Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11 339 =—= DIE3q£ELT — Der „Neo-Antisemitismus“ Von Dr. A. Coralnik, Rom. In einer Sammlung römischer Volkslegenden und -schwanke fand ich vor kurzem eine interessante kleine Erzählung über den „Marchese Grillo und die Juden“. Es lebte einmal in Rom ein Spaßmacher und lustiger Patron, ein adliger Possen- und Zotenreißer namens Marchese Grillo. Er bewohnte einen großartigen Palast und gehörte zum altrömischen Adel. Aber das hinderte ihn nicht, allerlei Schabernack und Unfug zu treiben, zur Belustigung, aber oft auch zum Aergernis der römischen Plebs. Als Zielscheibe seiner grobkörnigen Witze dienten ihm am häufigsten die — Juden („i giudii“, wie es im Original heißt). Unter anderem ersann er folgendes Mittel, um die Juden zu molestieren: er bewarf sie vom Balkon seines Hauses mit allem möglichen Unrat, aber auch mit Steinen, schweren Holzstücken, Eisenstangen und anderen gefährlichen Gegenständen. Und da sein Palast sich gerade in der Nähe des Ghetto befand, so litten die Juden schwer unter seinem Mutwillen. Endlich faßten sie sich ein Herz, entsandten eine Abordnung zum Papst und führten Beschwerde über den allzu witzigen Marchese. Der Papst ließ den Marchese Grillo rufen und stellte ihn zur Rede. „Aber das sind doch nur Juden“, rechtfertigte sich der Marchese. „Juden oder nicht, aber sie sind doch — wenn auch verblendete und sündige — Geschöpfe Gottes“, replizierte der Papst und verbot ihm bei Strafe, die Juden zu molestieren. Der Marchese ließ jedoch nicht locker. „Aber, Heiliger Vater, ich kann es einfach nicht über mich bringen, einen Juden ganz ungeschoren gehen zu lassen. Ich muß ihm etwas nachwerfen, sonst halte ich es einfach nicht aus. Gestattet mir wenigstens, daß ich die Juden mit Früchten bewerfe.“ Der Papst lächelte und gab dem witzigen Marchese die erbetene Erlaubnis. Am nächsten Tage stand der noble Römer wiederum auf seinem Posten und warf auf die vorübergehenden Juden — Kokosnüsse. Mancher Jude bekam einen blutigen Kopf davon. Das Ghetto entsandte wiederum eine Deputation zum Papst. Der Marchese wurde in den Vatikan gerufen und zur Rede gestellt. „Aber, Heiliger Vater,“ verteidigte sich Grillo, „Sie haben mir doch erlaubt, die Juden mit Früchten zu bewerfen. Nun, ich habe die Früchte einer — Palme gewählt.“ Dem Papst leuchtete der Witz ein, er lachte und entließ den Marchese in Gnaden. Und die „giudii“ mußten auch weiterhin die Späße des römischen Patriziers mit Geduld ertragen. . . . Ich habe diese Geschichte erzählt, nicht etwa wegen ihres „Humors“ (denn Humor ist in Rom schwer zu finden), sondern wegen ihres symbolischen Wertes. Der trasteverinische Possenreißer ahnte gar nicht, welchen tiefen Sinn diese Erzählung in sich birgt, wie bezeichnend sie für die Lage der Juden allüberall ist. Es ist kaum eine Uebertreibung, wenn ich sage, daß das ganze jüdische „Golus“ in dieser Anekdote versinnbildlicht ist. Ich habe es an einer anderen Stelle und in einem anderen Zusammenhang ausgeführt*), daß die Geschichte des Exiljudentums vor allem die Geschichte einer Resistenz, des Widerstandes gegen die Anfeindungen der anderen war. Mit anderen Worten — die Geschichte des Antisemitismus. Es ist bloß eine „Formfrage“. Es gilt in jedem Zeitabschnitt bloß festzustellen, wie und in welcher Weise sich der Antisemitismus geäußert hat, ob in der ersten Art des Marchese Grillo oder — in der zweiten. *) Vgl. „Ost und West“ November 1912 m. Aufsatz: Zur Methodologie der jüdischen Geschichte. Die Geschichte der Juden ist deshalb auch so eintönig und inhaltsarm. Sie hat keine Entwicklung. Es ist kein Drama, in dem die Handlung von Akt zu Akt gesteigert, der Knoten immer enger geschürzt wird, um endlich so oder so gelöst zu werden. Es ist vielmehr ein ewiges Einerlei, ein Märchen ohne Ende. Eine tragikomische Burleske, die sich um Marchese Grillo und die Juden dreht. Die einzige Abwechslung in diesem Fastnachtsspiel der Geschichte ist — Marchese Grillo. Die einzige Nuance ist — die Art seiner Späße. Die ganze Frage ist die, womit die Juden beworfen werden — mit lebensgefährlichen Gegenständen oder mit — Zapfen. Und das ist der Unterschied zwischen der „Emanzipation“ und der „Ghettozeit“. Wir erleben jetzt die Verdoppelung Grillos. Im Osten Europas wird an der ganz alten, von den Vätern ererbten Methode festgehalten, an der Ghettopolitik. Und auch dies in der verschärftesten, raffiniert grausamsten Weise. Aber der „Westen“ ist nicht mehr so naiv-barbarisch, so ungeniert in seinen Späßen. Er hat denn doch noch ein bißchen Respekt vor dem Heiligen Stuhl der Kultur, der Freiheit und der Demokratie. Der Antisemitismus in seiner russischen Form kann in Westeuropa einfach nicht bestehen. Er wäre die Negation und Zersetzung der europäischen Kultur. Und die westeuropäischen Nationen sind doch zu weit fortgeschritten. Kann man sich z. B. in England und Frankreich oder in Deutschland Judenpogrome nach russischer Art oder eine Judenverfolgung moskowitischer Prägung vorstellen? Es geht einfach nicht. Im Lande Kants und Goethes, im Lande der Prinzipien von 1789 ist das Gewissen der Menschen viel zu wach, das menschliche und rechtliche Empfinden viel zu stark. Aber Marchese Grillo kann zur Not seine zweite, weniger auffallende und „kulturelle“ Methode zur Anwendung bringen. Er tut es reichlich. Und dies ist der westliche Antisemitismus oder der „Neo-Antisemitismus“. Ich bedaure eigentlich die westeuropäischen Antisemiten: Sie müssen ihr Gehirn allzu sehr anstrengen. In der Tat, wie kann man in einem Lande, wo eine rechtmäßige Verfassung und eine starke Demokratie und ein mächtiges Freiheitsbedürfnis vorhanden sind — Antisemitismus predigen, ohne die Grundlage des Staates und des Rechts zu untergraben? Man frage jeden beliebigen westlichen Antisemiten — der „Westen“ beginnt übrigens nicht weit von der Mainlinie —, ob ein Staat zu Recht bestehen könne, in dem es Bürger erster, zweiter und x-ter Güte gibt, ob nicht die Gleichheit aller vor dem Gesetz die Grundlage des modernen Gesellschaftslebens sei, und er wird sich verletzt fühlen, daß man an ihn eine so selbstverständliche Frage richtet. Wenn man ihn aber weiter fragt, wie er seinen Antisemitismus logisch rechtfertigen kann, so geht der Tanz los. Der lustige Tanz der Dialektik, des Ja und Aber, der Verklausulierungen und Spintisierereien. Wir kennen ja das Lied. Es wird in Deutschland in allen Tonarten gesungen. Rasse, psychische Kluft, Unversöhnlichkeit der Geistestendenzen, Wüstenvolk, Nicht- Assimilierbarkeit. Ehrlicher deutscher Schweiß wurde an der Begründung des „Neo-Antisemitismus“ in Eimern vergossen. Der arme Dühring hat Bücher über Bücher geschrieben, hat die Besten des deutschen Volkes in den Kot gezerrt, um seinem Judenhaß eine Formulierung und Begründung zu geben. Houston Stewart Chamberlain