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Die Welt · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 12 377 DIE^ELT doch hat dieser wichtigste Punkt des politischen Zionismus noch niemals ein Fiasko erlitten, das diese Anschauung berechtigen würde. Und gerade dieser Punkt, der Chartergedanke, war es, der dem Zionismus das Notwendigste brachte, die Zionisten. Die große Zugkraft, die dieser Gedanke allein schon ausübte, beweist zumindest, daß die große Masse, die sich in verhältnismäßig kurzer Zeit dem Zionismus anschloß, überzeugt war, daß die grundsätzliche Sicherstellung unserer Zukunft und unserer Freizügigkeit im zukünftigen Palästina die Hauptsache wäre, und daß nur unter dieser Voraussetzung an ein Gelingen unserer Endbestrebungen zu denken sei. Der Zionismus hat seit dem Tode Herzls einen Stillstand in der Zahl seiner organisierten Anhänger erfahren. Mit dem Tode Herzls und der Kluft, die die Ugandafrage heraufbeschworen hatte, war ein gewisser Rückgang unvermeidlich verknüpft. Der Kampf der praktischen Zionisten gegen den politischen Zionismus Herzls drängte zu einer Aenderung in der Leitung, und die späteren Umwälzungen in der Türkei ließen namentlich die Zionisten Rußlands" und des Ostens zu der Ansicht kommen, daß unter den geänderten Umständen die Mittel nicht mehr genügten und zu neuen Mitteln gegriffen werden müßte: zur intensiveren praktischen Arbeit im größten Ausmaße und. der Erreichung einer wirtschaftlichen Position in Palästina. Aber nur ein großzügiger Zionismus konnte und kann Massen begeistern, da die Masse als solche in ihm ihre Erlösung erhofft. Die physisch notleidenden Juden können mehr noch durch die Verheißung einer freien Zukunft als durch kleinliche Teilerfolge herangezogen werden, die nicht immer Erfolge sind. Und die moralisch Notleidenden haben ihr Selbstbewußtsein im Zionismus nicht allein in der Schaffung einer Kolonie gefunden, sondern in der Größe des Ideals, das ihnen den Stolz auf ihre Vergangenheit und die große Hoffnung für ihre Zukunft gegeben hat. Man hat von dem neuen Begriff zionistischer Politik gesprochen, die allein in der wirtschaftlichen Durchdringung unseres erstrebten Landes bestehen soll. Diese Ansicht über politische Tätigkeit mag wohl für die Großstaaten Europas die richtige sein, die für die durchdrungenen Gebiete die nötigen Sicherungen selbst beschaffen. Sie ist aber gänzlich unrichtig für uns selbst, weil wir in keiner Beziehung die Möglichkeit haben, das Erworbene zu schützen, wenn wir die nötigen Grundlagen dafür nicht vorher beschafft haben. Es ist möglich, daß diese Art Politik heute die unsere sein muß, da wir leider niemand in der Führung haben, der sie anders ausführen könnte. Und da diejenigen, deren Fähigkeiten gerade auf diesem Gebiete liegen, systematisch abgestoßen werden. Wir Zionisten müssen als politische Zionisten auch damit rechnen, daß die Türkei, die in Europa ihre Besitzungen verlieren mußte und unter der Vormundschaft Europas steht, nicht die Stärke hat, ihre asiatischen Besitztümer gegen jeden Angriff zu verteidigen, und müssen für alle Fälle gerüstet sein. Wir haben im Gegensatz zu den Aeußerungen der Leitung in der „Welt“ wohl schon heute dafür zu sorgen, welche Rechte die Juden Palästinas in fünfzig Jahren haben werden, weil wir nicht für heute allein arbeiten und unsere Arbeit wertlos wäre, wenn wir sie für einen Tag aufbauen würden. Die Umstände, die seinerzeit vielleicht den Verzicht auf die Charteridee und die Konzessionspolitik begründet haben, sind heute nicht vorhanden. Die Lage der Türkei und die Interessenerscheinungen Europas zeigen uns ein neues Bild und neue Aussichten, die ausgenutzt werden sollten, um Erreichbares zu erlangen. Je weiter uns die Fäden entgleiten, die uns früher stets mit den kompetenten Stellen verbanden, desto schwerer wird es uns sein, die Verbindungen wieder aufzunehmen. Die praktische Betätigung hat uns eine Reiheneuer Institutionen gebracht. Es ist nicht Aufgabe der zionistischen Bewegung als solcher, praktisch zu arbeiten und alle Versuche, die von uns direkt ausgingen, hatten nur wenig Erfolg zeitigen können, weil unsere Mittel nicht groß genug sind und weil die Leitung;m allgemeinen niemals den Einblick in die Rentabilität einzelner Gründungen nehmen kann, der dem Privatunternehmer leicht ist. Die Bewegung als solche hat nur die Führerin zu sein, sie hat grundlegende Arbeit zu verrichten, bahnbrechend zu wirken, aber sich nicht in kleinliche Arbeiten zu verlieren, die mehr schaden als nützen können, wenn sie nicht mustergültig gedeihen. Vorläufig sind wir in unserer praktischen Tätigkeit auf die kapitalsreicheren Juden angewiesen. Die Judenheit, die von der Auswanderungsnot am meisten getroffen wird, hat im heutigen Palästina noch keinen 'laum. Die zionistische Organisation hat es sich deshalb angelegen sein lassen, die Einwanderung der jemenitischen Juden zu erleichtern und mit ihnen die empfindliche Lücke an jüdischem Arbeitermaterial auszufüllen. So sehr ich dies im Interesse der palästinensischen Kolonisation begrüße, turnen vir doch alle, daß dies nur eine vorläufige Maßregel ist, daß vir aber unser Hauptgewicht darauf verlegen müssen, auch in dieser Beziehung die Grundlage zu schaffen für die Seßhaftmachung unseres ostjüdischen Proletariats. Die Schaffung unserer Kulturinstitutionen darf keine sprunghafte sein, wenn sie keine ungesunde werden soll. Es wäre von ganzem Herzen zu begrüßen, wenn in den Kolonien und in den Städten Volksschulen geschaffen werden, um in unserer Sprache elementare Bildung zu verbreiten. Bei der heutigen ungenügenden jüdischen Bevölkerung und den materiellen Schwierigkeiten, ist mit unseren Gymnasien in Jaffa und Jerusalem dem Mittelschulbedürfnis vollständig genügt. Die zu gründende Hochschule wäre der vorläufige Abschluß, und es dürfte nicht weiter gegangen werden. Von größter Wichtigkeit für die Fortentwicklung der zionistischen Bewegung könnten zwei Fraktionen im Zionismus werden, deren Größe noch lange nicht ihrer Bedeutung entspricht: Misrachi und Poale Zion. Der Zionismus in seinen organisierten Anhängern umfaßt heute einen kleinen Bruchteil der Judenheit und beschäftigt sich aufs intensivste mit der Arbeit in Palästina. Weit wichtiger noch wie diese ist, wie Nordau sagte: „Die Zionisierung der Judenheit“, an der wir unabänderlich zu arbeiten haben, trotz aller Schwierigkeiten. Der Zionismus muß sich vielleicht für den Moment damit begnügen, Kleinarbeit in Palästina zu leisten, aber sein Ideal ist das nicht. Sein Ideal ist die Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes im jüdischen Lande auf öffentlich-rechtlich gesicherter Basis, und nur auf dieser. Das Referat wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Das Wort erhält nun Herr Blumenfeld. Seine Aufgabe sei, über die Arbeitsleistung der Berliner Leitung und über die Propagandatätigkeit Aufschlüsse zu geben. Das Judentum müsse sich den jetzigen Verhältnissen, die übermächtig zur Assimilation hindrängen, entwurzeln und sich nationalisieren. Dies sei die Hauptaufgabe der Propaganda. Herr Torczyner sei im Irrtum, wenn er behauptet, daß der Charter- Gedanke Herzls dem Zionismus die Scharen der Anhänger zugeführt habe. Man werde Zionist, weil das jüdische Individuum sich unter den heutigen Verhältnissen nicht wohlfühle, weil man geistig bedrängt sei. Der Zionismus habe werbend gewirkt, weil er bei der Judenheit die Liebe zum eigenen Geschick erweckt habe. Der Einheitsgedanke habe die Massen zusammengeschlossen. Der Erfolg Herzls liege eben in der Organisierung des Nationalgedankens. Diese Ideen vertiefen den Zionismus, und nicht der Chartergedanke. Die Erfolge der neuen Agitation seien gut. Es sei absolut falsch, wenn der jetzigen Leitung der Vorwurf gemacht werde, sie wolle nicht politisch tätig sein. Es werde vielmehr fortgesetzt politisch gearbeitet. In jedem Falle könne die Leitung es nicht billigen, wenn politische Tätigkeit angestrebt werde, mit Ausschließung des E. A. C. Vertiefung des Zionismus bestehe darin, daß den Juden die Ueberzeugung beigebracht werde, daß sie die letzten Konsequenzen aus sich selbst heraus zu ziehen haben. Papierene Garantien dürfen nicht überschätzt werden. Nur tatsächliche Besitzergreifung des Bodens gebe Machttitel. Dazu sei ein seßhafter Bauernstand vonnöten. Wo eine Mehrheit des Bauernstandes existiere, sei das Volk nicht ausrottbar. Die „Groß-Kolonisation“ berge neben den großen Kosten und Mühen die Gefahr, daß alles mit einem Male aufs Spiel gesetzt werde. Auch seien die Bedingungen zur Seßhaftmachung einer großen Anzahl Kolonisten noch nicht geschaffen. Dies sei eben nur im Wege der Kleinkolonisation möglich. Ein jeder Zionist müsse danach streben, nach Palästina zu gehen, und dort zu arbeiten. Vorderhand sei die Kolonisation nur kapitalistisch möglich, das Genossenschaftswesen könne sich erst später daraus entwickeln. Die beste Agitation in Westeuropa sei, wenn es gelinge, bemittelte junge Leute nach Palästina hinzuschaffen. Von Deutschland aus seien im letzten Jahre 12 junge Leute hingegangen. Auch das sei ein eklatanter Erfolg der Propaganda in Deutschland. Auch die Ansicht, daß man auf gewisse Garantien hin Kapital geliehen bekäme, sei ein Irrtum. Nur die Zionisten werden das Geld aufbringen. Es darf kein Götzenkult von Personen getrieben werden. „P rogramme sollen herrschen und nicht Persone n." An die Aufrechterhaltung der Organisation sollte man hauptsächlich denken. Nicht alle Juden können Zionisten sein. Der Zionismus solle nur eine Auslese der Besten im Judentum vereinen, solche, die sich selbst verpflichtet fühlen, für die Nation zu streiten. Man solle also von keiner Stagnation reden, das Gegenteil sei der Fall, es werden überall Fortschritte gemacht. Auch der Hebräismus nehme daran teil. Man müsse die Lage nicht schlechter darstellen als sie sei. Er verlange Sachlichkeit und Unparteilichkeit, wenn schon kritisiert werden solle, aber vor allen Dingen Vertrauen. Herr Jean Fischer: Wir können neunzig Prozent von dem, was Herr Blumenfeld vom Zionismus und von der Art der Propaganda gesagt hat, unter-

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