Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316586--57236-3375688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 12 DIE2§KELT 370 daten, und da wurden zahlreiche Juden ernannt. Bald wurde aber diese Laufbahn von Christen besetzt und seither herrscht die Willkür des jeweiligen Leiters des Unterrichtsressorts. Gar oft waren dies Persönlichkeiten, die Juden prinzipiell nicht ernannten, oder nur um den Preis ihrer Taufe, und zwar mit der Motivierung, daß der Staat selbst die christlichen Lehramtskandidaten nicht alle anzustellen vermag, die Juden demnach kein Recht haben, mit solchen Forderungen hervorzutreten . . . Neuestens zeigt sich die gleiche Erscheinung im Veterinärwesen, das im Jahre 1900 verstaatlicht wurde. Bis zu dieser Zeit konnten sich zahlreiche Juden unbehindert dieser Laufbahn widmen, seither aber ernennt der Leiter des Veterinärwesens prinzipiell keinen Juden. Dies hatte zur Folge, daß sich im laufenden Schuljahre nur ein einziger Jude als Hörer des ersten Jahrganges der Tierärztlichen Hochschule zu Budapest inskribieren ließ, während diese Hochschule früher mehrere Hundert jüdische Hörer hatte . . . Ohne eine rechtliche Beschränkung der Juden, ohne Gesetze und Verordnungen, ohne Prozentnorm, nur durch die Verwaltungspraxis wird also eine empfindliche Zurückdrängung der Juden bewirkt. Jüdische Philosophen Von Hans Kohn, Prag. Man hat uns Juden oft vorgeworfen, uns fehle der Sinn für den Idealismus, für das Erschauen von Weltbildern, die mit der Zweckmäßigkeit des Alltags, mit der — wie es Sombart nennt — Zielstrebigkeit nichts Gemeinsames haben. Demgegenüber ist bereits darauf hingewiesen worden, daß unter den in Deutschland führenden philosophischen Geistern so viele Juden sind: Hermann Cohen, Cassirer, Husserl, Simmel, Nelson, Joel, Bergson. Aber wir können noch weiter gehen: wenn wir zugeben müssen, daß Juden, wenn auch nicht zu den führenden Geistern, so doch zu den lautesten Anhängern und hitzigsten Vorkämpfern der materialistischen Bewegung gezählt haben, so stehen auch heute in den ersten Reihen des neuerwachten Idealismus, ja diesmal sogar als schöpferisch-originelle Führer, Juden. Man möge dies nicht etwa abtun mit den Worten, es sei eben der Stellung des Juden als Literaten entsprechend, alle Modekrankheiten Europas durchzumachen; gerade aus der Spannung unserer seelischen Lage, die uns so überaus empfindsam macht, spüren wir die Bewegungen der geistigen Welt früher, spüren sie mit stärkerer Intensität; und je tiefer wir eben früher in die Oede des Materialismus tauchten, um so heftiger ist heute unsere Umkehr, unsere Sehnsucht nach Bereicherung und Befriedigung, nach Erfüllung unseres Sinnes. Der Zionismus ist der Ausdruck für den Emst unseres Sehnens. Diese tief an alle Wurzeln unseres Wesens rührende Erregung, die für uns eine Umwertung aller Werte zur Folge hatte, ein Anknüpfenwollen an uraltes Schaffen, das plötzlich, wie für das deutsche Volk vor 100 Jahren, neues Leben bekam, und andererseits ein ungestümes Drängen nach neuem unerhörtem Schaffen, nach ganz neuer Schönheit des Lebens, gab uns das Gefühl, in einem Uebergange, in einer wichtigen Entscheidung zu stehen, in einer Stunde, die Großes gebären muß, wie das deutsche Volk vor 100 Jahren sie durchlebt hat. Die Romantik, die Gefühlserregung, schenkte dem deutschen Volke erst wieder sein nationales Leben, sie entdeckte ihm die alten Sagen und Märchen, den alten Stolz und die alte Einheit; und die Glut der Freiheitskriege und die nachkantische idealistische Philosophie gehen Hand in Hand, aus unerklärlicher gemeinsamer Wurzel geboren, sich (außer in Fichte) kaum berührend, und doch voll der gleichen himmelstürmenden Stimmung, der Ahnung künftiger Größe. Und als die Hoffnungen brachen, kam der Materialismus und der snobistisch tändelnde Modepessimismus. Heute scheint auch in Deutschland wieder wie in ganz Europa ein neuer Idealismus immer stärker sich zu entfalten, wie zur Zeit der Romantik noch ein Gemeingut weniger, ohne die Erregung in die tieferen, insbesondere die Arbeiterschichten zu tragen, ohne dem Sozialismus noch den religiös-idealistischen Zug zu geben, der ihm eigen war; dieser Idealismus hat auch seine Philosophen gefunden. Und auch der Zionismus, als geistesgeschichtliche Bewegung innerhalb des Judentums in der oben angedeuteten Weise orientiert — hat seine Philosophen unter den Juden gefunden. Ich meine nicht, daß die zwei Männer, an die ich jetzt denke — der Pariser Henri Bergson und der Basler Karl Joel — irgendwie zum Zionismus oder auch nur zum Judentume Stellung genommen haben, sie sind sich wohl auch keinesfalls — Bergson wenigstens sicher nicht — irgendeines tieferen Zusammenhangs mit einer allgemeinen jüdischen Geisteslage bewußt; ich meine auch nicht, daß ihre Lehren trotz mancher Parallelen zum Chassidismus z. B. — übereinstimmen, aber die Stimmung, die Weltanschauung, die aus ihren Werken spricht und die allen ihren einzelnen Gedanken und Ansichten — mit denen wir übereinstimmen mögen oder nicht — zugrunde liegt und vorangeht, ist die gleiche, die viele von uns jungen Zionisten und Juden beseelt, uns zum Zionismus gebracht hat. Denn unser Judentum und unser Menschentum — und das ist wohl eines der tiefsten Worte Bubers — sind unlöslich miteinander verknüpft, und der Zionismus als unsere Heimat im Geiste eine Lösung — oder eine Annäherung zur Lösung — unserer jüdischen wie allmenschlichen Nöte. Ich will nicht näher auf die einzelnen Werke der beiden Denker eingehen. (Die Schriften Bergsons, sein geniales Erstlingswerk „Zeit und Freiheit", seine tiefste Untersuchung „Gedächtnis und Materie" wie die zusammen fassende „Schöpferische Entwicklung" sind, deutsch bei E. Diederichs, Jena erschienen, dort ebenso Joels geistesgeschichtliche Abhandlungen „Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik" und „Nietzsche und die Romantik", wie auch seine eigenen Anschauungen, die er in „Seele und Welt" niedergeleg! hat.) ln ihrer Gesamtheit sind sie ein Protest gegen die Mechanisierung, die kühle entpersönlichende Verdinglichung der Welt; das Leben selbst als schöpferisch bildender Trieb soll auf den Thron erhoben werden. Der Mensch, das Volk, der Weltprozeß ist organisches Wachsen und Werden, ein Prozeß, der in beständigem Ueberschwang über sich selbst emporwächst, das in uns wachsende und sich steigernde Tun ist das Wesen der Welt. Sie betonen die Aktivität des Geistes gegenüber der Materie, in uns lebt eine schöpferische Kraft, die die Materie überwindet, die in dem Königstolze ihres Willens sich ihr Leben schafft; in unserm Geiste ergreifen wir eine höhere Spontaneität, die schöpferisch in die Außenwelt eingreift, sie zu ihrem Werkzeug macht* die siel: nicht von dem Stoffe der Umwelt beherrschen läßt, son dem ihn formt nach ihrer Art, die sich zum Herrn der Umwelt macht. Und wenn der Mensch handelt — und nur im Tun lebt der Mensch wahrhaft — aus dem tiefsten zentralen Kern seines Ichs, in diesen seltsamen Augenblicken, wo er wirklich er selbst ist, handelt er in Freiheit und das graue Spinngewebenetz der Kausalität, da>