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Die Welt · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 12 der aus seiner sonnigen Heimat nach dem frostig-rauhen Norden verschlagen wird. Marko' Baruch war von Natur ein Aufwiegler, ein Aufrührer, gleichsam ein heimlicher Bannerträger des Zionismus. Wenn es nach ihm gegangen wäre, so hätte er gleich bulgarischen oder mazedonischen Bandenführern eine Bande befehligt. Seine Lieblingshelden waren gewaltige Partisanen, ein Bar Kochba, ein Garibaldi. Er sah in dem Zionismus eine plötzliche, katastrophale Befreiungstat: „Geulah" bedeutete für Marko Baruch nicht etwa eine allmähliche Ablösung einzelner Dunam des heiligen Bodens, sondern die energische Rückkehr zu einem Besitz Kraft des Rechtes. Seinem gewaltigen Temperament bedeutete die Zeit nichts, zu Palästina hätte er ein Verhältnis, als hätte man ihn daraus erst gestern vertrieben, als hätten die Juden soeben erst ihre staatliche Existenz eingebüßt; in seiner Phantasie irrte er in den Klüften des judäischen Gebirges umher, kämpfte er für die Befreiung des Vaterlandes. Er schnob Rache, und hierin liegt die Erklärung, warum er von wahnwitzigen Verschwörungsplänen erfüllt war. Nämlich: wir anderen, die wir von jener Zeit durch die 2000jährige Periode der Verbannung getrennt sind, w i r treiben eine stille, bescheidene Propaganda, wir nehmen noch sozusagen Unterricht in der geschichtlichen Erinnerung, wir festigen unser historisches Gedächtnis und verknüpfen uns langsam, nach und nach, mit der alten Heimat, deren Umrisse wir Strich um Strich kennen lernen und erkennen. Ganz anders dagegen Marko Baruch! Er empfindet das alles lebendig, unmittelbar, als wäre das alles soeben erst passiert. Was kann es also zwischen ihm und uns noch Gemeinsames geben? Was konnte seine Vergelterpsyche von unseren friedfertigen Organisationen verstehen? Unsere Bedächtigkeit, unser Parlamentarismus schien ihm nur störend zu wirken, schien ihm die Sache selbst nur zu hemmen. Nur bei tieferem Eindringen in seine eigenartige Verschwörerpsychologie wird es verständlich, wenn er sich voll Stolz seiner sieben Abonnenten rühmt. Für eine Partei ist dies eine lächerliche Zahl, aber für ein geheimes Konventikel, für einen Verschwörerausschuß, für einen Bandenchef vollkommen ausreichend. Und so sehen wir ihn — einen tragischen Unzeitgemäßen — durch Basels Straßen schlendern, ohne daß er einen Deut von allem verstünde, was um ihn her geschieht. In den Augen der kompakten Majorität, der Kongreßbesucher und der Delegierten ist er nicht mehr als ein Sonderling, ein Original, ein interessanter, verschrobener Anarchist. Man weist auf ihn mit dem Finger, man beglotzt ihn mit derselben Neugierde wie einen, der zu Fuß die Erde durchwandert hat oder wie einen Schwertschlucker. Er seinerseits betrachtet die Leiter des Kongresses und die gewöhnlichen Delegierten fast wie Verräter. Ach! alF diese Leute auf den Weg der Wahrheit zurückzuführen, ihnen ihre Verirrungen klar zu machen! Und dabei hat Marko Baruch nicht einmal Zutritt in den Saal des 2. Kongresses, da er kein Mandat noch Vollmacht besitzt. Er wartet das Ende der Sitzung ab, er hält das Publikum am Ausgang fest und hält vor ihm eine flammende Rede. Man hört ihn zwar an — wie konnte man anders! — aber im Geheimen lacht man ihn aus, schüttelt den Kopf über ihn. Herzl, dem Künstler, der schöne Sachen liebte, war Marko Baruch lieb und wert, wie ein leuchtendes Schmuckstück des Orients, er stand ihm nah und war ihm teuer. Er hätte über Baruch eines seiner glänzenden. Wie aus Filigran gewirkten Feuilletons schreiben können, aber als politischer Führer, als Schöpfer einer friedlichen Organisation konnte er sich nicht an der Seite dieses Menschen zeigen, der doch mit jeder Geste, mit jedem seiner Blicke die Ordnung und die 381 Disziplin gefährdete. Stets stand man unter dem Eindruck, jetzt, in diesem Augenblick, bringt der Mann irgend etwas zu Falle, zum Einstürzen, zur Vernichtung — er schien eine wandelnde Bombe, die personifizierte Revolution zu sein. Seine Rede verletzte, denn sie sauste einher gleich einem heißen Wüstensturm, ihn selbst einäschernd und die Zuhörer in Brand setzend. So empfand man vor ihm eine instinktmäßige Scheu wie vor einem geistigen Brandstifter. Das von ihm während seiner freiwilligen Teilnahme am griechisch-türkischen Kriege aufgezeichnete und in der italienischen Revue „J1 Vessilio Israelitico“ abgedruckte Tagebuch wird verschiedentlich von französischen Versen unterbrochen. Seine stürmische Seele findet keinen Raum mehr in ruhiger Prosa, sie sucht sich Luft in abgerissenen, dahinrollenden Rhythmen. Diese Verse sind dem Zionismus geweiht, wie er ihn verstand, und sie enthalten den Schlüssel zum Verständnis seiner eigentümlichen Geistesart: Ruhm und Ehre unseren jüdischen Ahnen, Dreifach Ruhm und Ehre unserer Rasse, Ruhm den Makkabäern, unseren Vorfahren, Unserer Ueberlieferung Bewahrern! Ehre sei auch unser aller Kindern, Eines Tages unseres Volkes Kämpfern! Als Soldaten unseres Vaterlandes Werden sie uns Syrien gewinnen! Ja, gewiß, wir werden es erobern Mann für Mann für dieses Land verbluten Gleich den Makkabäern, mutentzündet, Werden wir für unsere Heimat streiten . . . ja gewiß, wir werden dafür sterben Niemals, niemals dieses Land vergessen! Und dann noch andere Verse, in welchen er seinen Eintritt in die Reihen der Freiwilligen begründet: So ist’s. Ich kämpfe für das Land der Griechen Und bin doch keiner. Ich strebe nicht nach Heldenlorbeern. — Doch kann auch ich mein Blut verspritzen, Auf fremdem Kriegspfad meine Sehnsucht stillend. Mein Herz gehört allein dem Volk der Juden, Doch späh' ich eifrig, wie ein schwaches Tierchen Dem grausen Tiger sich entgegenwirft! Marko Baruch konnte damals freilich nicht ahnen, daß fünfzehn Jahre später das schwache Tierchen und der grause Tiger ihre Rollen vertauschen würden. Lebte er heute, er würde gewiß keinen Augenblick schwanken, welcher Seite er seine Sympathien zuwenden sollte, aber damals widmete er seine Verse Ricciotti Garibaldi, rühmte die Kreter und apostrophierte die griechische Armee. Brüder! laßt uns rufen: Zito polemos! Die Natur versieht mit weiser Voraussicht Menschen einer bestimmten Epoche mit dem ihr eigenen Temperament —- so und so viel davon den Zeitgenossen des XVII. Säkulums, so und so viel denen des XVIII. Aber bisweilen schleicht sich dann doch ein Irrtum ein, es entsteht ein Durcheinander und dann verleiht sie dem Menschen des — sagen wir — des XVIII. Jahrhunderts ein Temperament aus dem XVII. Das war so recht der Fall bei Marko Baruch. Zu jeder anderen Zeit hätte er ganze Scharen, breite Massen durch die Gewalt seiner feurigen, begeisterten Rede fortgerissen; aber wie durch ein Mißverständnis ward er in eine falsche Zeit hineingezwängt und so erschien er überflüssig. Für viele war er ein bloßer Abenteurer oder ein jämmerlicher Schwärmer. DIE2§elt

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