umstande, daß die wenigen Kolonien, die inzwischen durch Privatinitiative entstanden waren (beispielsweise Rechoboth), besser zu gedeihen schienen. Auch die günstige Entwicklung der deutschen Kolonien sprach für die Richtigkeit dieses Gedankens. Die weitere Entwicklung ist noch in frischer Erinnerung. Baron Rothschild schaffte seine eigene Administration ab und übergab die Verwaltung der Kolonien der I.C. A. Der neue Kurs machte sich bald in Palästina bemerkbar. Der Geldstrom versiegte, die Kolonisten wurden allmählich zur eigenen Initiative aufgerüttelt, unbrauchbare Elemente wurden abgefunden und zur Auswanderung veranlaßt. Es entstand das Winzersyndikat, dem die Verwaltung des Weingeschäftes übertragen wurde und das auf diesem Gebiete auch große Erfolge erzielte. Pethach-Tikwah widmete sich mit Energie dem Orangenbau und erlangte in wenigen Jahren einen ungeahnten Aufschwung. Auch die zionistische Organisation, die geraume Zeit auf die Sammlung der verschiedenen Fonds und die Ausgestaltung der Organisation verwandte, wurde mehr und mehr durch die innere Entwicklung zur realen Kolonisationsarbeit gedrängt. An die Spitze des neu geschaffenen Palästina- Amtes trat Dr. A. R u p p i n , dem die landwirtschaftliche Kolonisation fast das „Ein und Alles“ bedeutet. Es entstanden die Palestine Land Development Company, die Siedlungsgesellschaft, der H erz 1 wa 1 d. Von Zionisten, wenn auch nicht von der zionistischen Organisation, wurden „Migdol“ und „Poriah“, zwei vielversprechende Siedlungen bei Tiberias, begründet. Gerade im letzten Jahre hat das landwirtschaftliche Kolonisationsgebiet eine ansehnliche Ausdehnung erfahren. Dieser kurze Rückblick schien uns geboten, um die Ansichten W i 1 k a n s k i s , von denen bald die Rede sein wird, in ihrem Zusammenhang mit der bisherigen Entwicklung verstehen zu lernen. Ueber J. Wilkanski selbst, der für die größere Öffentlichkeit ein homo novus ist, sei noch eine kurze Mitteilung gestattet. Er ist als Sohn eines angesehenen russischen Rabbiners im traditionell-talmudischen Geiste erzogen worden, aber schon in jungen Jahren wurde er ein begeisterter Herzlianer und nach beendigtem Gymnasialstudium war es ihm klar, daß er Agronomie studieren müsse, um dem palästinensischen Kolonisationswerk dienen zu können. Inzwischen entfaltete er eine literarische Tätigkeit, die eine außerordentliche Begabung, große Meisterschaft in der Handhabung der hebräischen Sprache und einen geschlossenen, vornehmen Charakter offenbarte. In Palästina angelangt, wirkte er zunächst als Lehrer der Agronomie an der von Beikind geleiteten landwirtschaftlichen Schule, später wurde er als Leiter für den Herzlwald, der in Ben-Scheme n' und Hulda angelegt wurde, engagiert. Während seiner fünfjährigen palästinensischen Wirksamkeit hat Wilkanski mehrmals zu unseren landwirtschaftlichen Fragen Stellung genommen. Je öfter dies aber geschah, desto klarer zeigte es sich, daß er eine festgefügte, in sich geschlossene Anschauung bezüglich'des ganzen Fragenkomplexes unserer landwirtschaftlichen Kolonisation vertritt, eine Anschauung, die in wesentlichen Punkten von der sonst allgemein herrschenden abweicht. Da seine diesbezüglichen Aufsätze noch nicht gesammelt sind, fällt es einigermaßen schwer, seine Ansichten zu einem einheitlichen Ganzen zu gruppieren: Wir wollen daher hier, nur seine Stellungnahme zu den wichtigsten Fragen auf Grund seiner letzten Publikationen kurz skizzieren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.