Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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398 Nr. 13 Aber auch ein logischer Zwang liegt für die Zionisten vor, am jüdischen Leben der Gegenwart teilzunehmen. Eben weil der Zionismus nicht einfach durch die gewaltige Willensanstrengung einer Generation innerhalb weniger Jahre verwirklicht werden kann, eben weil er politisch und wirtschaftlich an allmähliche Entwicklungen gebunden ist, muß er sich darauf einrichten, mit dem größten Teil seiner Anhänger und seiner Institutionen in der Diaspora zu verharren. Hier muß er wirken, hier muß er die nicht leichte Frage beantworten: wie ist eine nationaljüdische Bewegung in der Diaspora möglich? Wir Zionisten sind Realpolitiker. Wir wissen uns von dem hohlen Phrasentum der „patriotischen" Assimilanten ebenso frei, wie von dem blutleeren, konstruierten „Nationalismus" jüdischer Ghetto- und Golusschwärmer, die vom Zionismus nichts wissen wollen, da sie mit ihrer „Jüdischkeit" höchlichst zufrieden sind. In der Diaspora gibt es keine harmonische Erfüllung jüdischer Wünsche und Gedanken, aber dennoch ist — eben aus den Bedingungen der Diaspora heraus — eine nationale Bewegung möglich, wenn sie nach der zukünftigen harmonischen Erfüllung strebt. Es ist uns daher ganz gleichgültig, ob wir im Sinne der Wissenschaft „alle Merkmale eines Volkes" haben. Was uns fehlt, soll ja die Zukunft bringen. Wir sind aber auch nicht zufrieden mit dem, was heute „jüdisch" ist. Dieses Judentum erscheint uns voller Irrtümer, Fehler und Schlacken. Wir wollen ein besseres schaffen, auf dem Boden der eigenen Heimat, die unserem Volkstum normale Lebensbedingungen geben soll. Der Zionismus ist also noch nicht das neue Judentum — er ist der Wille zum neuen Judentum. Dennoch ist er kein rein formales Prinzip. Wäre er dies, hätte er nicht sozusagen materiellen Inhalt, so müßte man freilich bezweifeln, ob eine solche Willensregung lange Zeit hindurch lebendig bleiben könnte. Mit dem Willen zur Neuschöpfung entsteht jedoch sogleich das Neue selbst: in Palästina und in uns. In Palästina wächst das jüdische Leben von Jahr zu Jahr, gewinnt Macht über die Seelen der Gesamtjudenheit, bereichert diese und empfängt von ihr neue Kräfte. Diesen gewaltigen Prozeß der Wechselwirkung unaufhörlich zu steigern, ist die Aufgabe der zionistischen Organisation und diese Aufgabe ist so dankbar, hat soviel positiven Inhalt, daß sie auch bei langsamem Fortschreiten eine wirkliche „Bewegung" Ehe zionistische Organisation erfüllt diese ihre Aufgabe, indem sie an das jüdische Leben der Gegenwart anknüpft, eine Auslese trifft, manche Erscheinung bekämpft und manche Regung fördert Die Pflege der hebräischen Sprache, die Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Geschichte, die Belebung des jüdischen Selbstvertrauens, die Erweckung der Palästinaliebe — all das sind direkte Mittel zur Stärkung unserer Organisation und ihrer Institutionen. Darüber hinaus aber geraten wir bald zu allen jüdischen Fragen der Gegenwart, denn eine jede von ihnen steht in weiterem oder näherem Zusammenhang mit unseren Tendenzen. Nicht nur jenes psychologische Moment also, von dem wir oben sprachen, sondern auch die logische Erkenntnis, daß in fast allen jüdischen Angelegenheiten Teilfragen des Zionismus verborgen sind, zwingt zur Beschäftigung mit dem jüdischen Leben der Diaspora. Sollten sich in einem Nationalitätenstaate wie Oesterreich die Zionisten nicht um das politische und wirtschaftliche Schicksal der jüdischen Massen kümmern? Das ist zur Zionisierung dieser Massen ebenso notwendig, wie die Forderung, den jüdischen Religionsunterricht mit nationalem Geiste zu erfüllen. Wenn jüdische Gemeinden Deutschlands den ausländischen Juden das Wahlrecht kürzen wollen, so müssen die Zionisten dagegen ankämpfen, weil eine solche Auffassung vom Judentum den Einheitsgedanken zerstört, der ein Bollwerk unseres nationalen Daseins ist. Und aus dem gleichen Grunde wie der Trennungsorthodoxie, die an Stelle des jüdischen Volkes dissentierende Sekten setzt, müssen wir dem „Liberalismus" feindlich sein, der das nationale Empfinden untergräbt und durch seine Anlehnung an die religiösen Formen der „Wirtsvölker" zur Auflösung des jüdischen Gemeinschaftsempfindens beiträgt. — In dieser Beschäftigung mit den jüdischen Gegenwartsfragen liegt jedoch — so notwendig sie auch sein mag — eine Gefahr. Es geschieht nicht selten, daß die Hingabe an solche Angelegenheiten die Stärke und Reinheit des zionistischen Empfindens und Handelns beeinträchtigt Es geschieht zuweilen, daß der Zukunftsgedanke, der doch die Veranlassung zur Beschäftigung mit der Gegenwart sein sollte, zurücktritt, und daß die Beschäftigung mit irgend einer Gegenwartsaufgabe, die zuerst nur als Mittel erschien, zum Selbstzweck wird. Auf politischem Gebiet ist diese Gefahr besonders groß, weil das politische Leben mit seinen Erregungen und raschen Wandlungen sehr geeignet ist, den klaren Blick zu trüben und von den ferneren großen Zielen abzulenken. Auch die „Eroberung der Gemeinden" darf nicht alles zionistische Interesse absorbieren, und stets muß mit Strenge darauf geachtet werden, daß nicht lokale, oft rein zufällige Situationen dazu führen, den Zionismus für bestimmte religiöse oder verwaltungstechnische Anschauungen festzulegen. Unaufhörlich müssen wir Zionisten uns selber prüfen, ob wir auch in unserer allgemeinjüdischen Betätigung den zionistischen Standpunkt wahren, stets müssen wir uns vor der Versuchung hüten, Zweck und Mittel zu verwechseln, das heißt, das zionistische Zukunftsideal über der Beschäftigung des Tages zu vergessen. Sonst geraten wir gar bald in jenes berüchtigte Khillejudentum, das sich, ziellos und zwecklos, in öder Kleinigkeitskrämerei gefällt. Allzurasch gleiten die „halben Zionisten" in unzionistische Gedankengänge herab, passen sich der Denkweise des Diasporajudentums an. und suchen sich vor sich selbst mit dem Satze zu verteidigen, daß „alles jüdische doch auch zionistisch ist". Ein gefährlicher Irrtum! Wohl haben wir eingesehen, daß der Zionismus, weil er nicht rasch verwirklicht werden kann, sich dem Leben der Diaspora anbequemen muß, aber zugleich müssen wir begreifen, daß nicht wahllose Förderung alles dessen, was heute jüdisch heißt, von unserem Standpunkt zu billigen ist Jede Gruppe im Judentum nimmt heute für sich in Anspruch, im wahren Sinne „jüdisch" zu sein. Uns aber kommt es nicht auf Worte, sondern auf das Ziel an, dem wir zustreben, und deshalb gilt uns nur das als wahrhaft jüdisch, was die nationale Zukunft unseres Volkes fördert, nicht das, was man da und dort „echt jüdisch" nennt Demnach müssen wir in unserer täglichen Arbeit, die uns ständig mit den jüdischen Tagesfragen in Berührung bringt, stets prüfen, was vom Standpunkt unserer Ziele darüber zu sagen ist Wir erkennen beispielsweise das Gute an, das die Philanthropie für Tausende jüdischer Individuen geleistet hat, aber wir verwerfen ihr System der Zerstreuung der Massen und des Almosengebens, weil es der jüdischen Gesamtheit auf die Dauer nicht nützt, sondern schadet Wir begrüßen alles jüdische Streben auf religiösem, politischem, kulturellem Gebiet, sofern es jüdisches Empfinden, Wissen, Bewußtsein stärkt, weil solche Stärkung in unserem Sinne liegt, aber wir mjessea jede einzelne