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Die Welt · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRO. BERLIN, 21. Marz 1913 Um&i? T'önn 'X W "HS 2//1 'fbll Nr. 12. IXTLI A | -p. ROBERT WELTSCH: Gelegentlich einer Rassentheorie — WELTCHRONIK — HANS KOHN: iiNn/\LI . Jüdische Philosophen — PALÄSTINA-RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG — FEUILLETON: SCH. GORELIK: Marko Baruch— Geschäftliche Nachrichten — Mitteilungen des Hanptbnreaus des Jüd. National-Fonds Gelegentlich einer Rassentheorie Der Zionismus beruht auf der Tatsache, daß alle Juden der Welt sich irgendwie zusammengehörig fühlen: als Juden. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das aus dem geschichtlichen Werden des heutigen Zustandes zu begründen ist, erzeugt einen nicht nur historischen,, sondern lebendigen Zusammenhang, den man Nation, Volk, Stamm, Rasse oder wie immer nennen mag. Immer kann jemand kommen und etwa sagen: „Ich verstehe unter ,Nation1 nur eine Gruppe mit gemeinsamer Sprache; folglich sind die Juden keine Nation." Der Tor! Er meint, etwas Wesentliches gesagt zu haben und hat doch nur eine terminologische Frage aufgerollt, in deren Diskussion sich einlassen mag, wer Zeit und Lust hat. Wer nach der Dinge Wesen trachtet, dem wird das Wort nicht wichtig sein. — Für die Zusammengehörigkeit der Juden gibt es einen unwiderlegbaren Beweis: das Bewußtsein dieser Zusammengehörigkeit, das eine innere Erfahrung jedes einzelnen Juden ist. Ich habe ein unüberwindliches Mißtrauen gegen alle Versuche, geistige oder seelische Verfassungen auf materielle Ursachen zurückzuführen; auch gegen alle Rassentheorien, die jenes Bewußtsein etwa aus anthropologischen Tatsachen ableiten und dadurch naturwissenschaftlich begründen wollen. Als ob eine solche seelische Tatsache einer „naturwissenschaftlichen" Begründung bedürfte und nicht ihre Existenz allein der stärkste Beweis wäre! Es war einer der kläglichsten Irrtümer eines die Naturwissenschaft zum Götzen erhebenden Zeitalters, daß es die Wunder des menschlichen Geistes auf zoologischem Wege erklären wollte. Im letzten halben Jahrhundert ist wohl auch, man kann fast sagen, kein Jahr vergangen, ohne daß eine Rassentheorie gestürzt und eine neue aufgestellt worden wäre; das Bewußtsein der Menschheit wird dadurch nicht berührt. Ist eine Rassentheorie einmal ins Volk gedrungen, wie etwa die Chamberlains, so war dies nicht eine Folge ihrer (gar nicht vorhandenen) Wissenschaftlichkeit; vielmehr eine Folge des Umstandes, daß sie den Instinkten des Volkes entgegenkam, ja im Grunde vielleicht aus ihnen geboren war. Vor kurzem fiel mir ein Buch in die Hand: „Die Rassenmerkmale der Juden" von Dr. Maurice Fishberg (München 1913, Ernst Reinhardt). Der Verfasser sagt in der Einleitung: „Für den wissenschaftlichen Anthropologen ist Rasse ein biologischer Begriff, der im allgemeinen für ihn dasselbe bedeutet, wie für den Zoologen und Botaniker: eine durch gemeinsame Abstammung verbundene Gruppe von Tieren oder Pflanzen. Das hauptsächlichste Rassenkennzeichen ist Typus — Gleichartigkei t." Er verwahrt sich dann gegen eine Verwechslung von Rasse mit „ethnischer Einheit" und fährt fort: „Daß ich in Kreisen, in denen Religionsgemeinsamkeit als Rassen - Erkennungszeichen gilt, Widerspruch finden werde, ist für mich ebenso belanglos, wie die zu erwartende Opposition gewisser europäischer Rassentheoretiker, die in Rasse nicht bloß einen zoologischen Begriff, sondern auch einen historischen und ethischen*) sehen." Ich hab: also auf Grund dieser programmatischen Erklärungen gemeint, daß ich mich mit dem Verfasser sehr gut verständigen werde: er ist ja so einsichtsvoll, bei seinem Leisten, der Zoologie, zu bleiben. Daß die Juden nicht als selbständige „Rasse" zu werten sind, sondern nur als „genealogische Einheit, die sich nicht mehr anthropologisch, sondern nur historisch nachweise n 1 ä ß t", hat ja schön Zo 11 s c h a n ausgesprochen. Und doch dient dieses ganze Buch zum Beweise der Nichtexistenz der jüdischen Rasse und schließt mit dem verblüffenden Satze: „Das Judentum war und ist eine Religion — aber niemals eine Rasse." Welch ein zoologisches Resultat! Das Buch bringt eine Fülle äußerst interessanten Materials. Es behandelt in besonderen Abschnitten die einzelnen angeblichen Rassenmerkmale und zeigt durch Vergleichung der verschiedenen jüdischen Typen, daß von einer Einheitlichkeit keine Rede sein könne. Die anthropologischen Merkmale, wie Hautfarbe, Kopfindex, *) „ethischen" ist wohl auf einen Druckfehler, statt „ethnischen", zurückzuführen.

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