Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE IMELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT 1EDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRO. BERLIN, 28. März 1913 vrebib T'Dnn 'X w 11X 2"' Nr. 13. 1XI HAI T. R L-: Goluspolitik — WELTCHRONIK - M.USSISCHKIN: Zionistische Palästinaarbeit — P ALÄSTINA- L 1 * RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG - LITERARISCHE RUNDSCHAU — SPRECHSAAL — GESCHÄFTLICHE NACHRICHTEN — Mitteilungen des Hauptbureaus des Jüdischen National-Fonds — INSERATE GOLUSPOLITIK Die zionistische Bewegung ist in entscheidender Weise durch die immer weiter um sich greifende Erkenntnis beeinflußt worden, daß die Verwirklichung des zionistischen Programms nicht durch einen jähen Akt vollzogen werden kann, sondern sich als ein alhnählich fortschreitender Entwicklungsprozeß darstellt, dessen einzelne Phasen sich nicht mit Bestimmtheit Voraussagen lassen. Wenn auch diese organische Auffassung vom Wesen des Zionismus stets vorhanden war, so herrschte doch in den Köpfen der jüngeren Zionisten, die sich nach dem Auftreten Herzls der Bewegung anschlossen, um die Mitte der neunziger Jahre und bis in unsere Tage hinein, vielfach die romantische Vorstellung von einer raschen, in wenigen Jahren zu vollendenden Umgestaltung der Judenheit und des Judenlandes. Tag für Tag harrte man großer Ereignisse, wichtiger Entscheidungen, in deren Gefolge sich „die Massen in Bewegung setzen" sollten, um, geschützt durch die rechtliche Sicherung ihrer Tätigkeit, in größtem Maßstabe die Kolonisation Palästinas zu beginnen. Diese Auffassung mußte allmählich einer realeren Betrachtung der in Frage stehenden politischen und wirtschaftlichen Probleme weichen. Man sah ein, daß die Renaissance eines Volkes sich nicht so einfach und geradlinig herbeiführen läßt. Die Erkenntnis brach sich Bahn, daß nicht der „Charter", sondern nur die mühsame Arbeit im Lande selbst Palästina wiederum zur Heimat des jüdischen Volkes machen kann. Damit trat diese Arbeit immer mehr in den Vordergrund, und die diplomatischen Bemühungen wurden nicht mehr als Vorbereitung eines großen, endgültig entscheidenden politischen Erfolges betrachtet, sondern als ständig notwendige Ergänzung der praktischen Arbeit, die im Rahmen allgemein-politischer Erwägungen geleitet und durch politische Schritte nach Möglichkeit erleichtert und gefördert werden muß. — Diese innere Wandlung des Zionismus bewirkte aber auch eine Veränderung in der Betrachtung der allgemeinjüdischen Angelegenheiten der Diaspora. In jenem ersten Stadium des Ueberschwanges erschienen alle jüdischen Fragen, die nicht ganz direkt mit der zionistischen Bewegung im Zusammenhang standen, als nebensächlich, weil ja das neue, das völlig umgestaltete palästinensische Judentum mit der Gegenwart, die in raschestem Tempo überwunden werden sollte, gar nichts zu tun haben würde. Als sich aber herausstellte, daß man das Tempo der Bewegung überschätzt hatte, als man sich auf eine langsame Entwicklung vorbereiten mußte, tauchte das Golusproblem auf, die schwere Frage, wie sich der Zionismus zum Gegenwartsjudentum der Diaspora verhalten sollte. H e r z 1 gab bereits die Parole von der Eroberung der Gemeindestuben aus und seitdem haben die Zionisten mehr und mehr begonnen, dem Judentum der Gegenwart ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Diese Entwicklung war notwendig. Haben wir einmal erkannt, daß die Besiedlung Palästinas — auch unter den besten politischen Bedingungen — ein langsamer, allmählich sich entwickelnder Prozeß ist, der immer nur einen Bruchteil des Volkes hinüberführen kann, so erhebt sich die Frage, was aus den Zurückbleibenden werden soll, ob und wie die Zionisten sich mit den jüdischen Tagesfragen zu beschäftigen haben und wie der Zionismus, der keine jähe Erfüllung unserer Hoffnungen verheißt, entwickelt und propagiert werden muß. Es ist an sich kein logisches Gebot, daß die Zionisten zu allen jüdischen Gegenwartsfragen Stellung zu nehmen haben. Der Zionismus ist ja die Negation der Diaspora und damit vieler Erscheinungen des heutigen jüdischen Lebens. Er strebt eine so völlige Umwandlung des Judentums an, daß viele jüdische Tagesfragen für ihn belanglos sind. Einzelheiten des religiösen Lebens, philanthropische Maßnahmen, Fragen der Gemeindeverwaltung etc. berühren die zionistische Auffassung oft gar nicht. Dennoch ist es eine psychologische Notwendigkeit, daß gerade die Zionisten am jüdischen Leben der Diaspora kräftigen Anteil nehmen. Die Beschäftigung mit der Judenfrage im allgemeinen muß die Zionisten auch zur Betrachtung der jüdischen Gemeindefragen hinlenken; das zionistische Streben, Juden und Judentum zu verstehen und in bestimmter Richtung zu beeinflussen, muß auch das Interesse für Einzelfragen wecken, die nicht im direkten Zusammenhang mit der Realisierung unseres Programmes stehen.