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Die Welt · 1913-03-28 · 13 (28.3.1913) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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401 dies^kelt Nr. 13 -- ~ - Die Boykotthetze in Polen (Von unserem Berichterstatter.) Lodz. Die Boykottbewegung in Polen hat bisher an Schärfe nicht nachgelassen: Polnische Aerzte erklären, daß sie Juden nicht mehr behandeln wollen, allerdings nur . . . arme; sie schreiben an ausländische Lieferanten von Medikamenten, daß sie dieselben nur dann weiterempfehlen könnten, wenn den Juden die Vertretung entzogen würde. Schwachköpfige Zeitungsschreiber, die nur die Weisheit: „Haut die Juden" in allen Variationen zu wiederholen verstehen und sonst nichts zu sagen haben, werden wie Nationalhelden gefeiert. Das Beispiel bekannter Antisemiten, denen ihre Agitation dazu verhalt, Hausbesitzer zu werden, wirkt animierend. Es existiert hier eine Zeitung: „Dwa Grosze", die durch den Boykott glänzende Geschäfte macht: sie unterhält einen Spionagedienst, dessen Aufgabe es ist, auszukundschaften, ob nicht irgendeine anonyme Firma einem Juden gehört. Hetzartikel und Skandale werden in Szene gesetzt, bis den armen Juden ihre christliche Kundschaft entzogen ist. Schüler, die bereits mit in die Agitation und den Kampf hineingezogen werden, kontrollieren, ob nicht irgendein Buch, irgendein Heft aus einem jüdischen Laden herrührt. Einer der Gouverneure in Russisch-Polen, an den aus Petersburg die Anfrage erging, ob der Boykott irgendwelche Gefahr für den Staat bedeute, soll die Antwort gegeben haben, die Regierung möge sich nur hübsch neutral verhalten; die Polen, die ganz in dem Kampf gegen das Judentum aufgehen, hätten glücklicherweise aufgehört, sich für andere politische Fragen zu interessieren, was vom Standpunkte des Staates nur sehr zu begrüßen sei. Der Königsmord in Saloniki und die Juden (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Es ist selbstverständlich, daß sich unsere Feinde eine Gelegenheit wie die des Königsmordes in Saloniki nicht entgehen lassen konnten, ohne sie gegen die Juden auszubeuten. Die griechische Zeitung „Neologos" in Konstantinopel schrieb sofort nach Bekanntwerden der ersten Nachrichten über die Untat: „Zwei Gerüchte beherrschen alle anderen; der Mord wird entweder einem bulgarischen Komitatschi oder einer kombinierten Bewegung der chauvinistischen Juden Salonikis zugeschrieben, die die hellenische Besatzung der Stadt als zur Aufrechterhaltung der Ordnung unfähig hinstellen will." An der Böswilligkeit dieser Publikation ist nicht zu zweifeln, da der „Neologos" in derselben Spalte, die diese Verdächtigung enthält, das Agence-Telegramm mitteilt, aus dem unzweifelhaft hervorgeht, daß der Täter ein Grieche gewesen ist. (Wie unser Petersburger Berichterstatter uns mitteilt, ist die Lügennachricht des „Neologos" in die offiziöse Petersburger Telegraphenagentur übergegangen und von dieser verbreitet worden. Die Red.) Der russische Einfluß in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Die russische Regierung hat in Saloniki durch ihren dortigen Vertreter den Versuch gemacht, ihre Methoden in der Behandlung der Judenfrage über die russischen Grenzen auszudehnen und auch in Saloniki anzuwenden. Die in französischer Sprache erscheinende jüdische Zeitung „L’Independant brachte kürzlich gelegentlich des Romanow-Jubiläums einen Artikel, In welchem das herrschende System in Rußland scharf angegriffen wurde. Die griechische Zensur fand an dem Artikel nichts auszusetzen, aber der russische Generalkonsul erhob Vorstellungen und auf seinen Wunsch mußte die Zeitung ihr Erscheinen einstellen. Die griechischen Behörden beugten sich einfach dem russischen Wunsch. Nach einigen Tagen teilten die griechischen Behörden dem Direktor des jüdischen Blattes, Herrn Albert Matarasso, mit, daß das Blatt wieder erscheinen dürfte, wenn er sich bei dem russischen Konsul entschuldigte. Herr Matarasso erklärte jedoch, daß er keine andere Autorität als die griechische anerkennen könne und daß sich ein selbstbewußter Jude niemals vor dem Vertreter einer Macht erniedrigen würde, die Millionen seiner Brüder verfolgt. Die griechischen Behörden erkannten den Standpunkt des Herrn Matarasso an und hoben die gegen das Blatt getroffenen Maßregeln wieder auf. Die entschiedenen Worte des Herrn Matarasso machten in der jüdischen Bevölkerung, deren Selbstbewußtsein sich mehr und mehr regt, den besten Eindruck. Konferenz des italienischen Gemeindebundes (Von unserem Berichterstatter.) Vorige Woche fand in Ferrara eine Konferenz des italienischen Gemeindebundes statt. Es waren fast alle größeren Gemeinden vertreten. Comm. Seren! hielt einen warmen Nachruf auf Prof. adv. Mose F i n z i. Er resümierte dann das Communique des Schriftleiters Cav. Anselmo Colombo über seine Studienreise in Tripolis im Aufträge des Gemeindebundes, hob den Erfolg dieser Reise hervor und drückte ihm im Namen des Bundes seinen Dank aus. (Wir berichteten über dieses Communique in der „W e 11" Nr. 9 dieses Jahrgangs.) Darauf erstattete er Bericht über die Aktion des italienischen Gemeindebundes zugunsten der rumänischen Juden. Zu diesem Zwecke habe sich der Gemeindebund mit anderen großen Organisationen in Verbindung gesetzt, um gemeinschaftlich in dieser Richtung zu arbeiten. Gerade in diesen Tagen wird daran gearbeitet, außer S. E. Luigi Luzzatti auch andere hervorragende Staatsmänner, Politiker und Journalisten für diese Sache zu interessieren, um diese Frage in der öffentlichen Meinung wachzuhalten. Alle Delegierten treten für oine energische Aktion ein. Es wird dann über die Statuten des Bundes debattiert und ein hierauf bezüglicher Vorschlag des adv. Vitale (Alexandrien) angenommen. Es wird beschlossen, den geplanten ersten öffentlichen Kongreß der jüdischen Gemeinden Italiens noch dieses Jahr, spätestens im Monat Juni, in Rom abzuhalten. Revision des Hilsnerprozesses? (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Man ist durch die bisherigen traurigen Erfahrungen in der Hilsneraffäre derart kleinmütig geworden, daß man die in der Tagespresse neuerdings auftauchenden Gerüchte von einer Revision des Prozesses gegen den in lebenslänglicher Kerkerhaft schmachtenden halbidiotischen „Ritualmörder" H i 1 s n e r mit aller Reserve aufnehmen muß. Eine ganze Literatur liegt bereits vor, welche die Ungeheuerlichkeiten und Lächerlichkeiten des Prozesses darlegt und nachweist, daß Hilsners Verurteilung ein furchtbares Justizverbrechen war. Im Jahre 1909 wurde das ganze Material nochmals der Oeffentlichkeit unterbreitet, als der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" um die Begnadigung Hilsners petitionierte. Das Gesuch wurde damals abschlägig beschieden. Die Forderung nach Begnadigung war auch nicht die richtige Aktion in dieser Angelegenheit. In den Augen der dumpfen Massen wäre auch der begnadigte Hilsner der „Ritualmörder“ gewesen. Nur die Revision des mittelalterlichen

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