Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 369 DIE3^ELT scheu Soldaten geltend machen, die in Montenegro gefangen sind. Der russische Konsul sagte dies zu und tatsächlich sind die jüdischen Gefangenen freigelassen worden. Die hiesige Judenheit hat mit großer Anteilnahme den kürzlich in Paris erfolgten Tod des Herrn Eduard Allat i n i erfahren, eines der Chefs der bekannten Familie Allatini. Getreu den Traditionen seines Hauses, hat der Verstorbene, der an der Spitze großer geschäftlicher Unternehmungen stand, sich stets als ein Wohltäter erwiesen und vielen seiner Mitbürger in Saloniki ihr Fortkommen erleichtert. Die hiesige jüdische Bevölkerung betrauert seinen Tod auf- Galizisch-jüdische Fragen Ein Gespräch mit Adolf Stand (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Das Mitglied des zionistischen Actions-Comites, Herr Adolf Stand, bekanntlich der langjährige Führer der galizischen Zionisten, weilte vorübergehend in Wiem Ihr Berichterstatter nahm Gelegenheit, seine Ansichten über wichtige, die galizische Judenschaft berührende Fragen, nämlich die Landtagswahlreform, die wirtschaftliche Krise und die Fortschritte der zionistischen Bewegung in Galizien einzuholen. Nachstehend geben wir seine Äußerungen im wesentlichen wieder. „Wie Sie wissen, sind die Verhandlungen zwischen Polen und Ruthenen bezüglich der Landtagswahlreform sehr weit ‘gediehen. Die schwere politische Krise und die eifrige Intervention des Statthalters Bobrynski, der das Zustandekommen des Ausgleiches mit größtem Eifer betreibt, haben die Perspektive des Kompromisses sehr gefördert. Gleichwohl halte ich die Schwierigkeiten noch nicht für überwunden. Die P o d o 1 i e r unter Führung K o z 1 o w s k i s und die A lipo 1 e n unter Führung G r a b s k i s sträuben sich gegen die geplante Mandateverteilung aus nationalen und wohl auch persönlichen Gründen. Eines ist leider sicher: die Juden werden sehr schlecht abschneiden, denn der Ausgleich wird ohne, das will also sagen, gegen die galizischen Juden abgeschlossen werden. Wir haben höchstens auf einige Vertreter der Handelskammern und Städte zu rechnen — und das werden Hausjuden des Polenklubs sein . . . Politiker beider Nationen haben gegen die dritte Nation des Landes, die 872 000 Seelen zählt, schwer gesündigt. Von den Polen war man’s gewohnt. Hingegen nimmt mich das Verhalten der ruthenischen Zwischenhändler wunder, zumal doch die Ruthenen der zionistischen Waffenbrüderschaft manchen politischen Erfolg zu verdanken haben. Wieder erweist sich die Richtigkeit des zionistischen Prinzips der Selbsthilfe und die Notwendigkeit des Bestehens eines jüdischen Klubs im Parlamente. Schon seine bloße Existenz bewirkt Konkurrenzbestrebungen der polnischnationalen Israeliten. wie es - sich im ersten Volkshause anläßlich der Schänkerfrage und bei der Abstimmung über die Resolution Schmid, die in den Schulen Judensperre einführen wollte, deutlich gezeigt hat. Da eben gegenwärtig der jüdische Klub infolge des geübten Wahlunrechtes und blutigen Terrors nicht existiert, sind die Moschkos unkontrolliert und die Herren K o 1 i s c h e r und L ö w e n s t e i n erachten es für überflüssig, sich um die Rechte der galizischen Judenschaft zu kümmern. Die gegenwärtige ökonomische Krise — die furchtbarste, die dieses arme Land und insbesondere seine jüdischen Bewohner je getroffen hat — ist auf zwei Ursachen zurückzuführen: auf die politischen Verhältnisse und auf jene bekannte Rede Prangers, die eine unrichtige Politik der Wiener Banken zur Folge hatte. Auf eine Periode reichlicher Kreditgewährung, in der die Bankfilialen allenthalben im Lande wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, folgte eine augenblickliche Kreditreduzierung. Die Wiener Banken zogen sich völlig zurück. Erstklassige Firmen fielen, und mir ist beispielsweise der Fall bekannt, daß ein angesehener Hauseigentümer mit einem Millionenvermögen durch plötzliche Entziehung des Hypothekar- und Personalkredites ruiniert wurde. Und erst die Kleinen und Kleinsten! Wer nicht in diesen Monaten Galizien bereist hat, kann das Elend nicht ermessen. Das Land gleicht einem Friedhof. Nichts spricht so sehr für die werbende Kraft der zionistischen Idee und den Idealismus der galizischen Juden, als die Tatsache, daß in diesem Schreckensjahre die ansehnlichen Summen von 46 700 Kr. für unseren Nationalfonds und 5S000 Kr. für das hebräische Gymnasium in Jerusalem gesammelt wurden. Selbstverständlich hat aber die Agitation unter der Krise sehr gelitten. Ich selbst konnte nur in wenigen Städten sprechen, weil einfach die Einberufung von Versammlungen unmöglich war. Von der soeben eingetretenen Besserung der Situation erhoffen wir uns einen großen Aufschwung der Partei. Wir werden in diesem Kongreßjahre bestimmt die doppelte Schekelzahl aufbringen. Mit der gegenwärtigen Leitung der zionistischen Weltbewegung sind wir in Galizien sehr einverstanden und wünschen die Kontinuität des herrschenden Systems. Dem von Ussischkin auf der eben stattgehabten Sitzung des Actions-Comites (an der ich teilnahm) geäußerten Plan der Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem stimme ich lebhaft zu. Ob wir in Galizien vor dem Kongresse noch eine Landeskonferenz werden abhalten können, ist unsicher und hängt von einer fortschreitenden Entspannung der Situation ab. Jedenfalls wird zu Ostern unser Parteirat zusammentreten.“ Adolf Stand, der eine zionistische Agitationstournee in Teilen Deutschlands und Westösterreichs absolviert hat, kehrt von Wien nach Galizien zurück und wird zunächst in Rzeszow und Drohobvcz Versammlungen abhalten. Von den Czernowitzer Gemeinderatswahlen (Von unserem Berichterstatter.) Czernowitz. Bei der am 4. d. M. abgehaltenen Gemeinderatswahl aus dem II. Wahlkörper wurde unser Gesinnungsgenosse und Vize-Obmann des Bukowinaer zionistischen Landeskomitees, Advokat Dr. Mayer Ebner (Partei: „Jüdischer Volksrat“) zum Gemeinderat der Hauptstadt Czernowitz für die Dauer von vier Jahren gewählt. Im hiesigen Gemeinderat sitzen bereits 17 jüdische Mandatare, die Wahl von weiteren zwei jüdischen Gemeinderäten aus dem I. Wahlkörper steht für die nächsten Tage bevor. Zurücksetzung der Juden in Ungarn (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Die bekannte Tatsache, daß die Juden überall und auf allen Gebieten zurückgesetzt werden, sobald ihre Wirtsvölker einen eigenen Mittelstand entwickeln, findet auch in Ungarn häufig ihre Bestätigung. Als nach Wiederherstellung der Verfassung im Jahre 1867 ein Mangel an geschulten und verläßlichen Beamten herrschte, wurden die Juden ohne weiteres angestellt. Bald wurden sie aber in dem Verwaltungswesen überflüssig, da sich ein kräftiger magyarischer Beamtenstand entwickelte, und so wurden sie aus der Munizipalverwaltung gänzlich, aus der staatlichen Verwaltung fast gänzlich hinausgedrängt. Derselbe Prozeß wiederholte sich auf dem Gebiete des Unterrichtswesens. Als der Staat vor 30—40 Jahren viele Mittelschulen errichtete, mangelte es an Lehramtskandi-