Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-03-28 · 13 (28.3.1913) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316587--57262-3375715
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13 403 DIEI^ELT Zionistische Palästinaarbeit In der letzten Sitzung des Actions-Comites hielt Herr M. Ussischkin ein Referat über die zionistische Palästinaarbeit, das wir im nachstehenden mit Ausnahme der nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Darlegungen wiedergeben. Politische Arbeit im Lande. Die zionistische Organisation hat in Palästina zwei Vertretungen: das Palästinaamt und die Anglo-Palestine Company. Beide ergänzen einander und erfüllen nach verschiedenen Richtungen unsere Aufgaben im Lande. Auf eine unserer wichtigsten Aufgaben wurde jedoch bis heute nicht genügend Nachdruck gelegt; das ist die politische Arbeit in Palästina selbst. Wir müssen eine großzügige Aufklärungsarbeit unter den Arabern leisten. Ohne unsere Ziele und Zwecke im Lande irgendwie verschleiern zu wollen, müssen wir der arabischen Bevölkerung unermüdlich und unverdrossen klar machen, daß zwischen den jüdischen und arabischen Interessen eine unlösliche innere Harmonie besteht. Es ist unsere historische Mission, das Land und seine uralte heimische Kultur neu zu beleben, zu kräftigen und zur reichsten Entfaltung zu bringen. Indem wir die mit dem innern Wesen, der historischen Entwicklung und den spezifischen Verhältnissen der alten orientalischen Welt in Einklang zu setzenden Errungenschaften der europäischen Kultur ins Land bringen, wollen wir dieser uns verwandten Welt des Orients sozusagen neues Kulturblut zuführen, sie im Verteidigungskampfe gegen den Ansturm der okzidentalen Welt stärken und ihr zur Schaffung einer gesunden, Widerstands- und entwicklungsfähigen Synthese zwischen orientalischem Wesen und europäischer Zivilisation verhelfen. Für diese Aufgabe ist aber niemand so geeignet, wie das jüdische Volk, das etwas von Europa gelernt hat. ln der Arbeit für die Wiedergeburt des Orients können und sollen sich die beiden stammverwandten Völker, die Juden und die Araber, treffen. Und es ist unsere politische Aufgabe, diese Gesichtspunkte unablässig unter den Arabern zu propagieren. Hieraus folgt, daß wir mehr als bisher Fühlung mit den Arabern nehmen, daß wir engere Beziehungen zu den maßgebenden arabischen Kreisen und zur arabischen Presse anknüpfen müssen. Agrarpolitik. Der Referent geht sodann zur Besprechung unseres Bodenbesitzstandes und unserer allgemeinen Aufgaben auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Kolonisation über. Er behandelt eingehend die einzelnen, auf den Erwerb und die weitere Veräußerung von Boden bezüglichen Fragen, schildert die Licht- und Schattenseiten des bestehenden Systems und macht bestimmte Vorschläge, die auf Beseitigung von Mängeln und Erweiterung der diesbezüglichen Tätigkeit abzielen. Als die wichtigste Aufgabe auf dem Gebiete unserer Agrarpolitik bezeichnet Referent die Schaffung eines speziellen Instituts für langfristigen Bodenkredit. Arbeiterfrage. Von größter Bedeutung für unsere Sache ist die Frage der jüdischen Arbeit. Ohne die jüdische Arbeit hat das ganze Kolonisationswerk einfach keinen Boden unter den Füßen. Es ist nun eine unserer wichtigsten Aufgaben, diesen Grundsatz mit größtem Nachdruck geltend zu machen. Nach dieser Richtung soll auf die jüdischen Kolonisten ein moralischer Druck ausgeübt werden. Eine derartige moralische Pression kann zweifellos von großer Bedeutung sein. Einen Beweis bietet das Erstarken der hebräischen Sprache in Palästina. Auch hier batte das nationale Prinzip in den eng verstandenen realen Interessen des Augenblicks keine Unterstützung. Nur durch einen von maßgebender Seite bewußt ausgeübten moralischen Druck konnte das Hebräische in Palästina zur gegenwärtigen Stufe emporklimmen. Die Mehrkosten, die durch die Beschäftigung jüdischer Arbeiter entstehen, dürfen ebensowenig als Einwand gegen die jüdische Arbeit geltend gemacht werden, wie die Mehrkosten für palästinensisches Land etwa gegenüber Terrains in Kanada gegen das Palästinaprinzip in unserem Programm entscheiden dürften. Das Verhalten einzelner, die aus wirtschaftlichen und anderen Gründen prinzipiell keine jüdischen Arbeiter anstellen, ist aufs schärfste zu verurteilen. In letzter Zeit wurde vielfach die Einführung der Jemeniten nach Palästina als der Weg zur Lösung unserer Arbeiterfrage bezeichnet Ohne diese überaus wichtige Sache irgendwie unterschätzen zu wollen, muß man doch dieser Ansicht entgegentreten. Bis heute sind ungefähr 1500 Jemeniten eingewandert und es sind nicht mehr allzuviele zu erwarten. Auf die Dauer ist übrigens ein jemenitischer Arbeiter nicht billiger, als ein aus Rußland eingewanderter, weil er sehr mit Recht nach kurzer Zeit dieselben Ansprüche zu stellen gelernt hat. Die Aufgabe ist und bleibt die Förderung des jüdischen Arbeiters schlechtweg. Solange nicht der aus Europa stammende Arbeiter ein wichtiger Machtfaktor in der jüdischen Kolonisation geworden ist, werden wir nicht weit kommen. Unsere Arbeiterfrage wird allerdings noch dadurch kompliziert, daß der Kolonist den Arbeiter nicht das ganze Jahr hindurch beschäftigen kann. Diesem Uebelstande wäre aber durch die Gründung von speziellen Arbeitersiedelungen in der Nähe von größeren Kolonien — nach Art von Ein-Ganim bei Pethach-Tikvvah und neuerdings auch Nachlath-Jehudah bei Rischon-Lezion — abzuhelfen. Der Arbeiter, der an seiner eigenen kleinen Wirtschaft einen Rückhalt hat und in der freien Zeit etwas Garten- und Gemüsebau, Geflügelzucht, Milchwirtschaft und dergl. treiben kann, ist vor Arbeitslosigkeit hinreichend geschützt, um den Wettkampf mit dem Araber aufnehmen zu können. Die Tätigkeit des National fonds und der P. L. D. C. im Zusammenhänge mit der Arbeiterfrage steht die Tätigkeit des N. F., der P. L. D. C. und verwandter Institutionen für landwirtschaftliche Kolonisation. Die landwirtschaftliche Kolonisation, und nicht die städtische, ist die Hauptaufgabe des Nationalfonds, die Betätigung auf landwirtschaftlichem Gebiete müßte daher den Schwerpunkt der Arbeit des N. F. bilden. Der N. F. müßte es sich angelegen sein lassen, zur Schaffung von Arbeitersiedlungen von der früher skizzierten Art, ebenso auch von Arbeitergenossenschaften nach Art derjenigen von Dag’ania und Kinereth beizutragen. Auf letzterem Gebiete sind indes noch manche Mängel zu beseitigen, namentlich soll die ganze Anlage bescheidener und ökonomischer gestaltet werden. Wirtschaften, wie Ben-Schemen und Hulda, haben indes weniger materielle, als ideelle Bedeutung. ln der Durchführung des Prinzips der jüdischen Arbeit gehen sie den benachbarten Kolonien als Muster voran und üben ideell im allgemeinen einen sehr günstigen Einfluß aus. Wenn also auch in Judäa und Untergaliläa ein dringendes Bedürfnis für weitere derartige Wirtschaften nicht besteht, so wäre doch für Obergaliläa, dessen jüdische Kolonien der Ermunterung und N'eubelebung durch geeignete Elemente und Beispiele bedürfen, die Schaffung einer derartigen Wirtschaft sehr am Platze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.