Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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380 DIE^ELT Nr. 12 FEUILLETON □ □□□□□ )| o Marko Baruch, ein Romantiker des Zionismus Von Sch. Gorelik. Das Volk bewahrt nur solche Heroen im Gedächtnis, die für das Volk Taten vollbracht haben. Dagegen hat es keine Zeit, jener zu gedenken, die — sie mögen noch so originell, tiefschürfend, noch so glänzenden Geistes sein — infolge ihrer eigenartigen geistigen Veranlagung keine „Taten“ für ihr Volk verrichten konnten. Mit diesen letzteren sich zu beschäftigen, bleibt der Geschichte überlassen, der Literatur und der Kunst. Es ist die Pflicht des Schriftstellers, des Künstlers, dafür zu sorgen, daß keiner verloren geht. Wir können und müssen sogar hoffen, daß einmal der Augenblick kommen wird, da auch das Volk sich Zeit für ein solches Gedenken nehmen wird, und dann ist es allerdings von Wichtigkeit, daß aus dem Nebel der Vergangenheit nicht bloß die Gestalten der erfolgreichen, sondern auch die der rühmlosen Helden emportauchen — all' jener Phantasten, Utopisten und Sonderlinge, all' jener, die in den hochlodemden Flammen der eigenen Leidenschaft zugrunde gehen mußten. Gerade das erste romantische Stadium jeder geistigen Bewegung pflegt eine Fülle von solchen Menschen hervorzubringen; es ist weiter nicht verwunderlich, daß auch die jüdisch-nationale Bewegung, der Zionismus, sie aufweist. Aber — das muß gesagt werden — man interessiert sich für derlei Menschen bei uns herzlich wenig. Ob nur deshalb, weil wir mit anderen Dingen zu sehr beschäftigt, oder weil wir zu rationalistisch veranlagt sind, oder aus anderen Gründen — ich will es unentschieden lassen. Aber dies eine gilt mir als sicher: wenn die Periode des romantischen Zionismus längst abgetan sein wird, dann wird es unumgänglich sein, seiner Romantiker zu gedenken. Mein Heros aber, der nun schon eine geraume Weile meine Gedanken erfüllt, der glanzvolle, strahlend inspirierte, fast schmerzlich-tragische Marko Baruch war ein Romantiker y.a~ zqoyrp, originell und in seiner Art einzig. Mag es mir denn vergönnt sein, mit wenigen Strichen das Bild dieses merkwürdigen Mannes zu zeichnen, dieses Menschen, der meteorgleich aufleuchtete — ein unbegreifliches Phänomen für die einen, und eine bezaubernde, von einer Aureole der Legende umgebene Erscheinung für die anderen. Ich will von Marko Baruch sprechen, der einsam, von niemand verstanden, lebte und einsam in Florenz starb, irgendwo auf einer Straße in einem entlegenen Gassenwinkel — vor der Wohnung seiner Angebeteten. Heute will ich ja nicht die Geschichte seines Lebens berichten, will nicht seine Biographie schreiben, sondern ich erzähle von ihm, wie von einer plötzlich aufgetauchten, blendenden Erscheinung. Mag sein, daß es bei einiger Anstrengung gelingen könnte, seine „Personalien“, seine „Herkunft“ mit peinlicher Genauigkeit festzustellen. Aber seine eigenartige Individualität verlangt gerade das entgegengesetzte Verfahren; man soll nicht in seinen Lebensdaten herumstöbem und darin wühlen — es ist unwesentlich, daß wir seine Vergangenheit Punkt für Punkt kennen — mag sie im Schatten geborgen sein. Er kam von irgendwoher — aus Aegypten oder aus Saloniki oder vielleicht auch aus Algier. Er kam plötzlich, wie er plötzlich verschwand. Von diesem vorbeileuchtenden Kometen will ich sprechen, der einige dunkle Winkel unseres Lebens scharf erhellt hat, von seinem wiederholten, aber wie zufälligen und unerwarteten Auftauchen. Er tauchte auf und schwand, indem er durch alle Länder die Stürme seiner Beredsamkeit sandte. Das erste Auftreten Marko Baruchs vor den Berliner Studenten geschah in den Jahren 1894/95. In einer von ihm einberufenen Versammlung sprach er lange und voll Begeisterung; ganz und gar nicht wie ein Parlamentsredner; er sprach in einem förmlichen Wirbel von Gesten — seine hysterischen Exklamationen und das Uebermali seiner Leidenschaft waren dem Geschmacke Westeuropas fremd. Er übte Kritik an den damals (noch vor Herzl) üblichen Methoden der Propaganda und forderte (ein Sektierer fordert stets!) die Wiederaufnahme der Bilubewegung, welche er allerdings noch kriegerischer wünschte. In den Berliner Kreisen war man, bei aller pflichtschuldigen Anerkennung des Idealismus der Bilu, von seinem Auftreten sehr enttäuscht, da Marko Baruchs Ansprachen ganz außer acht ließen, daß er vor jungen Akademikern und nicht etwa vor einer Garibaldianer- Kompagnie in roten Hemden sprach. Selbstredend identifizierte man sich nicht mit ihm, aber man hörte ihm atemlos und mit klopfenden Pulsen zu — denn so hatte noch keiner gesprochen. Er machte einen gewaltigen Eindruck. Ein Mann grandioser Projekte (er hatte stets nur „Projekte“, niemals konkrete Vorschläge, wie sie ein echter Konspirator hat!) war er zugleich naiv wie ein Kind und wollte durchaus nicht begreifen, daß man ein „Organ“ nicht recht ernst nehmen konnte, das ganze sieben Abonnenten — genau soviel zählte nämlich seine algerische Zeitschrift — besaß. Er war voll Feuer, Gesundheit und Schönheit in den ersten Zeiten seiner Wirksamkeit. Die ihn kannten, wissen von dieser Schönheit viel zu erzählen. Betrachte ich genau seine vor mir liegende Photographie, so frappiert mich der Kontrast zwischen seinem vertrauensvollen, hellen, ja strahlenden Lächeln, und dem scharfkantigen, energischen Sektiererkinn, das an Savonarola gemahnt. Er ist zugleich ein Kind, das keine Gefahren ahnt, das noch lächelt, während man es über einen Abgrund hält und ein wetterharter Mann, schonungslos, rachsüchtig und blitzschnell in seinen Entschlüssen. Am merkwürdigsten sind allerdings seine Augen, jener durchdringende, feurigtiefe Ausdruck seiner Augen, die zu sprechen scheinen: „Du wirst mein Jünger werden, folge mir nach!“ — ln diesen Augen ist Prophetentum, ist Wüste, aber auch Verschwörertum. Das Lächeln jedoch zeugt von der Hilflosigkeit und dem Hilfsbedürfnis des Kindes. Versenke ich mich in dieses Lächeln, so ist mir, als müßte ich ihm gut Zureden: „Lieber Baruch, in welche Weiten willst du streben, geht es nicht über deine Kräfte? Bedenke die Zeit!“ Ich habe eben das Verschwörertum in seinem Gesichtsausdruck erwähnt. Die Sache ist nämlich die, d.i!> ohne dieses kein Zug im Leben und im Schicksal Mark > Baruchs begreiflich wird, es bleibt dann nur noch eine Reihe überraschender aber äußerer Tatsachen übrig, wie beispielsweise seine „Treppenrede“ nach dem zweiten Kongreß, wie sein sinnloses, einsames Irren durch aller Herren Länder, oder daß er den Menschen mit seinen stürmischen Ausbrüchen, mit seinen Beichten zur Last fiel, bei ihnen Geld entlieh, Absinth trank und sich sehnte, daß er an Sehnsucht und am Spleen litt, wie ein Wilder.