Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Nr. 12 NEBELT umgeben wie mit einer Perlenkrone. Sogleich will ich meinen Segen anheben: O, mein Sohn, mögen Himmel und Erde Deine Schilde sein! Möge Gottes Hilfe mit Dir sein! Möge der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs Dich leiten, Deinen Weg ebnen, Dich durch seine Gnade Deine Pläne verwirklichen lassen! Mögest Du überall, wohin Du gehst, furchtbar wie ein Löwe sein! Möge Gott Dir Achtung schenken beim Negus Menelik und Dich in Frieden in Dein Land zurückkehren lassen. O, Du Hochgelehrter, Held Israels! ,0 Gott, unsere Ohren haben gehört, unsere Väter haben uns erzählt das Werk, das Du vollbracht zu ihren Tagen, in alter Zeit; mit Deinen eigenen Händen hast Du Nationen ausgetrieben und sie (unsere Väter) eingepflanzt.' David sagt in seinen Psalmen, daß Gott die Heiden entwurzelt und Israel eingepflanzt hat, und auch Du hast uns gesagt, daß es noch viele Israeliten gibt, und daß die Religion Israels noch unerschüttert auf Erden standhält. Ich bin immer der Hoffnung gewesen, daß Gott, mein Schöpfer, mich die Rückkehr der Israeliten (in ihr Land) sehen lassen würde. — Jetzt da ich alt bin und da meine Kräfte schwach sind, fürchte ich zu sterben, ohne die Hoffnung Israels erfüllt zu sehen. Deswegen bitte ich Dich, Gott anzuflehen, daß ich sie noch erfüllt sehe. Künde in meinem Namen Salam, Salam, Salam der israelitischen Gemeinschaft. O, mein Sohn, wenn ich Dich nicht aufsuche, so geschieht es, weil ich schwach bin. Bist Du zurückgekehrt von Deiner beabsichtigten Reise, so kehre hier ein, damit ich Dein Antlitz sehe, bevor ich Abschied von Dir nehme. Dein Angesicht sehen, dies allein bedeutet für mich die Kohanim und die Propheten Israels gesehen zu haben. ,Gott wird ihn nicht seinen Händen preisgeben und ihn nicht im Rechtsstreit besiegen lassen', sagt David in seinen Psalmen (auch bete ich), daß Dich Gott nicht gottlosen Händen preisgebe. Mögen keine Uebeltäter Dir Böses tun! Mögen Deine Gegner nicht triumphieren! Gott schütze Dich vor Uebel und Gefahr! Gott befreie Dich vor Unwohlsein bei Tag und Krankheit in der Nacht! Der Allerhöchste behüte Dich vor dem Uebel! Vergiß mich nicht! Salam, Salam! Ich heiße Dabtara Eraday, der Name meines Vaters ist Nagada Esrael.“ Dieser Brief erinnert uns wahrhaftig an die Sprache der alten Hebräer, an die Sprache der Propheten Israels, und legt ein prachtvolles Zeugnis von der Treue ab, mit der die Falaschas an ihrer jüdischen Tradition hängen. Kriegselend (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Zu der Konstantinopler jüdischen Hilfskommission dringen neue- Hilferufe aus Dedeagatsch und Scharköj bei Gallipoli. Den hungernden Flüchtlingen, die in diesen Städten wie überall hausen, hat sich eine neue Kategorie Unglücklicher hinzugesellt : die brotlosen Staatsbeamten. Soweit diese in die Hauptstadt gelangen konnten, zahlt ihnen die Regierung wenigstens die Hälfte ihrer Bezüge; an Ort und Stelle .hungern sie mit den andern. Es muß damit gerechnet werden, daß weit über 3000 Juden dieses Jahr im Elend hier ihr Pessach feiern werden. Für die Festwoche werden die dreifachen Mittel wie sonst notwendig werden und die gewöhnliche Wochenquote beträgt schon 10 000 Frcs. Man hat hier auf die Freigebigkeit des Roten Halbmondes gehofft, dem große Mittel zur Versorgung der „Mohadschirs“ (d. s. die unglücklichen Kriegsflüchtigen) zur Verfügung gestellt worden sind; aber soweit die jüdischen Armen in Betracht kommen, ist diese Hoffnung bisher enttäuscht worden. Vor kurzem sind einige jüdische Gefangene aus Bulgarien, und zwar aus den Städten Rustschuk und Baltschik, hier eingetroffen, und die Regierung hat dem Großrabbinate von dieser Tatsache Kenntnis gegeben. Aber bevor die hiesige Gemeinde etwas für sie tun konnte, sind sie nach Ismid weitergeschickt worden, dessen Gemeinde nun mangels eigener Mittel auf Kosten der Konstantinopeler Zentralkommission das Nötige für sie tun wird. Die türkischen Provinzgemeinden fahren fort, ihre Pflicht zu tun, soweit das in ihren schwachen Kräften steht. So hat Aleppo eine zweite Hilfsrate im Betrage von 400 Frcs. eingesandt. Smyrna hat dieser Tage 15 000 Frcs. an die „Nationale Verteidigung“ überwiesen. Die Delegation zugunsten der Autonomie Mazedoniens geht morgen nach Europa ab. In den gestrigen Morgenblättern ist ein Interview des jüdischen Mitgliedes derselben, Nissim Effendi Rousso, erschienen, das die Gründe darlegt, welche die Juden Mazedoniens, speziell Salonikis, veranlagten, die Selbstregierung der Provinz einer Aufteilung an die Balkan-Alliierten vorzuziehen. Das jüdische Leben in Konstantinopel In der hiesigen Gemeinde geht es trotz der Kriegszeiten wieder lebhafter zu. Vielleicht gerade infolge der Kriegszeiten; denn, ohne Ironie gesprochen: niemals hat die geschäftliche Welt hier über so viel freie Zeit zu verfügen gehabt wie heute, da alles Erwerbsleben tot ist. Der Medschliß Dschismani hat also wieder begonnen, Sitzungen abzuhalten, der Gedanke, während der Wirren eine Versammlung des Nationalrates abzuhalten, hat seinen Schrecken verloren, man steckt sogar bereits mitten in den Wahlvorbereitungen für dessen teilweise Erneuerung. Selbst die Unterrichtskommission. die man fast ein Jahr lang hatte schlafen .lassen, ist nun endlich wiedererweckt worden, um ihre Sisyphusarbeit der Reform des hiesigen jüdischen Schulwesens wiederaufzunehmen, die so verheißungsvoll begonnen, aber durch die Gemeindekrise unterbrochen worden war. Mehr noch als dies alles: Es geht ernstlich dem „Chachamchanenisamnamessi“, der alten verfaulten Judengesetzgebung in der Türkei, an den Kragen. Abänderungsprojekte sind in Ausarbeitung, teilweise schon in Beratung, und wenn auch bisher das, was man von ihnen vernimmt,' nicht allzu vertrauenerweckend wirken kann, so ist doch an der Weiterentwicklung dieser Versuche nicht zu zweifeln. Schon daß der gute Wille sichtbar wird, muß hoffnungsvoll wirken. Uebrigens vollziehen sich alle diese Dinge diesmal in viel versöhnlicheren Formen als in vergangenen Jahren. Die beiden Gemeindeparteien stehen miteinander in Fühlung; die Projekte kommen, bevor in den Kampf für und wider sie eingetreten wird, zu gegenseitiger leidenschaftsloser Erörterung. Aus dem jüdischen Leben Salonikis (Von unserem Berichterstatter.) S alon ik i. Der Fortschritt der zionistischen Bewegung in Saloniki, über den wir mehrfach berichteten, hält an. Der jüdische Turnverein „Makkabi“ veranstaltet alle 14 Tage Diskussionsabende, die großen Erfolg haben und gut besucht sind. Letztens hielt ein Mitglied des „Makkabi“, Herr Salomon Garg i r, einen Vortrag über den Zionismus. Nach ihm sprachen einige Redner über die Leistungen der zionistischen Bewegung, über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern und über die Emigration. Darauf hielt Herr Josef Tagge; aus Sofia, der am Abend vorher in Saloniki eingetroffen war, eine längere begeisterte Rede. Herr Tagger ist einer de; bekanntesten Zionisten in Sofia. Seine Rede entfesselte großen Enthusiasmus, und es wurden auf seinen Namen sechs Oeibäume gestiftet. Die Steigerung des jüdischen Selbstbewußtseins zeigt sich, hier in vielen Einzelfällen, was als ein erfreuliches Zeichen für die Zukunft gelten kann. Der Großrabbiner Jacob M e i r hat sich letzte Woche zum russischen Konsul begeben, um ihn zu bitten, er möchte seinen Einfluß für die Befreiung von 20 ottomanischen jüdi-