Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316585--57211-3375662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11 DIE^gELT 340 hat das ganze neunzehnte Jahrhundert und Bartels das unermeßliche Feld der deutschen Literatur durchackern müssen, um den Antisemitismus plausibel zu machen. Die armen Leute! Sie sind nie frei vom Juden. Ein Chamberlain kann nie ruhig denken, ohne vom Gespenst des Ahasver beängstigt und verfolgt zu werden. Worüber er auch immer schreibt — über Kant, über Goethe, über Wagner, immer und immer wieder stolpert er über Juden. Ich bin überzeugt, daß, wenn er ein Joghi werden und in tiefe Nabelbeschauung versunken in einem heiligen Haine am Gangesufer über die Nirwana nachdenken wollte, auch da würde ihm der Jude das Konzept verderben. Diese Leute sind eben an das Judentum geschmiedet. Es ist ihr Verhängnis. . . . Nun, diese Art Antisemitismus ist so recht „made in Germany“. Aber nur in der Form. Der Inhalt ist Allgemeingut. Wie sollte es übrigens auch anders sein? Es ist ja eine so einfache Sache!' Ebenso wie die ganze soziale Moral sich zur höchsten und einfachsten Maxime steigert: „Liebe zum Nächsten“, so daß jedwede Moral bloß die Entwicklung dieses Gedankens ist, so ist der Antisemitismus in dem einzigen Satz enthalten: „Hasse den Juden soweit du kannst.“ Das eine wie das andere entstammt derselben Wurzel. Der Mensch hat das Bedürfnis, zu lieben und zu hassen. Haß ist sogar stärker als Liebe, weil ursprünglicher. Es ist viel leichter zu hassen, als zu lieben. Nur der hochentwickelte, geistig und seelisch reife, an dem Gipfel der Erkenntnis angelangte Mensch kann mit dem griechischen Tragiker sagen: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.“ Die meisten Tal- und Tiefenmenschen sind jedoch bloß „Mithasser“. Und wie man eben nur den „Nächsten“ lieben kann, so kann man eigentlich nur den „Nächsten“ hassen. Und der Jude hat nun das Pech, immer und überall — räumlich der „Nächste“ zu sein. Es ist die Tragik der Räumlichkeit. . . . In Deutschland ist der Antisemitismus zeitweilig von der Tagesordnung zurückgetreten. Er hat an prickelnder Aktualität eingebüßt. Vielleicht weil ihm der Reiz der Neuheit fehlt, vielleicht auch, weil er in die Breite geht und in die — Tiefe. Aber dafür ist er jenseits des Rheins „ä l'ordre du jour“. Und dieser französische Neo-Antisemitismus ist so vielseitig, so farbenreich, so — mannigfaltig, so — geistreich, daß er beinahe amüsant wird. Man muß sich wirklich freuen, einmal einen geistreichen und formgewandten Feind zu haben. Der russische Antisemitismus ist barbarisch und fürchterlich, der deutsche langweilig und pedantisch, der französische aber — operettenhaft, geistreich, tänzelnd, possenreißend. Kurz — Marchese Grillo in seiner zweiten Aera. . . . Der französische Antisemitismus stammt allerdings nicht von heute oder von gestern. Er war nie zu brutal, er äußerte sich selten in den bekannten menschenunwürdigen Formen, aber er war vorhanden. Das Glück der französischen Juden war, daß die Franzosen im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts an andere Sachen zu denken hatten; daß Frankreich der Welt vorgeigen mußte. Als vor etwa siebzig Jahren das Buch von Toussenel: „Les juifs rois de Pepoque“ erschien, machte es fast gar keinen Eindruck. Und zwar aus zwei Gründen. Die Konservativen und monarchisch gesinnten Bourgeois verwarfen das Buch wegen des Autors, der ein utopistischer Sozialist, ein „Phalasterier“ war. Die Radikalen aber bereiteten zur Revolution vor. Da gab es keine Zeit, an die Juden zu denken. Die Judenfrage kam aufs Tapet erst nach dem „Debacle“ Frankreichs, nach der Errichtung der dritten Republik. Es war eine Zeit der Demütigung, der moralischen Depression und der Selbstkritik, der Selbstkasteiung. Wer ist schuld an dem Niedergang Frankreichs? Die „Bourgeoisie“ und die gesellschaftliche Ordnung — antworteten die Sozialisten und die Künstler und Schriftsteller um Zola, die „Revolution“ und der Jakobinismus — riefen Taine und seine Jünger. Taine hat sicherlich kaum geahnt, daß seine Lehre zum Ausgangspunkt reaktionärer, klerikaler und antisozialer Bewegungen werden würde. Aber es kam so. All die Führer der Reaktion in Frankreich, die Royalisten, die sich um Daudet und Maurras scharen, die Nationalisten, die M. Barres und — natürlich — Monsieur Arthur Meyer zu ihren Führern haben, ja, Drummont, der berüchtigte Drummont in ureigener Person — alle sind sie letzten Endes Jünger Taines. Um so schlimmer für den Meister. . . . Als Drummont im Jahre 1SS6 seine „La France juive“ erscheinen ließ, da fand er bereits ein aufnahmefähiges Publikum vor. Er hat eigentlich nichts neues gesagt, noch enthüllt. Er hat nur den Mut gehabt, das drucken zu lassen, was die anderen bloß sagten. Die Lage der französischen Juden war nach dem Kriege von 1871 gewissermaßen unbehaglich. Aus ganz äußeren Gründen. Sie hatten meistens deutsche Namen. Wer in Frankreich Weiß, Schwarz, Schwab, Deutsch, Wolff, Weber, Klotz usw. heißt, der ist unbedingt ein Jude oder jüdischer Abstammung. Und die Franzosen verzeihen ungern dieses „Germanentum“. Aber es war nicht allein kindischer Chauvinismus, der dem Antisemitismus Pate stand. Es war vielmehr ein stärkeres, tieferes Motiv — das Problem der Bourgeoisie. Frankreich ist das Land der Geldbourgeoisie. Daher die immerwährenden und noch lange nicht zur Ruhe gekommenen sozialen Irrungen und Wirrungen. In Deutschland ist das soziale Problem viel einfacher. Zwei Klassen kämpfen widereinander — Proletarier und Kapitalisten. Der Kapitalist, der Machthaber, ist in Deutschland nicht der Jude, sondern der feudale Adlige. Die Arbeiterklasse führt in Deutschland einen Kampf um die Macht, und ihre Gegner sind eben die staatserhaltenden Parteien — die Oldenburgs, die ostelbischen Junker. Die Mittelklasse und die Großbourgeoisie harren noch immer in ihrer Ruhe. Deshalb kann es zurzeit in Deutschland keinen sozial-ökonomisch begründeten Antisemitismus geben. Deshalb ist er so „ideologisch“ und spießbürgerlich. Anders in Frankreich. Dort herrscht einzig und ohne Konkurrenz die Großbourgeoisie, die Hochfinanz, das Geld. Der Adel hat längst abgewirtschaftet, das Kleinbürgertum ist desorganisiert, die Arbeiterklasse schwach und nur zu vorübergehenden Aufwallungen und Putschen fähig. Die Großbourgeoisie aber hat die Macht und führt das Heft. Und es hat sich nun so gefügt, daß die französischen Juden zum größten Teil in den Reihen der Großbourgeoisie stehen. Diesem Umstande haben sie ihre hervorragende Stellung im Leben Frankreichs zu verdanken. Dies ist aber auch die Quelle allen Unmuts und der — oft nicht ungerechtfertigten -- Erbitterung des Proletariats und der Mittelklasse. Eugene Tavernier hat in einem vielbesprochenen Artikel in der englischen Revue „Ninetenth Century“ den Anteil der Juden am Leben der französischen Nation ziffernmäßig dargelegt. Es gibt in Frankreich eine im Verhältnis zur Bevölkerung sehr geringe Zahl von Juden. Frankreich zählt sicherlich mehr Deutsche und Engländer als Juden. Aber die Juden spielen die erste Geige. Im „Conseil d’Etat“ sitzen 20 Juden, in den Ministerien — 50, in den Präfekturen — 25, in der Armee zählt man 8 Generäle. 14 Oberste, 107 Hauptleute usw. Im gegenwärtigen Kabinett sitzen zwei Juden — Raynal und Klotz, ln der Presse führen die Juden das große Wort. Der gefürchtetste Theaterkritiker Frankreichs ist — Nozieres. ein Jude (Weill), die meistgespielten Theaterschriftstellei sind: Porto-Riche, Tristan Bemard, Nathanson, Valabregue, Atchys, Bernstein, Pierre Wolff, Frangois de Croiset (Wiener) usw., lauter Juden. Der französische