Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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366 DIES&ELT Nr. 12 Körpergröße, physiologische Merkmale, wie Körperentwicklung, Fruchtbarkeit, pathologische Merkmale, wie besondere Krankheiten, Alkoholismus, Nervenleiden, Blödsinn, Selbstmord, all das wird geprüft und der Verfasser steht auf dem durchaus einwandfreien Standpunkt, daß „Rasse“ erst dann zur Erklärung einer Erscheinung heranzuziehen ist, wenn andere Herleitungen, insbesondere aus Milieu-Einflüssen, versagen. Sehr interessant ist der Abschnitt über die „Jüdischen anthropologischen Typen“, der durch eine große Anzahl gelungener Kunstdruckbilder illustriert wird. Ob das -ganze große statistische Material wirklich erschöpfend ist, kann, ich nicht beurteilen; ich zweifle überhaupt, daß solche Zusammenstellungen jemals vollständig und zuverlässig sein können. Aber ich will der Darstellung des Dr. Fishberg blind vertrauen. Er zeigt nicht nur an den ganz verschieden gearteten anthropologischen Typen, sondern auch aus der Geschichte, daß eine Infusion fremden Blutes in die Judenheit stattgefunden hat. Damit ist der Rassenstolz derjenigen Juden, die auf eine 4000 jährige Vergangenheit zurückblicken zu können meinten, nach Ansicht des Verfassers zerstört. „Es ist aber auch gleichzeitig dem Antisemitismus — nach dessen Voraussetzungslehre jüdisches Blut mit anderem sich nicht zu mischen vermag, die Juden daher in den westlichen Ländern unerwünschte ,Fremde* bleiben — der Boden entzogen.“ Ist das nicht ein Kampf gegen Windmühlen? Daß sich das jüdische Blut mit dem nichtjüdischen, rein zoologisch verstanden, zu mischen vermag, hat doch schon unser Dr. Ruppin in seinem Werk bewiesen; und wir nahmen diese Weisheit dankend zur Kenntnis. Aber etwas übersieht Dr. Fishberg ganz: Daß zwar die physische Möglichkeit zu dieser Mischung besteht, aber nicht der Wille. Nur an einer Stelle erwähnt Fishberg den Zionismus (in der englischen Ausgabe, die mir leider nicht zur Verfügung steht, soll eine längere Auseinandersetzung mit dem Zionismus enthalten sein); da heißt es nach Besprechung der Mischehe (S. 75): „Es ist statistisch erwiesen, daß nach drei oder vier Generationen aus solcher Mischehe sich kaum noch Bekenner der jüdischen Religion unter den Nachkommen finden. Eben aus diesem Grunde protestieren gegen Mischehen die Juden, die den Fortbestand ihres Glaubens wünschen, und die Kolonisationsidee des Zionismus scheint nicht zum wenigsten auf der Erwägung zu beruhen, daß, wie die Dinge nun einmal liegen, die Mischehe sich nicht mehr verhindern oder hintertreiben läßt. Daher der Wunsch, Juden durch Kolonisierung zu isolieren. Ob das Judentum auf diese Weise sich ,retten* läßt, darf man füglich bezweif el n.“ Allerdings; man „darf“. Kein Mensch kann unserm Don Quixote verwehren, zu zweifeln und mit Genugtuung die Unrettbarkeit des Judentums zu konstatieren. Wir allerdings glauben, daß die Weltgeschichte nicht von Zoologen gemacht wird, sondern von Ideen. Herr Dr. Fishberg beweist in einem dicken Buche, daß die Juden verschwinden können und müssen, ja er beweist sogar, daß es Juden eigentlich gar nicht gibt. Ich fürchte, die ganze Theorie wird sehr wenig Eindruck machen; denn wir wollen eben nicht verschwinden und .wir Juden sind, wenn man uns noch so sehr hinwegdiskutiert. Quod est in actis, non est in mundo. Eine Einschränkung macht der Verfasser allerdings. Wenn es auch keinen zoologischen Typus des Juden gibt, so muß doch irgendwie die Tatsache zu erklären sein, daß man Juden von Nichtjuden unterscheidet. „Was ist es nun, daß die ersteren als Juden und die andern als Nichtjuden sogleich markiert. Es ist nicht der Körper, sondern die Seele. Mit andern Worten, der Typus ist nicht anthropologisch oder physisch, sondern sozial oder psychisch.“ (S. 228.) Diese Eigentümlichkeit nennt der Verfasser in etwas ungewöhnlichem Sprachgebrauch „Religion**, eine pars pro toto setzend. Er wird nun dafür wenig Verständnis haben, wenn wir sagen, daß es uns gar nicht auf die Zoologie ankommt, sondern auf diesen „seelischen** Typus. Daß wir uns nicht vermöge unserer Backenknochen, sondern im Innersten unseres Wesens zusammengehörig fühlen. Und auch das wissen wir, daß man. nicht falsch verallgemeinern und dies Oder jenes schlankweg als „jüdisch** erklären darf, wie es die Antisemiten tun, die gewisse an einem Juden oder an einer Gruppe von Juden wahrgenommenen Merkmale der Gesamtheit zuschreiben. Wir wissen, daß es im jüdischen Volk neben Propheten, Heroen und Märtyrern stets Schacherer, Feiglinge, Verräter gegeben hat. Auch Dr. Fishberg zeigt, allerdings unfreiwillig, wie verschiedene Typen von Juden es gibt. Die einen wollen ihr ganzes Leben der Wiedergeburt und Erneuerung ihres gesunkenen Volkstums weihen, wollen die unsagbar mühevolle und verantwortungsvolle Arbeit der Wiedererrichtung eines neuen Judentums auf sich nehmen; die andern schreiben Bücher, in denen sie den Antisemiten beweisen wollen, daß es eigentlich keine Juden gibt und daß sich ihr Blut mit dem der andern zu mischen „vermag**. Dr. Fishberg hätte diese Möglichkeit viel schlagender dartün können: er gehe hin, lasse sich taufen und suche möglichst schnell zu „verschwinden**. Es ist bekannt, daß es schon Epochen der jüdischen Geschichte gegeben hat, wo große Massen vom Judentum ab gefallen sind; der Grundstock ist geblieben. Der Grundstock wird auch diesmal bleiben. Es ist heute ein Leben im Judentum, wie es seit vielen Jahrzehnten nicht erhört ward. Wer an diesem Leben keinen Anteil hat, kann das Judentum tot wähnen. Wer aber das starke, warme, pochende jüdische Lebensgefühl in sich hat, der wird über solche Wissenschaft nur lächeln, nicht einmal sich ereifern können. Ich lebe: Diese Wirklichkeit bedarf für mich keiner Bestätigung. Das Judentum ist kein Mineral, sondern ein Organismus; bei organischen Wesen kommt es aber nicht auf ihre Materie an, sondern vor allem auf die „Lebensschwungkraft“. Das Verdienst des französischen jüdischen Philosophen Bergson ist es, daß er in unserer Zeit der Ueberschätzung materieller und Geringschätzung ideeller Kräfte mit allem Nachdruck gegenüber den Lehren der Naturwissenschaftler, die ihre in der anorganischen Welt erworbenen Erfahrungen auf die lebendige übertragen wollen, den prinzipiellen Unterschied aufgezeigt hat, daß die Lebewesen vom „elan vitale**, der Lebensschwungkraft, erfüllt sind. Auch der Zionismus kann nicht irgendwie „wissenschaftlich** erklärt werden. Wir wissen, daß das Judentum in uns lebt; dieses Wissen ist der stärkste Beweis für sein Leben. Wir wollen diesem Judentum ein neues, reines Haus bauen; dieser Wille ist die einzige Begründung unserer Tat. Es möge ja nicht den Anschein erwecken, als ob ich wissenschaftliche Arbeit geringschätzte; im Gegenteil, sie ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, wir haben sehr viel Material zu sichten, sehr viel zu forschen, und wir müssen alle an die Arbeit. Es wäre nicht nur vermessen, sondern töricht und sinnlos, den Wert der Wissenschaft oder Statistik leugnen zu wollen. Nur daß die Wissenschaft oder ihre Ergebnisse letzten Endes der Impuls unseres Handelns sind, das leugne ich. Der Zionismus ist keine Wissenschaft, er ist Leben; er braucht nicht Wissen, sondern Geist; er ist vor allem nicht Erkenntnis, sondern Wille. Ich glaube sogar, man kann niemand zum Zionisten machen, indem man ihm die Notwendigkeit des Zionismus logisch beweist; er wird,