Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-03-28 · 13 (28.3.1913) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316587--57261-3375714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

402 Nr. 13 Prozesses, in welchem Hilsners Zellengenossen, sein eingeschüchterter zwölfjähriger Bruder und Bauern Kronzeugen waren, die beeideten, Hilsner in der Dämmerung auf sechshundert Schritte erkannt zu haben, kann Licht in die Sache bringen und den Ritualmordwahn, der von gewissenlosen Demagogen noch immer genährt wird, beseitigen. Es verlautet, daß Justizminister Hochenburger die Akten requiriert und auf Grund seines persönlichen Studiums die Revision angeordnet habe. Inzwischen ist in Böhmen ein neues Ritualmordmärchen aufgetaucht, das aber sehr kurze Beine haben dürfte. Es handelt sich um das vermißte Dienstmädchen eines jüdischen Kaufmannes und der Beschuldiger ist ein katholischer Katechet. Das Mädchen soll sich jedoch ins Wasser gestürzt haben und der geistliche Herr, ein gewisser P. Hrachovsky, erscheint selbst aufs höchste kompromittiert. Wie das Organ der tschechischen Realisten, der „C a s“, unter dem 22. d. M. meldet, wurde nämlich in seiner Wohnung ein an das verschwundene Dienstmädchen Marie P a v 1 i k gerichteter Brief gefunden, in dem es heißt: „Folgen Sie mir sofort alle Briefe und Photographien aus, die ich Ihnen in der Meinung gab, daß Sie ein ordentliches Mädchen sind. Sie haben sich eines Verbrechens schuldig gemacht. Ich werde Sie bei Gericht belangen.“ Jedenfalls hat das Blutmärchen neue Nahrung erhalten und man weist auf den des „Ritualmordes überwiesenen und verurteilten Hilsner“ hin. Möge die neuerliche Verhandlung gegen Hilsner baldigst vor sich gehen, damit die Blutlüge endlich ausgemerzt wird. Die neue Wahlordnung zum galizischen Landtag (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. Die Reform der Wahlordnung für den galizischen Landtag soll bereits gesichert sein. Am 17. wurden die Grundsätze im permanenten Wahlreformausschuß beschlossen. Tags darauf hat die entscheidende Landtagssitzung stattgefunden. Im Herbst werden aller Wahrscheinlichkeit nach Wahlen auf Grund des neuen Gesetzes stattfinden. Der Besitzstand der Ruthenen wird verdreifacht. Im galizischen Landtag werden sie eine nationale Körperschaft bilden, deren Beschlüsse in allen wichtigen Landesfragen beachtet werden müssen. Für die Polen bedeutet die Reform den Anfang des nationalen Friedens mit den Ruthenen. Sie bringt zugleich auch eine Schwächung der Konservativen. Bauern- und Städtevertreter werden mächtigeren Einfluß haben. Den Sozialdemokraten sollen 12 Mandate zugedacht sein. Wie werden da die 900000 Juden abschneiden? Haben es ihre Abgeordneten verstanden, ihrer Zahl, Steuerkraft, Intelligenz entsprechenden Einfluß auf die Geschicke des Landes zu wahren? Wie der Repräsentant der Krakauer Juden, Dr. Ignaz Landau, in einem Interview äußerte, soll das beschlossene Kompromißprojekt den Juden 14 oder sogar 18 Mandate sichern. In der städtischen Zensuskurie werden die Städte Drohobycz, Kolomea, Tarnopol, Stanislau, Tarnow, Przemysl je zwei Abgeordnete mit einfacher Majorität wählen. Da die Ruthenen dieser Städte in besonderen ruthenischen Wahlbezirken stimmen werden, bleiben die Juden in der Majorität und könnten bei geeinigtem Vorgehen die Besetzung der Mandate bestimmen. Es würde für die Juden auch der Wahlkreis Brody-Stave-Brody in Betracht kommen. Von den Lemberger acht und den Krakauer sieben Mandaten würden zwei bis drei den Juden zufallen. Die Handelskammern in Krakau, Lemberg, Brodv werden drei jüdische Abgeordnete stellen. Auch in der allgemeinen Städtewahlkurie soll die Erlangung zweier jüdischer Vertreter möglich sein. Dies sind die Aussichten nach Ansicht des Abg. Landau. Zwar gib: er zu, daß wir auf eine größere Berücksichtigung Anspruch hätten, doch sei immerhin ein Fortschritt erreicht. Hierzu ist aber folgendes zu bemerken: Wenn auch die Juden in den sechs Städtewahlkreisen die Mehrheit bilden, erscheinen diese Mandate dennoch nicht gesichert. Bei der Feststellung der Wahlbezirke wird man diesen Städten nach Bedarf eine oder mehrere polnische Dorfgemeinden zuteilen und auf diese Weise die Juden in die Minorität drücken. Diebetont auch Dr. Landau, nur will er hoffen, daß ein Don nicht vieles ändern kann. Diese Hoffnung kann trügen. Die Reichsrats-Wahlbezirke Buczacz und Brody, denen Dörfer hinzugefügt wurden, sind schlagende Beweise hierfür. Diese Landgemeinden liefern so viele polnische Stimmen, wie nöti“ sind, um die Wahl des Polenklub-Kandidaten zu sichern. Die Wahl einiger jüdischer Abgeordneter wird von der Gnade und Ungnade des polnischen Nationalrates abhängig sein. Viel günstiger wäre für die Juden das Proportionalwahlrechx in diesen Städten gewesen, auf dessen Einführung die Allpolen bestehen, um die Vertretung der polnischen Minorität zu sichern. Dieser Antrag wurde aber von Loewenstein bekämpft, weil er weiß, daß er unter den Juden allein in der Minorität bleiben würde. In einer Zeit, da Polen und Ruthenen um jeden Vertreter ringen, da ein Gesetz zustande kommt, daß für Generationen, die Entrechtung der Juden besiegelt, schweigen die Loewenstein s, Kolischer, Saves, Ritteis und Landau.-. Bei jeder Gelegenheit pflegen die Assimilanten zu erzählen, daß die Zionisten durch ihre Agitation und Kritik ihren guten Absichten vorgreifen. Wir haben also geschwiege;. und zugeschaut, was kommen wird. Nun ist das Resultat bekannt und dieses ist so unbefriedigend, daß noch in letzter Stunde ein Kampf entstehen wird, um etwas für die Juden zu retten. | Louis Feist (Von unserem Berichterstatter.) Frankfurt a. M. Im Alter von 55 Jahren ist der rühmlichst bekannte Wohltäter, Vorsteher der hiesigen Religionsgesellschaft und Präsident der „Agudath Jisroel“, Herr Kommerzienrat Louis Fei.c verschieden. Das Hinscheiden dieses bedeutenden Mannes ist ein schwerer Schlag für die Frankfurter Judenheit, insbesondere aber für die „Agudas Jisroel“, deren Hauptstütze er war. Der Verblichene war ein großer Wohltäter, er gab mit vollen Händen, und die Art, wie er gab, ist geradezu vorbildlich. Hunderte von Institutionen, Hunderte von Notleidenden im In- und Auslande, die von seinem Heimgange schwer betroffen wurden, sind Zeugen dafür. Trotz seiner großen Frömmigkeit war er äußerst tolerant, und obwohl er zwei Dezennien lang einer Gemeinde verstand, die auf dem Boden der Trennung steht, trug er die Fahne der Einheit Israels hoch und war daher Mitglied der Hauptgemeinde, der Loge, sowie der Frankfurter zionistischen Ortsgruppe. Auch seine Kinder er/. er mit Erfolg zur Liebe für Israel, seine Lehre und sein Land. Gar oft griff der streitbare Rabbi Breuer von der Kanzel herab den Parnes seiner Gemeinde wegen seiner Zugehörigkeit zu den „Poschim“ an. Auch in der Agudah gab es harte Kämpfe zwischen Louis Feist, dem Verfechter de Einheit, und dem streitbaren Rabbi, dem Mann des Hader- und des Zwistes. Der Sieg blieb auf Seiten Louis Feist-, und der Streitbare mußte sich zum Exodus entschließen. Wie es jetzt beim Abgang Louis Feists um den Einheitsgedank. ’ in der „Agudas Jisroel“ bestellt sein wird, das wird tiedie Zukunft zeigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.