Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 367 die^elt wenn er will, ebenso viele Argumente dagegen finden. Das ist vielmehr wesentlich, daß der Geist in ihn fahre; „immer und notwendig siegt aber die Begeisterung über den, der nicht begeistert ist". (Fichte.) Alle großen Werke der Menschheit sind vom Geist geschaffen, sind nicht die Wirkungen materialistischer Entwicklungen. Zur Schaffung eines solchen Werkes, wie di" Erneuerung des Judentums, bedarf es der stärksten Kraft der Idee. Nenne man uns immerhin mit der überlegenen Verachtung der Nüchternen Wahnsinnige. Schon Plato sagt: „Alles Größte ist im Wahnsinn geschehen; der Wahnsinn ist ein Geschenk der Götter." Zionismus ist der Glaube an den Geist, der in uns ist; Zionismus ist Enthusiasmus. Schöpferisch aber ist nur der Enthusiasmus. Robert Weltsch. □□□□□ o WELTCHRONIK □□□□□□ Die rumänische Judenfrage und die öffentliche Meinung Berlin. Das vereinigte Komitee des Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association veröffentlicht zwei Zuschriften, die es an das englische auswärtige Amt im Januar d. J. in Angelegenheit der rumänischen Grenzerweiterung und der Rechte der dortigen Juden gerichtet hat, sowie die Antwortbriefe des Foreign Office auf diese Vorstellungen. In den Briefen des Conjoint Committee wird auf den Artikel 44 des Berliner Vertrages und auf den offenkundigen Vertragsbruch der rumänischen Regierung hingewiesen; die bisher von jüdischer und anderer Seite in dieser Angelegenheit unternommenen Schritte werden kurz aufgezählt und es wird schließlich der Erwartung Ausdruck gegeben, die englische Regierung werde es nicht zulassen, daß der alte skandalöse Rechtsbruch durch eine neue Entrechtung der im bulgarischen Grenzgebiet ansässigen Juden ausgedehnt und gewissermaßen sanktioniert wird. — In der Antwort des auswärtigen Amtes heißt es u. a.: „Obwohl wir die Beschwerden der Juden im Auge behalten werden, eignet sich der gegenwärtige Zeitpunkt, wo die Großmächte durch den Krieg und seine Verwicklungen so sehr in Anspruch genommen sind, doch kaum dazu, daß die Frage mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg von der Regierung Seiner Majestät aufgeworfen werden könnte." In der jüngsten Donnerstagsitzung des englischen Unterhauses interpellierte Sir Philipp Magnus den Minister der auswärtigen Angelegenheiten, ob er bereit sei, sich nach Kräften dafür einzusetzen, daß bei der bevorstehenden rumänischen Grenzregulierung die bisher unter dem Schutze der bulgarischen Verfassung lebenden Angehörigen sämtlicher religiösen Bekenntnisse gleiches Recht mit allen anderen rumänischen Staatsangehörigen sowie Garantien für die freie Ausübung ihrer Religion erhalten; ferner, ob der Minister geneigt ist, aus diesem Anlasse die rumänische Regierung an ihre im Berliner Vertrage übernommenen Verpflichtungen bezüglich der Gleichberechtigung aller Einwohner ohne Unterschied des Glaubens zu erinnern. Sir Edward Grey führte in seiner schriftlichen Antwort aus, er könne sich zu dieser Frage, da die Verhandlungen zwischen den beiden Staaten und den Großmächten noch schweben, nicht in bestimmter Weise äußern, ohne die friedliche Beilegung des Streitfalles zu gefährden. Er erkenne jedoch an, daß die in der Anfrage des Herrn Abgeordneten vertretenen Grundsätze allgemeine Sympathie verdienen. Auch sonst machen sich in der öffentlichen Meinung Westeuropas zahlreiche Stimmen für die rumänischen Juden geltend, denen im Widerspruch zu den Bestimmungen des Berliner Vertrages die Bürgerrechte geraubt worden sind. Dr. Paul Nathan hat im „Berliner Tageblatt" auf die Unhaltbarkeit der jetzigen Zustände hingewiesen. In der italienischen Presse findet der von uns kürzlich wiedergegebene Appell des berühmten italienischen Staatsmannes L u z a 11 i, der im „Corriere della Sera" für seine Glaubensgenossen eintrat, lebhaften Widerhall. Wie unser Berichterstatter in Florenz uns mitteilt, hat der sehr populäre und weitverbreitete „Secolo" einen scharfen Artikel gegen die Mißhandlung der rumänischen Juden gebracht. Auch der Bund der jüdischen Gemeinden Italiens hat sich der Sache angenommen und bereits Schritte beim italienischen Minister des Aeußeren unternommen. — Das „Berliner Tageblatt" bringt in seiner Abendausgabe vom 17. d. M. einen Leitartikel zu der gleichen Frage. Falascha-Briefe (Von unserem Berichterstatter.) Die Leser der „Welt" kennen die seit Jahren unternommenen Bemühungen des Herrn Dr. Faitlowitsch, den Falaschas, jenem merkwürdigen jüdischen Stamm in Abessynien, in kultureller und wirtschaftlicher Beziehung Hilfe zu bringen und die jüdische Öffentlichkeit hierfür zu gewinnen. Soeben hat Dr. Faitlowitsch ein Werkchen unter dem Titel „Falascha-Briefe"x) erscheinen lassen. Dieses interessante Werkchen enthält eine kurze Einleitung, in der die Falascha-Frage wiederum auseinandergesetzt wird. Es folgen dann einige Briefe im amharischen Text mit beigefügter wortgetreuer Uebersetzung; diese Briefe sind für uns wertvolle Dokumente, da sie uns über das religiöse Leben und Empfinden der Falaschas sowie über deren allgemeine Lage interessante Aufschlüsse geben. In ihnen tritt die heiße Sehnsucht, den verlorenen Zusammenhang mit den Juden der übrigen Welt wiederzugewinnen, deutlich hervor. Die meisten Schreiber dieser Briefe sind „Debtera" (Gelehrte) und „Liqa kahenat", Priester der Falascha-Gemeinden; einer dieser Briefe stammt von dem größten Falascha-„Gelehrten", dem greisen Abba Gedewon* 2). Wir wollen hier einen besonders charakteristischen Brief aus dieser Sammlung herausgreifen, der von Dabtara Eraday, einem alten Falascha-Gelehrten aus Malata in Semen stammt. Der Brief lautet: „Gelobt sei Gott, der Herr Israels, der Herr jedes Geistes. Salam Dir, Jakob, Sohn von Müsse, Diener Gottes, Forscher Israels. Befindest Du Dich sehr gut? Du, der Du uns durch den Willen Gottes Erinnerungen gebracht und zurückgerufen hast, die ebenso fern sind wie die Enden des Himmels und der Erde; Du, der Du uns gesagt hast: ,Wir existieren noch immer, ihr aber verlieret nicht die Hoffnung 1‘ O, mein Sohn, ich kann Dir nur den einen Segen geben: Möge Gott Dir das irdische Glück gewähren und die himmlische Hoffnung Dir nicht entziehen. ,Mein Herz hegt einen schönen Plan; ich will mein Gedicht dem König widmen', sagt David in seinen Psalmen. Auch bitte ich Dich, o, mein Sohn, mich Dein Angesicht sehen zu lassen, denn ich habe vieles mit Dir zu reden. Wenn es mir möglich sein wird (zu reisen), wirst Du mich in Dein Land führen, und sollte es mir unmöglich sein, so wirst Du gehen, das Haupt mit Segnungen 1) Dr. Jacques Faitlowitsch, Falascha - Briefe. Berlin, Verlag von M. Poppelauer, 1913. 2) Dieser Falascha-Gelehrte ist inzwischen gestorben, wie aus dem Bericht der „Welt" Nr. 9 dieses Jahrganges hervorgeht.