Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 diesqKlt uns im Getriebe des Tages zu umfangen droht, ist nur für den rüdeschauenden, sich orientierenden Blick vorhanden. Und über all der dumpf-verdinglichten Welt der Denkbegriffe steht das Leben, und allen trägen Gleichgültigen und allen vornehm lächelnden Skeptikern zum Trotz brennt in uns die uralte Sehnsucht des Menschen, der Eros, diese Wirklichkeit, das Leben zu ergreifen, festzuhalten und zu beherrschen, in seinen letzten Gründen es kennen zu lernen, in seinen letzten Zusammenhängen es zu erleben. Es zu erleben und es zu leben diese letzte, urjüdische Forderung wird erhoben. Aus dem Denken kommen wir wohl zu einem System, zu einer Orientierung, aus dem Erleben kommt aber der Wille, die Tat. Und das Umformende in unserem Leben ist nicht das Denken, sondern das Tiefere, Urgründliche in uns: das Gefühl, der Wille.* (Es mag viel lyrischer Subjektivismus, viel Rednerkunst, viel Pathos darin stecken; wann war es nicht da in den Zeiten gärenden Uebergangs, da ein Volk sich seiner Trägheit entledigen soll, über sich hinauswachsen soll?) Die Weltgeschichte aber ist ein ungeheurer Prozeß, in deren Zusammenhänge wir uns hineinfügen; denn jede Tat in unserer Gegenwart trägt die ganze Vergangenheit zusammengedrängt in sich. Wir leben ja alle als Glied einer höheren Einheit, eines weiteren Lebenskreises; diese höheren Abstraktionen sind aber nicht bloße Summe oder Abstraktion aus den Vielen, sondern über den Vielen wirklich und wirksam; wir fühlen uns von einer Kraft getragen, die größer ist als wir und die über uns hinausschwingt, wir fühlen uns frei im Dienste einer höheren Ordnung, Organe überindividueller, geschichtlicher Kräfte. Und so ergeht die Fichtesche Forderung: im Leben hier, im Diesseits, in der Zeit der Ewigkeit zu finden durch Einstellen in diesen beständig quellenden Prozeß der Zeit, in die höheren Lebenszusammenhänge, die uns gebildet haben und uns fortleben lassen in der Gesamtheit der Menschen, die unter einem „besondern Gesetze der Entwicklung des Göttlichen stehen“ (Fichte), eine „Geste des Weltgeistes“ (Joel) bilden. Das Leben aber selbst ist etwas Transzendentes, ist ständiges lebendiges schöpferisches Wachsen, über sich Hinausgehen. „In dem Gegenwärtigen kann mein Gemüt nicht Platz fassen, noch einen Augenblick ruhen; nach dem Künftigen und Besseren strömt unaufhaltsam hin mein ganzes Leben. Es ertönt unwiderstehlich in meinem Innern: So kann es unmöglich bleiben sollen; es muß, o, es muß alles anders, und besser werden.“ (Fichte.) Leben heißt um eines Ideales willen Neues schaffen. Ich will nicht behaupten, daß sich diese Sätze alle in den Werken der zwei Philosophen finden, aber ich glaube doch ein ungefähres Bild gegeben zu haben von der Stellung dieser zwei Männer zur Welt, die unserer Stellung so sehr gleicht. Ich weiß nicht, ob dies so ohne weiteres klar ist, glaube es aber annehmen zu dürfen, daß jedem der obigen Sätze einer in der zionistischen Terminologie gedacht entgegengestellt werden könnte. Wir sind Bergson und Joel dankbar, daß sie uns eine Philosophie gegeben haben, die man nur hat, wenn man sie lebt, die alles Starre, Tote in lebendige gestaltende Werdereihen auflöst, für die es nichts Fertiges gibt, sondern alles Weg ist, Aufgabe für uns, immer vollkommener zu werden, immer höher über uns zu wachsen. Eine Philosophie der „gesteigerten Kraft zum Tun und zum Leben“. .. . Ich habe gesagt, ich weiß nichts von dem Verhältnis beider Philosophen zu der Gemeinschaft ihres Blutes, zu der alten Heimat ihres Geistes; aber Joel schließt sein Vorwort zu „Seele und Welt“: „Und dennoch, obgleich er sich so dankbar von unserer Zeit getragen fühlt, daß 371 dieses Buch als ein Ausdruck ihrer Stimmung und Bewegung erscheinen kann, weiß doch der Verfasser sich heute nirgendwo ganz zu Hause und fühlt bisweilen etwas vom Grauen der Einsamkeit . . . Wir suchenden Menschen der Zeit fühlen doch alle im letzten Grunde uns noch einem hohem Gericht verantwortlich als den Menschen der Zeit.“ Unsere geehrten Abonnenten, deren Bezugszeit am 31. März 1913 abläuft, bitten wir, die Abonnementsemeuerung unverzüglich vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Den Beziehern in Deutschland und Oesterreich-Ungarn haben wir Zahlkarten bzw. Posterlagscheine zugehen lassen, die wir zur kostenlosen Ueberweisung der Abonnementsbeträge zu benutzen bitten. 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