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Die Welt · 1913-03-14 · 11 (14.3.1913) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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338 Nr. 11 DIES^KELT dürft, die in Petersburger Gelehrtenkreisen eingeleitet wurde, damit ihm durch einen besonderen Erlaß des Zaren die Teilnahme am Kongreß ermöglicht würde; allein er wolle unter keinen Umständen von einer Vergünstigung Gebrauch machen, die seinen jüdischen Brüdern vorenthalten wird, und müsse die Zumutung entschieden ablehnen, die beschämende Rolle eines privilegierten Ausnahmsjuden zu spielen. Jüdische Einwanderung in Amerika (Von unserem Berichterstatter.) N e w Y o r k. Der dieser Tage erschienene vierte Jahresbericht der Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society bringt äußerst interessante Daten. Danach betrug vom 1. Januar bis 31. Dezember 1912 die Zahl der jüdischen Einwanderer in New York 64 738, darunter 6526 Familien, welche dem Familienoberhaupt nachkamen, und 2 596 ganze Familien. Es ist klar, daß die Männer, welche ihre Familien nachkommen ließen, wirtschaftlich gut vorwärts gekommen waren. Von den 64 738 jüdischen Einwanderern waren 19 056 verheiratet, 2 017 verwitwet, 47 geschieden, 15 279 Kinder unter 14 Jahren und 8774 Mädchen. Diese Einwanderer brachten die Summe von 7 003 811 M. mit, so daß auf den Kopf ca. 110 M. entfallen. Dazu kommen noch 1 035 008 M., welche diese Immigranten bei der Landung als Kopfsteuer zahlten. Außerdem zahlt jeder Immigrant ca. 300 M. für die Schiffs- und Eisenbahnfahrt, was bei 64 738 jüdischen Einwanderern 19 421 400 M. ausmacht, wovon 33^/zo/o der Kasse der Eisenbahngesellschaften von Amerika zufielen. Rechnet man nun noch das Geld für Transport des Gepäckes und die Provision, welche amerikanische Schiffsagenten bei Verkauf der Fahrkarten erhielten, hinzu, so kann der finanzielle Wert der jüdischen Einwanderung im Jahre 1912 auf mindestens 28000 000 M. geschätzt werden. Die Zahl der von den Hafenbehörden zurückgewiesenen Einwanderer belief sich auf 640 (davon 103 wegen ansteckender und ekelerregender Krankheiten) [im Vorjahre 787 Deportationen bei einer Einwandererzahl von 61 500]. Das Bureau der genannten Society in Ellis Island nahm sich der Interessen von 3133 jüdischen Einwanderern an, welche von den Boards of Special Inquiry abgewiesen waren. Von diesen wurden 1766 nach nochmaliger Untersuchung zur Einwanderung zugelassen; 673 wurden auf Antrag zur Behandlung ins Hospital gegeben. Ganz besondere Sorgfalt wird den einwandernden jungen Mädchen zuteil. Die jüdischen Einwanderer des letzten Jahres verteilten sich auf 156 Städte in den Vereinigten Staaten, Kanada, Kuba und Panama. Ein wichtiger Teil der Arbeit der Society ist die Hilfeleistung bei der Naturalisation, und es ist der Society gelungen, 35 000 jüdischen Immigranten zur Erlangung der Bürgerrechte in den Vereinigten Staaten während der letzten fünf Jahre zu verhelfen. Im Jahre 1912 wurden 11 250 Personen naturalisiert. Eine Sprachenfrage in Südafrika (Von unserem Berichterstatter.) Johannesburg. In der großen jüdischen Gemeinde von Johannesburg wird gegenwärtig ein Kampf um die Frage ausgefochten, ob die Jargonsprache oder Englisch die herrschende Sprache der Gemeinde sein soll. Es gibt in Johannesburg bei einer weißen Bevölkerung von 120000 Personen zehn- bis zwölftausend Juden, also eine relativ sehr erhebliche Zahl. Es erscheinen hier zwei englische und zwei Jargon-Zeitungen, und zwar „The Zionist Record“ und „Jewish Chronicle“ (englisch), „Die Jüdische Föhn“ und „Der Afrikaner“ (Jargon). Die drei letzteren sind Wochenschriften, der „Zionist Record“ erscheint monatlich: er ist das offizielle zionistische Organ der Südafrikanischen Federation. Vor einigen Wochen erschien plötzlich in Johannesburg eine kleine Tageszeitung in, Jargon, und wenige Wochen später eine größere Jargonzeitung, betitelt „The New Home“. Aus Furcht vor der Konkurrenz und vor der Vernichtung ihrer Existenz haben die beiden Jargon-Wochenschriften dem Johannesburger jüdischen Publikum mitgeteilt, daß sie in wenigen Wochen ebenfalls täglich erscheinen würden. So wird es also vier Jargon- Tageszeitungen geben. Es ist vielleicht verfrüht, diesen journalistischen Unternehmungen schon jetzt ein Prognostiken zu stellen, aber wir müssen uns doch fragen: Können vier Tageszeitungen existieren, wenn sie auf eine Bevölkerung von 12 000 Seelen angewiesen sind, von welcher ein Viertel die Jargonsprache nicht versteht? Es wird sicher ein Kampf auf Leben und Tod zwischen diesen vier täglich erscheinenden Jargonzeitungen einsetzen, aus welchem selbst der Sieger als geschlagen hervorgehen wird. Bei dem Mangel guter Jargonschriftsteller in Johannesburg wird sich das siegreiche Blatt wohl bald wieder in eine Wochenschrift verwandeln. Augenblicklich ist der Jargon die vorherrschende Sprache in Johannesburg, da sie von den großen Mengen von Juden gesprochen wird, die aus Ost-Europa zuwandern. Aber im Laufe der Jahre wird das aufhören, da die jüngere Generation von Johannesburg sich nicht gern des Jargons bedient, sondern statt dessen lieber Hebräisch studiert. Uri Nissan Gnessin Nach langem Leiden verschied in Warschau am 6. d. M. der junge hebräische Schriftsteller U. N. Gnessin im Alter von einunddreißig Jahren. Sein kurzes Leben war arm an Freuden und äußeren Erfolgen. Still und ernst ging er seinen Weg, eine in sich gekehrte Natur. Und wie sein Wesen, so war auch sein Schaffen. „Lebensschatten“ betitelt sich seine erste Skizzensammlung, die im Jahre 1899 im Verlag „Tuschijah“ erschien. Die darin gezeichneten Gestalten wandeln abseits von der breiten Heerstraße des Alltags. Gnessin verkörperte in sich jenen Typus der gegenwärtigen Ghettojugend, der sich vergeblich in eine neue Welt hinaussehnt. Das Alte haben sie innerlich überwunden — ohne seelischen Ersatz gefunden zu haben. Der äußere Druck, die Armut und Rechtlosigkeit hemmen die Bildung neuer Lebensformen, die der erwachten Erkenntnis und den gereiften Bedürfnissen entsprächen. Dieser Gegensatz zwischen Inhalt und Form, eigenem Wollen und fremder Umgebung wurde auch für Gnessin, wie vorher für Feierberg, zum tragischen Konflikt, an dem er frühzeitig zugrunde ging. Seine langen Irrfahrten brachten ihm keine Befriedigung. Ein schweres Herzleiden hat ihn nun hingerafft. In Gnessin verliert die hebräische Literatur eines ihrer besten Talente. Mit scharfer Beobachtungsgabe und ungewöhnlichem Darstellungsvermögen verband er einen tiefen Emst in der Auffassung seiner künstlerischen Aufgaben. Die Literatur war ihm gleichsam ein Heiligtum, worin er als diensttuender Priester mit besonderer Weihe seines Amtes waltete. Ein besonderes Ideal war ihm die Schaffung hebräischer Bühnenwerke für die „Bamah Ibrith“, wofür er verschiedene Entwürfe ausarbeitete — doch sollte ihm die Durchführung derselben nicht vergönnt sein. Wir betrauern in ihm eine wahrhafte Dichternatur, einen edlen Menschen und Mehrer unserer Nationalliteratur. J. L

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