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Die Welt · 1913-03-14 · 11 (14.3.1913) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 11 341 DIEI^ELT Impressionismus und die Neuromantik sind sozusagen jüdischer Provenienz — die Namen Gustave Kahn, Catulle Mendes, Ephraim Mikhael usw. stehen an der Spitze dieses „neuesten Frankreich“. Nehmen wir die Liste der französischen Gelehrten, und wir sehen: die bedeutendsten Philologen: Michel Breal, Darmestetter, Levy, Halevy, Sal. Reinach usw.; Philosophie: Bergson, Dürkheim, Levy-Bruhl, Meyrson, Brunschwieg, Lichtenberger, Rene Worms. Eine der größten Revuen Frankreichs die „Revue des Revues“ w.ird von einem französischen Warschauer Juden Jean F i n o t (ursprünglich Finkeleisen) redigiert . . . Es liegt gewiß nicht in meiner Absicht, eine Ergänzung zur „France juive“ zu bieten. Ich glaube auch kaum, daß man den französischen Juden gar einen Vorwurf aus ihrer Aktivität machen kann. Die Extreme berühren sich — und die Jüdischnationalen sind oft bereit, den Antisemiten in mancher Hinsicht recht zu geben. Es wird im jüdischen Lager immer wieder die Klage laut, daß die jüdischen Intellektuellen sich Hals über Kopf in die Kultur der anderen Völker stürzen, darüber den eigenen Stamm vergessend. Der Vorwurf ist ungerechtfertigt. „Spiritus flat ubi vult“ — sagt das alte Sprichwort. Der Geist ist frei, das jüdische Leben aber unfrei. Innerlich, wesentlich unfrei. Was kann das Judentum im Westen dem Intellektuellen bieten? Können alle jüdischen Denker, Schriftsteller, alle Männer von sozialem Empfinden und Aktivitätsdrang im Judentum sich ausleben? Das ist ja die Tragik des modernen Judentums. Die Wellen des Lebens schlagen über seinem Kopf zusammen. Es ist voll von Widersprüchen und Gegensätzen. Nehmen wir den Fall „Claude Montefiore“. Kann man gegen Mr. Montefiore den Vorwurf erheben, daß er kein Verständnis und Gefühl fürs Judentum hat? Eher im Gegenteil. Gerade sein „Liberal Judaism“, seine Reformversuche, beweisen, daß er ein starkes und tiefes Interesse am Judentum hat. Und dennoch — findet sein Bestreben keinen Anklang, muß im Sande verlaufen. Muß — weil es die Logik des Lebens ge- Die Juden im Westen gehören beinahe samt und sonders zur Großbourgeoisie. Eine tief zu beklagende Tatsache. Aber was können die Juden dafür? Können sie der Theorie zuliebe ihrer Position entsagen? Und dennoch fühlen sie selbst die Zwiespältigkeit ihrer Lage. Es ist nicht ein bloßer Zufall, daß die zwölf Aktieninhaber der sozialistischen „Humanite“ lauter Juden sind. Es ist das „unglückliche Bewußtsein“, die innere Zerrissenheit, die sie zwingt, ihr Leben zu rechtfertigen, zu sühnen. Daher auch der Haß der jüdischen Sozialisten gegen das Judentum. Nur kommt es oft vor, daß die Juden sich selbst nicht verstehen, ihre eigenen Handlungen mißdeuten. In seinem Drama „Israel“ hat Henry Bernstein den Versuch gewagt, die Psychologie des J uden zu bieten. Warum stürzt sich der Jude mit einer solchen Gier auf alles Aeußerliche, auf alles, was der Tag mit sich bringt? Und der Bankier Gutlieb im Bernstemschen Drama antwortet: „C’est Pambition juive pour toute chose bruyante, pour la cause qui donne, qui sonne, qui rend . . .“ Also eine Art von Haschisch, von Betäubungsmittel. Nur die eigene Stimme überhören zu können, den inneren Gegensatz, die seelische Labilität irgendwie zu verdecken, zu vertuschen. — Das ist die Wurzel dieser Vorliebe für das „Lärmende, Klingende“, des Bernsteinschen Juden. ... Und das ist auch die Wurzel des Neo-Antisemitismus. Achad-Haam hat einmal die Frage erhoben: Ist es möglich, daß die ganze Welt im Unrecht und nur wir im Recht seien? Und antwortete: Ja. Nun ist dieses Ja nicht immer wahr. Wie kommt es z. B., daß Demokraten, Sozialisten, Revolutionäre, wie Georges Sorel, der Syndikalist, Pataud, der Arbeiterführer, Ex-Dreyfusards, wie Tery, Urbain Gobier, Mitarbeiter der „Guerre Sociale“, wie Victor Meric, Anarchisten, wie Jauvion, „Antisemiten“ geworden sind? Gewiß, sie sind kurzsichtige und verblendete Menschen. Gewiß, ihr Denken ist auf ein falsches Geleise geraten. Aber grundlos geschieht nichts in der Welt. Da liegt vor mir eine Nummer der „Guerre Sociale“, die vom berühmten antimilitaristischen Revolutionär geleitet wird. Und da finde ich einen Artikel von Victor Meric: „La Reaction au Caf’-Conc\“ („Die Reaktion am — Ueberbrettl.“) Es sind die „Chansons“, die in den Pariser Cafe-Concerts dem Publikum geboten werden. „Chansons“ von höchst hurrapatriotischem, ultrachauvinistischem Gepräge. Da werden der französische Soldat, der Krieg, die Revanche, die „Gloire“ besungen. Es sind Aufstachelungen des Patriotismus, Lobhudeleien des Militarismus. Und die Verfasser? — Dreyfus, Bernstein, Brunswiek. „Non decidement, ils sont trop“, sagt Meric. Und hat nicht so Unrecht. Gewiß, jeder Antisemitismus ist reaktionär und — dumm. Und er rächt sich vor allem am Lande, das ihm Gehör leiht. Die französischen Sozialisten, die wie Pataud und Genossen sich zum Antisemitismus bekennen, graben sich selbst das Wasser ab, ruinieren die Republik und arbeiten in die Hände der Klerikal-Monarchisten, der Traditionalisten. Aber die Menschen sind eben unlogisch. Sie sehen nur die Folge und verstehen selten die Gründe, sie merken sich die Oberfläche der Dinge und dringen nicht in die Tiefe. Ihr Räsonnement ist einfach: Die Juden stehen kämpfend in den Reihen der Großbourgeoisie und der haute finance; Rothschild ist der Machthaber von Mammons Gnaden — folglich „ä bas les juifs“. Das ist leicht und bequem und leuchtet den Massen ein. Die Konservativen aber erheben ihrerseits schwere Anklagen gegen die Juden. Und von ihrem Standpunkt nicht so ohne Grund. Die Juden, sagen sie, zerstören das alte Gesellschaftsgefüge. Eugene Tavernier, der offenbar als Wortführer dieser traditionalistischen Kreise aufgetreten ist, sagt es offen heraus. Die Juden haben keine Religion, keine Tradition und zersetzen die überlieferte Kultur der französischen Nation. Man mag ja über diese Anklage lächeln. Als ob der Untergang der ererbten Kulturwerte von den Juden abhinge! Als ob die französische Revolution von 17S9 nicht die Axt gelegt hätte an die Wurzeln der altfranzösischen Kultur! Aber Tatsache ist, daß die Juden an dieser „Zersetzung“ Mitarbeiten. Und da sie doch immer Juden bleiben, im französischen Volke nicht aufgehen können, so sind sie am ehesten den Angriffen ausgesetzt. Also Feinde von rechts und von links. Und die Zahl der Feinde wird, wenn die Zeichen nicht trügen, immer größer werden. Ta vernier sagt die Verschärfung des Antisemitismus, in Frankreich voraus. Aber auch andere, weniger voreingenommene Beobachter geben zu. daß der Antisemitismus in Frankreich im Aufstieg begriffen sei, daß die sozialen Kämpfe -ein neues .und gefährliches Auflodern des Judenhasses nach sich ziehen Allerdings, ich bin nicht so pessimistisch gesinnt und glaube nicht, daß der Antisemitismus irgend welchem ernsten Schaden den französischen Juden zufügen könnte. Aber es handelt sich gar nicht darum. Es ist schlimm genug, wenn der Labilitätszustand der jüdischen Psyche gesteigert, das „unglückliche Bewußtsein“ unglücklicher werden wird. Und das ist ja die Folge der neuen Methoden des Grillo-Antisemitismus. Die französischen, ja die westlichen Juden überhaupt werden gezwungen, ihre Werte umzuwerten. Ob sie den Mut und die Kraft dazu finden werden?

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